Erst Vollbremsung, dann Vollgas – Sprint-Staffel jubelt über EM-Silber
Zum ersten Mal überhaupt hat eine Schweizer Staffel eine Medaille an einem Grossanlass errungen. Über 4x100 m wurde es an der EM in Birmingham Silber hinter dem souveränen Grossbritannien. «Der jahrelange Druck, der auf uns gelastet ist, fällt nun von uns ab. Es ist so schön, dass wir diese Medaille gewonnen haben», strahlte Salomé Kora im SRF.
Die Medaille war die Krönung einer fast unendlichen Geschichte, die vor über zwölf Jahren ihren Lauf nahm. Im Hinblick auf die Heim-EM 2014 in Zürich war das ambitionierte Schweizer Staffel-Projekt der Frauen einst mit grossem Aufwand lanciert worden. Doch das Team schien über ein Jahrzehnt lang vom Pech verfolgt: Trotz regelmässiger Weltklasse-Zeiten und Finalteilnahmen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften blieb der Traum von Edelmetall wegen Wechselfehlern, Verletzungen oder Hundertstelsekunden-Entscheidungen stets unerfüllt.
Erst Vollbremsung, dann Vollgas
Auch in Birmingham wurde es eng. Léonie Pointet und Schlussläuferin Salomé Kora machten die Angelegenheit mit einem sehr schlechten Wechsel ungemein spannend: Kora musste abbremsen, um den Stab noch in der erlaubten Zone greifen zu können.
«Wahrscheinlich bin ich zu früh gestartet und habe dann eine Vollbremsung hingelegt», sagte Kora. Danach setzte die 32-jährige Ostschweizerin zur erfolgreichen Aufholjagd an. Die Schweiz setzte sich um drei Hundertstel gegenüber Polen durch.
«Wir wussten seit Jahren, dass wir es drauf haben, aber wir konnten es nie auf die Bahn bringen», hielt Startläuferin Di Tizio-Frey fest. «Heute waren aber alle derart bereit, es musste fast gut kommen.» Sie habe vor Nervosität kaum zuschauen können, verriet sie, «und als ich sah, dass es beim letzten Wechsel knapp wurde, hatte ich Angst vor einer Disqualifikation.»
Wechsel nach dem Halbfinal
Fabienne Hoenke ersetzte im Final Ajla Del Ponte. «Plötzlich habe ich noch einen Anruf vom Trainer erhalten …», sagte Hoenke, und betonte, sie könne es nicht in Worte fassen, wie dankbar sie gegenüber Del Ponte sei.
«Wir haben das gemeinsam diskutiert und Ajla hat entschieden, dass Fabienne diesen Start verdient», sagte Staffel-Trainer Kim Beytrison im SRF. «Das war stark von Ajla und ich bin stolz, dass wir in diesem Team eine so gute Kommunikation haben.» Sie sei eine Teamplayerin, meinte die Tessinerin selber. «Es war hart, aber ich war mir nicht sicher, ob ich 100 Prozent geben kann und ich wollte kein Risiko sein für das Team.»
Zum Abschluss der Titelkämpfe winkt der Schweiz am Sonntagabend eine weitere Sprint-Medaille: Es steht ein Mixed-Rennen über 4x100 m auf dem Programm.
