Ronaldinho verkörpert alles, was dem Fussball heute fehlt
Als Kind der späten Neunziger war eines meiner ersten Idole Ronaldinho.
Für die europäischen Kinder war er das Pendant zu Kobe Bryant. Während auch wir den Namen des Basketball-Superstars riefen, wenn wir eine Papierkugel in den Mülleimer warfen, taten wir dasselbe mit dem Rufnamen von Ronaldo de Assis Moreira, wenn wir mit der Sohle über den Ball streichelten, ohne über denselbigen zu stolpern. Oder wenn wir auf der Kugel eine halbe Drehung schafften und uns dabei nicht gleich den Knöchel brachen. Folgerichtig war eines meiner ersten Fussballtrikots (nach dem Milan-Leibchen von Andrij Schewtschenko) das Brasilien-Shirt von Ronaldinho.
Wenn ich heute an ihn zurückdenke, kommen mir gleich zwei Szenen in den Sinn. Einmal ein Video, in welchem Ronaldinho den Ball jonglierte, dann an die Latte schoss, den Ball wieder annahm und dies nochmal tat – und noch ein drittes Mal. Später erfuhr ich zwar, dass dies nur ein Fake war. Dennoch war ich der felsenfesten Überzeugung, dass er das problemlos geschafft hätte. Schliesslich handelte es sich um Ronaldinho. Den Mann, dem der Ball besser gehorchte als jedem anderen.
Und dann ein stinkfrecher Freistoss aus einem Spiel gegen Werder Bremen. Da schoss Ronaldinho einfach unter der hüpfenden Mauer hindurch ins Tor – die unsägliche Mode, dass sich ein Spieler hinter seinen Teamkollegen auf den Boden legte, gab es damals noch nicht. Die Champions League war zu der Zeit die einzige Möglichkeit für mich, ein ganzes Spiel des Barcelona-Stars zu sehen.
Davon animiert habe ich mir natürlich auch regelmässig Highlight-Zusammenschnitte Ronaldinhos auf Youtube angeschaut. Noch heute kann man als Fussballfan nur über die Ballkontrolle, die Dribblings, die Pässe und die Tore des Brasilianers staunen. Und nostalgisch werden.
Denn Ronaldinho verkörpert alles, was dem Fussball heute fehlt. Der Weltfussballer von 2004 und 2005 – und mit ihm die gesamte Fussballwelt – hatte das Glück, seine Blütezeit zu erleben, bevor Pep Guardiola 2008 als Trainer des FC Barcelona übernahm und damit loslegte, seinen Sport zu perfektionieren. Den Zufall wollte Guardiola so weit wie möglich beseitigen. Seine Teams sollten das Spiel kontrollieren und taten dies mit grossem Erfolg.
Doch dadurch wurden die Ballvirtuosen immer stärker durch Passmaschinen verdrängt, Schnelligkeit ist mittlerweile wichtiger als Kreativität. Distanzschüsse werden immer seltener, weil sie vergleichsweise weniger erfolgversprechend sind. Ein Abschluss aus 20 Metern wird eben selbst bei Spezialisten in weniger Expected Goals resultieren als ein Schuss von innerhalb des Strafraums zwei oder drei Pässe später.
Es ist die grosse Tragik des stetigen Optimierungsdrucks, der nicht nur im Fussball Überhand nimmt. Erfolgsmaximierung ist nunmal wichtiger als Spielfreude oder Kunst – ein Wort, das in Ronaldinhos Fall definitiv angebracht ist. Doch, bevor wir hier eine grössere Gesellschaftsdiskussion eröffnen, schwelgen wir lieber in den Erinnerungen an den brasilianischen Meister.
Und wie könnte das besser gehen, als dabei, ihm nochmal dabei zuzusehen, wie er über den Ball streichelt und seine Gegenspieler mit Bewegungen ausdribbelt, die wir nicht einmal im Traum schaffen. Am heutigen Freitag tritt der Weltmeister von 2002 mit einer Legendenauswahl gegen ein Team um Italien-Legende und 2006er-Weltmeister Alessandro Del Piero an. Mehr Nostalgie geht nicht.
