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Antonio Giovinazzi im vergangenen Jahr in Spielberg beim GP von Österreich.
Antonio Giovinazzi im vergangenen Jahr in Spielberg beim GP von Österreich.
Bild: EPA
Interview

Alfa-Romeo-Teammanager Zehnder: «Wir sind genau so schweizerisch, wie wir es zuvor waren»

23.06.2020, 13:4223.06.2020, 14:30

Die Formel 1 startet am 5. Juli in Spielberg mit dem Grossen Preis von Österreich mit 112 Tagen Verspätung in die Saison 2020. Seit dem geplatzten Auftakt-Wochenende in Melbourne sind über drei Monate vergangen. Beat Zehnder, der Teammanager von Alfa Romeo, erzählt, wie das einstige Sauber-Team auf die Corona-Krise reagiert hat, wie er die Zukunft der Formel 1 sieht und was er von der Saison erwartet, von der man bislang nicht weiss, wann und wo sie zu Ende geht.

Beat Zehnder, Sie sind seit bald 26 Jahren als Teammanager in der Formel 1 tätig. Eine so lange Pause ohne Rennen haben Sie wohl noch nie erlebt?
Ja, das ist so. Aber es hat auch seine positive Seite. Ich habe erstmals seit 33 Jahren wieder einmal einen Frühling in der Schweiz erlebt.

Das Werk in Hinwil war über zwei Monate lang geschlossen. Wie ist das Team mit der Situation umgegangen?
Die Formel 1 hat zuerst einen dreiwöchigen Shutdown beschlossen, der später auf 63 Tage ausgeweitet wurde. Diese Massnahme wurde ergriffen, damit sich niemand einen Vorteil aus der Situation verschaffen kann. Ferrari zum Beispiel wurde das Arbeiten von der Regierung verboten. Wir konnten Kurzarbeit anmelden.

Bald wieder an der Strecke: Beat Zehnder.
Bald wieder an der Strecke: Beat Zehnder.
Bild: www.imago-images.de

Statt von Ort zu Ort zu reisen und um WM-Punkte zu kämpfen, sassen Sie plötzlich wochenlang zuhause.
Es war für uns alle eine komplett neue Erfahrung. Ich kann nur für das Rennteam sprechen. Wir wollen Rennen bestreiten, wir sind Verrückte. Wenn plötzlich diese Grundlage fehlt, kommt man schon ins Grübeln. Wir haben aber relativ früh positive Signale erhalten vom Eigentümer Islero Investments, dass sie mit uns die Krise durchstehen werden. Es musste also niemand um seinen Job bangen.

Gibt es Parallelen zur Krise vor fünf Jahren, als es dem Team sportlich wie auch finanziell schlecht ging?
2015 und 2016 ging es ums Überleben der Firma. Wir haben unsere Löhne damals zwar immer bekommen, aber nicht immer rechtzeitig. Die Ungewissheit war gross. Manchmal wussten wir nicht, ob das Geld bis zum nächsten Rennen reicht. Für mich persönlich war es die schwierigste Zeit in all den Jahren bei Sauber. Zu vergleichen ist die Situation mit heute deshalb nicht.

Also keine Existenz-Ängste wegen der Corona-Krise?
Nein. Das ist aber eine Momentaufnahme. Sollte es zu einem weiteren Lockdown kommen und wir aus irgendwelchen Gründen keine Rennen bestreiten können, dann wird es schon heftig. Du hast einerseits hohe Ausgaben und andererseits keine Einnahmen. Ich bin mir sicher, dass die Eigentümer uns auch dann die Stange halten würden. Allerdings müssten wir uns dann wohl doch mit aktiven Sparmassnahmen beschäftigen.

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Teamgründer Peter Sauber hat sich vor vier Jahren aus dem Unternehmen zurückgezogen. Wie viel Schweiz steckt noch im aktuellen Auto C39?
Alles. Peter Sauber ist zwar nicht mehr dabei. Auch das «Sauber» im Teamnamen ist verschwunden, das hat strategische Gründe. Aber die Firma selber heisst weiterhin Sauber-Motorsport. Das «C» (für Christiane, die Gattin von Peter Sauber) behalten wir im Namen des Autos. Nur weil wir jetzt Alfa Romeo heissen, bedeutet das nicht, dass nur noch Italiener bei uns arbeiten. Wir sind genau gleich schweizerisch, wie wir es zuvor waren. Wir sind ein KMU mit rund 500 Mitarbeitern, das es ziemlich genau seit 50 Jahren gibt. Wir zahlen unsere Steuern in Hinwil. Das ändert nichts daran, dass Peter nicht mehr dabei ist.

Das Fahrerduo 2020: Antonio Giovinazzi (links) und Kimi Räikkönen.
Das Fahrerduo 2020: Antonio Giovinazzi (links) und Kimi Räikkönen.
Bild: EPA

Wie beeinflusst die besondere Situation den Bau des Autos für 2021?
Massiv. Wir haben uns entschieden, dass wir mit dem aktuellen Auto auch in die Saison 2021 gehen. Das hat finanzielle Gründe. Wir müssen mit Einnahme-Einbussen rechnen, weil wir nicht alle 22 Rennen fahren können, wie ursprünglich geplant. Die komplette Regel-Reform wurde deshalb auch um ein Jahr auf 2022 verschoben. Das heisst, ein Grossteil des Autos von 2021 bleibt gleich. Es muss, vom Reglement her.

Die erste Version des Rennkalenders mit acht Rennen in zehn Wochen gleicht einem Mammutprogramm. Was sind die grössten Herausforderungen?
Acht Grands Prix in zehn Wochen sind schon heftig. Wir werden in den nächsten Wochen extrem viel arbeiten. Die grösste Herausforderung ist sicher, dass wir trotzdem genügend Ruhezeit einplanen. Wegen der Corona-Pandemie bewegen wir uns entweder auf der Rennstrecke oder im Hotel. Da ist die Gefahr eines Lager-Kollers natürlich da.

Sie leben also ziemlich abgeschottet?
Die Formel 1 ist eine grosse Blase. Jedes Team ist eigentlich ein Family Cluster. Die Idee ist, dass wir alle zusammenbleiben, sicher für die ersten drei Rennen. Wir kommen getestet nach Österreich und werden dort fortlaufend getestet, ehe wir nach dem zweiten Rennen nach Ungarn weiterreisen. Nach einer kurzen Pause zuhause beginnt das Test-Prozedere für die Rennen 4 und 5 in England und den GP in Barcelona wieder von vorne.

Da sind Sie als Teammanager besonders gefordert.
Der administrative Aufwand momentan ist extrem hoch, gerade wegen den Covid-Tests. Jeder Mitarbeiter untersteht unseren Testaktivitäten. Wir haben bis jetzt zum Glück noch keinen einzelnen Corona-Fall im Team gehabt. Und wir werden alles daran setzen, dass das so bleibt.

Welche sportlichen Erwartungen haben Sie an diese Saison?
Das Team muss ganz klar besser sein als letzte Saison. Wir hatten ein sehr durchzogenes letztes Jahr. Auch, weil Antonio Giovinazzi zu Beginn etwas Mühe hatte, auf Touren zu kommen. Wir haben ihm das Leben aber auch zusätzlich schwergemacht, in dem er sehr viele technische Probleme hatte. Wir müssen sicher besser werden als letztes Jahr.

2022 folgt die grosse Regel-Reform, die Budgetobergrenze kommt bereits im nächsten Jahr. Wie könnte Ihrer Meinung nach die Formel 1 in drei Jahren aussehen?
Meine Hoffnung ist, dass die Teams näher zusammenrücken. Wenn die Topteams mal einen schlechten Tag erwischen oder die privaten Teams einen sehr guten, sollte für uns wieder einmal ein Podestplatz drin liegen. Von den letzten rund 360 Podestplätzen sind etwa zehn nicht an Mercedes, Ferrari oder Red Bull gegangen. Das muss sich ändern. Es muss wieder spannender werden. Ich denke, mit den Regeländerungen und der Budgetobergrenze werden wir das erreichen. Für grosse Veränderungen 2022 oder 2023 ist es wahrscheinlich noch etwas zu früh. Da werden die Topteams wohl weiterhin den Ton angeben.

Was bedeutet der Kostendeckel für Ihr Team?
Das hat für uns keinen Einfluss. 145 Millionen Franken pro Jahr, das liegt noch ein gutes Stück über unserem Budget. (ram/sda)

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quelle: photopress-archiv / str
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