Wenn die Kräfte noch einmal reichen: «Ich komme dem Weltrekord immer näher»
Bei Audrey Werro äussern sich die späten Reserven in einer Zeit, die noch vor kurzem kaum vorstellbar schien. In 1:53,70 Minuten läuft sie über 800 m nahe an den Weltrekord heran. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem eine lange Saison mit der Europameisterschaft als Höhepunkt bereits Spuren hinterlassen könnte.
Davon ist bei Werro wenig zu erkennen. Im Letzigrund orientierte sie sich am Wavelight, das den Weltrekord anzeigte. «Mein Ziel war es, möglichst lange beim Wavelight zu bleiben. Erst ganz am Ende wurde es sehr knapp», sagt sie. Tatsächlich verpasste sie den Weltrekord bei ihrer nächsten persönlichen Bestzeit nur um 42 Hundertstelsekunden. Für viele Leichtathletik-Fans auf der Welt ist die Schweizerin trotzdem schon die Inhaberin der besten Marke der Geschichte. Denn die einzigen Frauen, die bisher noch schneller waren als die 22-Jährige waren Jarmila Kratochvilova und Nadija Olisarenko in den 80er-Jahren – dem Höhepunkt des Ostblock-Dopings.
Auch wenn es knapp nicht gereicht hat, war Werro sehr zufrieden mit ihrer Leistung. «Vielleicht klappt es in dieser Saison nicht mehr mit dem Weltrekord, aber es fühlt sich gut an, dass es in die richtige Richtung geht», sagt die Freiburgerin. Es sei cool, dass sie immer schneller und schneller renne. Das zeige, dass sie konstant sei und nicht einfach ein oder zwei glückliche Rennen habe.
Dabei musste Werro ihre Kräfte diesmal anders einteilen. Femke Broeders-Bol übernahm zunächst die Initiative, Werro konnte abwarten. «Ich habe diese Taktik von ihr erwartet», betont sie. Die ungewohnte Rolle habe ihr behagt. «Es war cool, wieder einmal ein Rennen zu haben, bei dem ich nicht von Anfang an vorne laufen musste.»
“I was expecting that one day she [Femke Broeders-Bol] would want to go to the front and try another scenario.”
— AW (@AthleticsWeekly) August 27, 2026
Audrey Werro after winning the 800m at the Zurich Diamond League 💎
Werro clocked 1:53.70 ahead of Broeders-Bol’s 1:54.71 national record 🔥
🎙️ @TimAdams76 pic.twitter.com/x6c6fgXtar
In einem engen Rennen war auch Durchsetzungsvermögen gefragt. Die Freiburgerin scheute den Körperkontakt nicht. «Heute habe ich ein bisschen die Ellbogen eingesetzt. Aber das braucht es auch.»
Joseph kommt Pause jetzt zugute
Auch Jason Joseph scheint die lange Saison derzeit weniger zu bremsen als andere. Der Europameister gewann den stark besetzten 110-m-Hürdenlauf in 13,11 Sekunden und blieb lediglich vier Hundertstel über seinem Schweizer Rekord. «Dieses Rennen zu gewinnen und Ende Saison noch einmal so schnell laufen zu können, ist schon sehr schön», betonte der Basler.
Josephs Reserven haben allerdings einen besonderen Ursprung. Eine Verletzung hatte seinen Saisonaufbau verzögert. Er musste während der Saison wegen einer Verletzung pausieren, nun könnte genau diese Verzögerung zum Vorteil werden. «Diejenigen, die Anfang Saison schon fit und vielleicht bereits etwas näher an ihrem Peak waren, wirken jetzt eher müde», sagte Joseph. Seine eigene Situation interpretiert er inzwischen sogar positiv: «Vielleicht war genau das, was mir passiert ist, am Ende das, was ich gebraucht habe, um in Budapest noch schneller zu laufen und wirklich mit den Besten mithalten zu können.»
Dass die 13,11 Sekunden noch nicht das Ende seiner Möglichkeiten sein sollen, macht Joseph unmissverständlich klar. Auf die Frage, ob derzeit bereits die beste Version von ihm zu sehen sei, antwortete er: «Nein, noch lange nicht.» Er sei zwar nahe an seiner persönlichen Bestleistung, aber «da ist noch einiges mehr in meinen Beinen».
Der 45-Sekundenmarke wieder nahe
Dass am Ende einer langen Saison noch etwas übrig sein kann, erlebt auch Lionel Spitz. «Ich bin selber überrascht, dass es jetzt so gut läuft», sagte der Zürcher. «Ich war nach der EM wirklich sehr müde. Aber offenbar war noch nicht alles draussen.» In Zürich folgten 45,29 Sekunden, zum Schweizer Rekord fehlen nur drei Zehntel.
Die späte Form bringt Spitz noch einmal jenem Ziel nahe, das ihn schon lange begleitet. Die 45-Sekunden-Grenze bleibt stehen, aber sie wackelt. «Sie ist sehr, sehr greifbar. Aber diese letzten drei Zehntel sind die schwierigsten meines Lebens.»
Nach eigener Rechnung hat Spitz inzwischen rund 35 Rennen unter 46 Sekunden absolviert, unter 45 blieb er noch nie. Die Konstanz nährt die Hoffnung, dass auch diese Barriere irgendwann fällt. «Ich muss einfach etwas geduldiger sein als andere.» (abu/sda)
