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Sport
Interview

Schwingen: Das sagt Topfavorit Samuel Giger vor dem Klichberger

Samuel Giger vor dem Schlussgang gegen Matthias Aeschbacher, am Nordostschweizer Schwingfest, am Sonntag, 12. September 2021, in Mels. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Samuel Giger ist der Mann, den es am Kilchberger zu schlagen gilt.Bild: keystone
Interview

Favorit Giger vor dem Kilchberger Schwinget: «Das Profitum wird so schnell nicht kommen»

Samuel Giger ist der grosse Favorit des 17. Kilchberger Schwingets vom kommenden Samstag. Der 23-jährige Thurgauer über seine Rolle und die Entwicklung des Schwingsports.
23.09.2021, 13:37
Ives bruggmann / ch media

Das Jahr 2021 ist der Beweis: Samuel Giger entwickelte sich weiter – in allen Bereichen. Das hat auch damit zu tun, dass der 23-jährige Thurgauer seit kurzem auf Sponsoren setzt und deshalb sein Pensum als Lastwagenchauffeur reduzieren konnte. Aufgrund seiner derzeitigen Form reist der Modellathlet als Favorit nach Kilchberg, wo am Samstag der Saisonhöhepunkt steigt.

Sie haben in dieser Saison sieben Kranzfeste gewonnen und dabei von 54 Gängen nur einen verloren. Ist der Samuel Giger dieses Jahres die beste Version überhaupt?
Samuel Giger: Ja, ich glaube, das kann man so sagen. So eine gute Saison hatte ich noch nie, auch wenn ich zum Glück auch noch nie eine schlechte hatte. Ich konnte das ganze Jahr schwingen, hatte nie eine Verletzung, nichts, was mich gestört hätte. Ich bin in Form. So gut wie bis jetzt wohl noch nie. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich mittlerweile weiss, wie der Karren läuft. Ich kann mich auf mich selbst verlassen. Es macht mir aktuell sehr viel Freude zu schwingen.

ARCHIVBILD ZUR VORSCHAU AUF DAS KILCHBERG SCHWINGET, AM MITTWOCH, 22. SEPTEMBER 2021 - Samuel Giger gewinnt gegen Matthias Aeschbacher, im Schlussgang, am Nordostschweizer Schwingfest, am Sonntag, 12. ...
Samuel Giger hat in dieser Saison fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab.Bild: keystone

Fühlen Sie sich unbesiegbar?
Nein. Es ist nicht so, dass ich am Morgen schon als Sieger feststehe. Es war eine spezielle Saison vom Formaufbau und vom Verlauf her. Ich wusste zuerst auch nicht, wo ich stehe. Umso schöner, dass es so gut gelaufen ist.

Zwei eidgenössische Kränze, 22 Kranzfestsiege, Rekordsieger auf der Schwägalp: Welcher Erfolg bedeutet Ihnen am meisten?
Darüber mache ich mir nicht gross Gedanken. Ich bin immer noch hungrig, was normal ist in diesem Alter. Ich schaue gar nicht so oft zurück, sondern lieber nach vorne. Für das Selbstvertrauen sind diese Erfolge natürlich schön. Und dennoch will ich mich nicht ausruhen auf dem, was ich erreicht habe. Ich will immer noch mehr. Aber klar: Auf die zwei eidgenössischen Kränze bin ich stolz, wie auch auf die vier Schwägalpsiege. Und die 46 Kränze mit 23 Jahren sind eine schöne Zahl.

Sie sind der grosse Favorit am Kilchberger Schwinget. Wie gehen Sie mit dieser Rolle um?
Über die Favoritenrolle mache ich mir keine Gedanken. Ich sehe sie auch nicht als Bürde, weil ich es bis jetzt geschafft habe, mich selbst nicht in diese Rolle reinzudrücken. Ich schaue den Kilchberger Schwinget an wie jedes andere Schwingfest. Denn es findet an einem Tag statt, und es werden sechs Gänge ausgetragen. Weil nur die 60 besten Schwinger teilnehmen, wird es sicher sehr hart.

Samuel Giger gewinnt gegen Michael Wiget im Schlussgang beim traditionellen Schwaegalp Schwinget, am Sonntag, 15. August 2021, auf der Schwaegalp in Urnaesch. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)..
Auf den Schultern der Kollegen will Giger auch am Samstag wieder sitzen.Bild: keystone

Sie verlieren kaum. Wie gut können Sie mit Niederlagen umgehen?
Im ersten Moment wurmt es mich natürlich. Das ist normal. Aber es nützt nichts, wenn ich danach den Kopf in den Sand stecke und mir sage, jetzt ist alles schlecht, es läuft nicht. Wichtig ist für mich, die Niederlage zu analysieren. Herauszufinden, wieso ich verloren habe, und danach zu wissen, wie ich es das nächste Mal anders machen kann. Aus Niederlagen lernt man mehr als aus Siegen. Die Kunst liegt aber darin, sich auch dann weiterzuentwickeln, wenn man wenig verliert. Ich will mich immer verbessern, immer stärker werden. Damit das so bleibt, muss man aus Siegen und Niederlagen das Beste rausziehen. Es ist nicht so, dass ich nach einer Niederlage eine Woche lang betrübt bin und alles hinterfrage.

Kann es sein, dass Sie trotz der schwingfreien Zeit während der Corona-Pandemie stärker wurden?
Ich habe mir immer gesagt: Die anderen schlafen nicht. Und das ist sicher so gewesen. Ich steckte nie zurück, denn irgendwann kommt der Punkt, an dem es wieder losgeht. Den Trainingsaufwand habe ich nie reduziert. Vielleicht ist es so, dass sich der Körper in diesem Jahr ohne Sägemehl erholen und schonen konnte. Als wir zu Beginn wieder ins Sägemehl durften, merkten wir, dass der Körper diese Krafteinflüsse und Schläge nicht mehr gewohnt ist.

Viele Schwinger verletzten sich. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der Zwangspause?
Ich denke schon. Vor allem bei jenen, die sich zu Beginn der Saison verletzten. Die Vorbereitung war schon sehr kurz. Es ging dann gleich mit den Kranzfesten, den Ernstkämpfen, los.

Technisch haben Sie einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Wie haben Sie das geschafft?
Es ist mir gelungen, die Schwünge aus dem Training an den Schwingfesten erfolgreich anzuwenden. So kam die Sicherheit, dass es funktioniert. Jetzt weiss ich: Ja, es geht. Das gibt Selbstvertrauen und macht mich gleichzeitig für die Gegner unberechenbarer.

Sie öffneten sich für Sponsoren und bauen seit kurzem auf fünf Unterstützer aus Ihrer Region. Hat sich das ausbezahlt?
Ich fühle mich gut dabei, es läuft gut. Es ist nicht so, dass ich nun zusätzlichen Druck verspüre, weil ich unter Vertrag stehe. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich bis jetzt gewartet habe mit dem Sponsoring, und dass ich das vorher gar nicht wollte. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich alt und reif genug bin dafür. Ich bringe zudem alles unter einen Hut und bereue deshalb nichts. Im Gegenteil.

IMAGE DISTRIBUTED FOR LIDL SCHWEIZ FOR EDITORIAL USE ONLY - Samuel Giger und Lidl Schweiz // Weiterer Text ueber ots und http://presseportal.ch/de/pm/100016795/100867086 (obs/LIDL Schweiz via KEYSTONE ...
Werbung gehört mittlerweile auch zum sonst so traditionellen Schwingsport.Bild: keystone

Es fällt viel administrative Arbeit an aufgrund der sozialen Medien und Termine mit Sponsoren. Wer unterstützt Sie?
Wenn ich alles alleine machen müsste, könnte ich mich zu wenig auf den Sport konzentrieren, hätte zu viele andere Gedanken. Es ist immer mehr geworden. Ich bin in diesem Bereich super aufgestellt mit meinem persönlichen Umfeld, werde sehr unterstützt. Dafür bin ich dankbar. Bei Anfragen, Mails, sozialen Medien und Sponsoring wird mir unter die Arme gegriffen, und ich kann mich voll aufs Training und aufs Schwingen konzentrieren. Ich entscheide natürlich, aber wenn eine Mailanfrage kommt, muss ich nicht selber in die Tasten hauen. Das sind Vertrauenspersonen, auf die ich mich verlassen kann. Das hilft mir, erfolgreich zu sein.

Sie sind ein Perfektionist im Schwingen – und privat?
Im sportlichen Bereich ist es so, dass ich die Perfektion anstrebe. Privat bin ich vielleicht ein bisschen weniger perfektionistisch und sehe einige Dinge etwas lockerer.

Samuel Giger am Brunnen vor seinem dritten Gang, beim Schwarzsee Schwingfest, am Sonntag, 5. September 2021 in Schwarzsee. (KEYSTONE/Peter Klaunzer) .
Samuel Giger überlässt nichts dem Zufall.Bild: keystone

Sie reduzierten Ihr Pensum als Lastwagenchauffeur vor eineinhalb Jahren. Hat sich das gelohnt?
Das 80-Prozent-Pensum tut mir gut. Dadurch kann ich zwei Trainings mehr einbauen, habe aber dennoch ein bisschen mehr Erholungszeit sowie mehr Zeit für Sponsoren- und Medientermine. Das musste ich vorher alles am Feierabend unterbringen. Dadurch habe ich nun auch mehr Zeit für mich selbst.

Sie könnten Ihr Pensum weiter reduzieren oder sogar Profischwinger werden.
Ich denke, im Schwingen wird das Profitum so schnell nicht kommen. Tradition und Brauchtum werden grossgeschrieben. Es wird weiterhin jeder einer Arbeit nachgehen. Das fände ich persönlich auch schön, wenn wir das so beibehalten könnten. Das wichtigste Training für uns Schwinger ist jenes im Sägemehl. Dafür braucht man seine Schwingkameraden. Und weil alle arbeitstätig sind, finden die Schwingtrainings immer abends statt. Wenn ich zum Beispiel nicht mehr arbeiten würde, hätte ich schier den ganzen Tag Zeit für mich selber. Das würde mir nicht guttun. So wie jetzt, mit meinem Beruf, habe ich einen geregelten Tagesablauf. Ich arbeite gerne. Ich brauche das, damit ich mich ausgeglichen fühle.

Sie nahmen bereits vor sieben Jahren am Kilchberger Schwinget teil. Doch das Fest war kurz.
Ja, mit 16 Jahren war ich erstmals dabei. Aber leider verletzte ich mich im ersten Gang bereits und musste das Fest abbrechen. Das ist keine schöne Erinnerung. Weil es nicht so viele Möglichkeiten in einer Schwingerkarriere in Kilchberg gibt, ist die Motivation umso grösser, möglichst gut abzuliefern.

Der Kilchberger Schwinget findet nur alle sechs Jahre statt. Was macht den Anlass darüber hinaus so prestigeträchtig?
Ursprünglich entstand der Kilchberger Schwinget als Revanche des Eidgenössischen Schwingfests. Das macht es speziell. Das wichtigste Kriterium ist aber, dass der Anlass eidgenössisch ist. Es ist ein grosser Titel, den man gewinnen kann. Zusätzliche Brisanz ergibt sich durch die Tatsache, dass nur die besten 60 Schwinger teilnehmen dürfen und so das Niveau extrem hoch ist.

Blick auf den Festplatz am 16. Kilchberger Schwinget am Sonntag, 7. September 2014, in Kilchberg. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

An overall view of the Arena during the Swiss Wrestling tournament "Ki ...
Der Kilchberger Schwinget wurde letztmals im Jahr 2014 ausgetragen, damals gewann Matthias Sempach.Bild: KEYSTONE

Wie sehen Ihre letzten Tage vor dem Wettkampf aus?
Ich reduziere das Pensum ein wenig, werde am Freitag sicher den ganzen Tag freinehmen. Auch das Training wird in abgespeckter Form stattfinden, damit ich topfit nach Kilchberg fahre und nicht ausgelaugt bin. Die Erholung ist wichtig. Ich versuche, nicht viel zu ändern, es hat ja bestens funktioniert in dieser Saison.

Wie läuft die Vorbereitung auf den Gegner (Joel Wicki, Anm.d.Red.) im ersten Gang?
Zu einem grossen Teil mache ich mir selbst Gedanken über den ersten Gang. Es gehört aber dazu, dass ich mit dem Trainer und den Trainingskollegen über den ersten Gegner spreche. So lege ich mir dann eine Taktik zurecht.

Die Spitzenpaarungen im 1. Gang
Samuel Giger (NOSV) - Joel Wicki (ISV)
Damian Ott (NOSV) - Kilian Wenger (BKSV)
Remo Käser (BKSV) - Werner Schlegel (NOSV)
Matthias Aeschbacher (BKSV) - Sven Schurtenberger (ISV)
Nick Alpiger (NWSV) - Samir Leuppi (NOSV)
Domenic Schneider (NOSV) - Fabian Staudenmann (BKSV)
Patrick Räbmatter (NWSV) - Christian Schuler (ISV)
Curdin Orlik (BKSV) -Benji von Ah (ISV)
Florian Gnägi (BKSV) - Mike Müllestein (ISV)
Michael Bless (NOSV) - Kilian von Weissenfluh (BKSV)
Joel Ambühl (ISV) - Adrian Walther (BKSV)
Michael Ledermann (BKSV) - Marcel Räbsamen (NOSV)
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