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Für Marco Odermatt sind Adelboden, Wengen oder Kitzbühl wichtiger als Olympia.
Für Marco Odermatt sind Adelboden, Wengen oder Kitzbühl wichtiger als Olympia.
Bild: keystone
Interview

Marco Odermatt vor der Saison: «Von Olympia halte ich nicht ganz so viel»

Der Innerschweizer Weltcupfahrer erklärt zwei Wochen vor dem Auftakt in Sölden im grossen Interview, wieso ihm ein Sieg in Kitzbühel wichtiger ist als einer in Peking und wieso er sich in der Klimafrage nicht engagiert.
10.10.2021, 19:37
rainer sommerhalder / che media

Am 24. Oktober startet die Weltcupsaison der Männer mit einem Riesenslalom auf dem Gletscher in Sölden. Marco Odermatt fokussiert sich auf die Gesamtwertung und sagt vor dem Auftakt: «Ich habe noch nie so gut trainiert».

Sie sind in der Öffentlichkeit stets gut drauf. Die gute Laune und ihre Lockerheit stechen hervor. Gibt es auch den nachdenklichen, den traurigen Marco Odermatt?
Marco Odermatt:
Doch, den gibt es. Etwa an der WM war ich nach den Rennen schon enttäuscht. Aber ich kann solche Momente rasch hinter mir lassen. Dass ich in meinem Sport grundsätzlich erfolgreich unterwegs bin, hilft mir, diese Dinge schneller abzuhaken und den Blick nach vorne zu richten.

«Es hört sich jetzt vielleicht etwas seltsam an, aber von Olympia halte ich nicht ganz so viel.»

Wie lange trauerten Sie an der WM den verpassten Medaillen nach?
Am Renntag war ich sauer, am Morgen danach war die Sache für mich erledigt.

Aber am unglücklich verlorenen Duell um den Gesamtweltcup nagten Sie länger?
Nein (lacht). Der Sieg im Weltcup war ja auch nicht etwas, mit dem ich rechnen konnte. Vielleicht hätte ich mehr Zeit für die Verarbeitung benötigt, wenn ich seit Jahren als Topfavorit antreten würde und es einfach nie klappt. Ich jedoch hätte vor der Saison für den zweiten Platz sofort unterschrieben.

In diesem Winter folgt dieselbe Herausforderung: Bei Olympia sind Medaillen an einem spezifischen Tag gefragt, im Weltcup Konstanz über die ganze Saison. Was hat den höheren Stellenwert?
Ich gewichte den Gesamtweltcup etwas höher als die Olympischen Spiele. Es hört sich jetzt vielleicht etwas seltsam an, aber von Olympia halte ich nicht ganz so viel. Gerade, wenn die Winterspiele in Ländern ausgetragen werden, die keinen Bezug zum alpinen Skisport haben und die Wettkämpfe bei uns in der Schweiz erst noch mitten in der Nacht zu sehen sind.

Marco Odermatt – zur Person
Der 24-Jährige ist der wohl kompletteste Schweizer Skifahrer. 2018 holte er an den Junioren-Weltmeisterschaften fünf Goldmedaillen. Im vergangenen Winter gewann er Weltcuprennen im Riesenslalom und im Super-G, fuhr in diesen zwei Disziplinen insgesamt neunmal aufs Podest und holte auch in der Abfahrt drei Top-10-Plätze. Den Gesamtweltcup beendete er als Zweiter hinter dem Franzosen Alexis Pinturault. Odermatt ist in Buochs aufgewachsen und wohnt in Beckenried in einer WG.

So wie auch in Tokio.
Ja. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, auch nur einmal den Wecker zu stellen, um mitten in der Nacht einen Wettkampf zu verfolgen. Ich denke, so wird es im Februar vielen gehen, die sich normalerweise unsere Rennen am TV anschauen. Ich bedauere das.

Also ist Olympia für Sie kein Kindheitstraum?
Nein. Ich habe als Bub nie von einer Olympiamedaille geträumt. Ich freue mich auch jetzt in erster Linie auf die Highlights des Skiweltcups, etwa die Klassiker in Adelboden, Wengen oder Kitzbühel. Ich bin glücklich, dass diese Rennen seit vielen Jahren einen ungebrochen hohen Stellenwert haben.

Und ein guter Platz im Gesamtweltcup widerspiegelt die Konstanz während einer ganzen Saison?
Genau. Ich denke, in einer Sportart wie Ski ist der Gesamtweltcup die wichtigste Währung. Vom Grossanlass spricht man zwei, drei Wochen intensiv und danach ist er schnell wieder vergessen. Aber klar, zu einer grossen Karriere gehört wohl auch eine Olympiamedaille.

Also gibt es punkto Gesamtweltcup eine Kampfansage von Marco Odermatt an die Konkurrenz?
Ja, sicher! Das ist kurz-, mittel- und langfristig mein grosses Ziel, denn es ist der grösste Erfolg im Skisport. Man benötigt Glück, um überhaupt in mehreren Disziplinen über eine längere Phase ganz vorne mitzumischen. Mir ist dieser Schritt gelungen und deshalb gehöre ich zu den Mitfavoriten auf den Gesamtweltcup.

Was sind weitere Ziele?
Wer um den Gesamtweltcup fahren will, muss Rennen gewinnen. Das sagt sich so einfach, aber um in zwei oder drei Disziplinen ganz vorne mitzufahren, muss an jedem einzelnen Renntag extrem viel zusammenpassen.

Sprechen wir trotzdem nochmals über Olympia. Dort zählen nur Medaillen. An der WM im vergangenen Winter verpassten Sie dieses Ziel. Was sind die Lehren daraus?
Einige! Ich habe gespürt, wie lange sich diese zwei Wochen am gleichen Ort angefühlt haben. Das gleiche Zimmer, das gleiche Essen. Normalerweise reise ich von Ort zu Ort, mache ein, zwei Trainings und ein oder zwei Rennen und dann geht es weiter. In Cortina war ich zwei Wochen, dann kamen noch Rennverschiebungen dazu. Das alles braucht Energie – körperlich, aber vor allem mental. Um beispielsweise noch ein Riesenslalomtraining absolvieren zu können, reiste ich per Heli vom Rennen direkt weiter ins Trainingsgelände.

Das wird in Peking kaum anders ablaufen.
Nein, aber ich kann mich mit dem Wissen aus Cortina besser auf diese Situation einstellen.

Auf dieser Piste wird in Peking um die Olympiamedaillen gefahren.
Auf dieser Piste wird in Peking um die Olympiamedaillen gefahren.
Bild: keystone

Sie schaffen sich bewusst Inseln ausserhalb des Sports, bei denen der Spassfaktor im Vordergrund steht. Wie wichtig ist Ihnen dies?
Das ist mir sehr wichtig. Ich gehe beispielsweise gerne ab und zu in den Ausgang, wenn es terminlich passt. Ich bin zwar Spitzensportler, aber gleichzeitig war ich auch ein Jugendlicher und nun ein junger Erwachsener, der mindestens ein Stück weit ein normales Leben führen will. Auf diese Weise habe ich auch gelernt, relativ schnell umzustellen. Wann gilt es Ernst, muss ich voll fokussiert und ehrgeizig sein. Das ist bei mir auch im Sommer bei jedem einzelnen Konditionstraining der Fall. Da bin ich extrem konsequent.

Und daneben muss auch die Freizeit Platz haben?
Meine Beharrlichkeit im Training gibt mir das gute Gefühl, zu wissen, dass ich mir auch einen geselligen Abend am See oder ein Feierabendbier unter Freunden gönnen darf. Ich habe gelernt, den Schalter schnell und konsequent zu kippen. Diese Eigenschaft ist auch während der Saison Gold wert, wenn man so viele Rennen fährt wie ich. Da gilt es, den Schalter sehr kurzfristig umzulegen, um Phasen von An- und Entspannung optimal zu setzen.

Die Fähigkeit, trotz Druck locker zu bleiben, macht den Champion aus! Ist das auch Ihr Erfolgsrezept?
Ja, das denke ich. Man kann nicht vom Auftakt in Sölden bis zum Weltcupfinal im März angespannt und fokussiert sein. Auch unser cooles Team trägt entscheidend dazu bei, dass mir das Abschalten so gut gelingt. In einem Privatteam wäre ich viel stärker auf den Austausch mit Trainer und Servicemann und so auf reine Skithemen reduziert.

Also gibt es bei Ihnen keinen Sinneswandel hin zu einem Privatteam wie bei Alexis Pinturault?
Definitiv nicht!

Man kann Ihre Einstellung als «Ehrgeiz ohne Verbissenheit» bezeichnen?
Das trifft es nicht so schlecht. Selbstverständlich bin ich ehrgeizig, was den Sport angeht. Auch bei Kleinigkeiten: Wenn wir nach dem Training zum Minigolf gehen, will ich da auch gewinnen. Diesen Ehrgeiz haben alle in unserem Team. Unterschiede gibt es bei der Lockerheit. Einige stellen sie zwar zu Schau, haben sie aber nicht wirklich. Andere zeigen sie nicht, haben sie innerlich aber durchaus. Ich selbst verstelle mich nicht.

Sie sprechen die eingeschworene Riesenslalom-Truppe an. Was macht sie aus?
Die Freundschaften, die über all die Jahre entstanden sind. Wir gehen sehr offen miteinander um, unterstützen uns gegenseitig. Der Ehrgeiz jedes Einzelnen pusht auch. Und manchmal auch die dummen Sprüche (lacht).

Und was bringt die Freundschaft für Sie als Rennfahrer? Peter Müller beispielsweise schöpfte seine Motivation nicht gerade aus solchen Freundschaften?
Es ist wohl sehr typenabhängig. Es gibt viele Fahrer, die nicht noch in der Freizeit miteinander zu tun haben wollen. Für mich persönlich machen die Freundschaften die gemeinsame Zeit angenehmer und lustiger. Und es verleiht mir auch Lockerheit, weil ich weiss, dass jemand da ist, wenn es mir einmal nicht so gut läuft.

Je erfolgreicher Sie sind, desto bekannter werden Sie. Spüren Sie die Folgen?
Ja, durch meine Erfolge war ich in den Medien noch einmal präsenter. Auch international. Wer ein wenig mit dem Skisport verbunden ist, kennt mich inzwischen. Auch in der Öffentlichkeit werde ich immer öfters erkannt.

Die Popularität ist noch keine Belastung?
Eine Belastung ist es nicht, aber es gibt sicherlich Momente, wo die Folgen der Popularität nicht nur angenehm sind. Dann, wenn man seine Ruhe haben möchte. Ich habe mir zur Regel gemacht, dass ich mir untertags Zeit für Autogramme oder Selfies nehme, am Abend oder im Ausgang aber keine Lust darauf habe. Das sage ich den Leuten auch so. Ich bewundere einen Roger Federer, der dies auch nach 20 Jahren noch immer mit stoischer Gelassenheit mitmacht.

«Ich kann bei der Klimafrage nicht die Glaubwürdigkeit vermitteln, die aus meiner Sicht notwendig ist.»

Roger Federer engagiert sich in mehreren Bereichen. Gibt es Themen ausserhalb des Sports, welche auch Sie beschäftigen?
Ich bin offen für verschiedene Themen und vielseitig interessiert. Die weltweite Lage mit Covid führt auch in meinem Umfeld zu angeregten Diskussionen. Oder auch aktuelle Themen wie die Situation in Afghanistan. Angesichts solcher Bilder darf man sich als Schweizer schon sehr privilegiert fühlen.

Und wie steht es mit der Klimadiskussion? Diese wird ja von Menschen Ihrer Generation geprägt?
Wir bekommen die Veränderung beim Training auf dem Gletscher ja hautnah mit. Letztlich kann und will ich mich bei diesem Thema aber nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Ich habe durch meinen Beruf nicht den besten ökologischen Fussabdruck. Deshalb bin ich zu diesem Thema auch in der Öffentlichkeit zurückhaltend.

Aber zum Thema stehen Sie?
Auf jeden Fall. Es macht nachdenklich. Und ich bewundere all die Leute, die sich dafür einsetzen. Aber ich kann es nicht 1:1 vorleben und so auch nicht die Glaubwürdigkeit vermitteln, die aus meiner Sicht notwendig ist.

Sie waren bei Ihrem neuen Sponsor Red Bull in Salzburg. Wie sind die ersten Eindrücke?
Ich war eine Woche dort, habe mir alles angeschaut, im Leistungszentrum trainiert und dort meine Tests gemacht. Begeistert hat mich die familiäre Art und die Freundlichkeit der Leute. Jeder versucht dich zu unterstützen. Dieser Spirit ist toll. Aber man darf sich auch keine Wunderdinge erhoffen. Wir sind bei Swiss Ski punkto Leistungsdiagnostik schon super aufgestellt und arbeiten sehr professionell. Und auch im Red-Bull-Zentrum wiegt eine 20-Kilo-Hantel letztlich 20 Kilos.

Welche Erkenntnisse zogen Sie denn aus diesen Tests?
Ich war gemeinsam mit meinem Konditionstrainer von Swiss Ski dort. Das war mir sehr wichtig, denn es soll ein ideales Zusammenspiel und nicht zwei sich konkurrenzierende Systeme sein. Ich strebe aktuell auch bewusst keine personellen Änderungen etwa mit Fachleuten von Red Bull an. Mein derzeitiges Team passt sehr gut. Aber es gibt mir für die Zukunft allenfalls Alternativen.

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