Audrey Werro: Vom Sturz zur Krönung – und als Nächstes der Weltrekord?
Feiern können sie, die Freiburger. Die Lautstärke hinter der Tribüne im Alexander Stadium von Birmingham, wo eine Hundertschaft auf den Star des Abends wartete, war ohrenbetäubend. Man hätte meinen können, Fribourg-Gottéron sei erneut zum ersten Mal Schweizer Eishockey-Meister geworden.
Ob Audrey Werro Eishockey spielen kann, ist nicht überliefert. Dass die erst 22-Jährige über 800 Meter so schnell rennen kann wie keine andere Frau auf dieser Welt, ist seit diesem Jahr hingegen hinlänglich bekannt. Und dass die 1,82 m lange Athletin auch grosse Meisterschaftsrennen gewinnen kann, weiss man seit dem späten Freitagabend.
Es war eine Machtdemonstration, wie Audrey Werro dank ihres Stehvermögens die Britin Keely Hodgkinson auf der Zielgeraden in Schach hielt und mit 1:54,81 einen neuen EM-Rekord aufstellte. Selbst wenn die Schweizerin auf den ersten 300 Metern neben der Britin auf der Aussenbahn mehr Weg machen musste und danach bei starkem Gegenwind auf der Gegengeraden als Tempomacherin an der Spitze des sich in die Länge ziehenden Feldes rannte. Aber wie sagte der frühere Schweizer Nationaltrainer Louis Heyer zu dieser riskanten Taktik von Werro: «Bei diesem Tempo, das sie anschlägt, leiden die Läuferinnen in ihrem Windschatten mindestens so sehr.»
Eine kontrollierte Freude nach dem grossen Sieg
Audrey Werro wirkte nach dem bislang grössten Triumph ihrer Karriere bei den Medieninterviews ebenso gefasst und kontrolliert, wie sie zuvor die Angriffe der Britin auf der Bahn abgewehrt hatte. Und ähnlich ruhig, wie am Tag zuvor, als sie über die Umstände ihres Sturzes im Halbfinal Auskunft geben musste. Emotionen trug Audrey Werro nur sehr dosiert nach aussen.
Zur Bedeutung des Erfolgs sagte die neue Europameisterin: «Das ist ein schöner Lohn für all die Arbeit, die wir in den letzten Wochen, in den letzten Jahren gemacht haben. Ich habe heute versucht, all diese Energie mit mir zu nehmen. Ich habe alles gegeben und heute war mein Tag.»
Zur Renntaktik und dem Rennverlauf meinte die neue Europameisterin, es sei der Plan gewesen, vorne zu laufen und aufs Tempo zu drücken. «Ich bin in dieser Saison mehrmals gut damit gefahren.» Auch den Gegenwind hatte sie dabei auf der Rechnung: «Ich glaube, der kritischste Moment waren die letzten 100 Meter, weil ich zuvor doch ein wenig Energie liegen liess. Aber ich hatte noch genügend Energie, um vorne zu bleiben.»
Den Sturz vom Vortag habe sie gut verdaut. «Körperlich war ich bereit für das Rennen.» Für die Psyche musste sich Audrey Werro zwingen, das Handy bewusst wegzulegen und die Kommentare in den Sozialen Medien zu ignorieren. Vereinzelte Fans von Rivalin Keely Hodgkinson hatten keine Freude daran, dass Werro trotz Sturz nachträglich für den Final qualifiziert wurde.
Der Weltrekord als nächster Coup?
Nach ihren Leistungen in dieser Saison wird Audrey Werro vermehrt auf den Weltrekord angesprochen. Es fehlt nicht mehr viel bis zur Uralt-Marke der Tschechoslowakin Jarmila Kratochvilova aus dem Jahr 1983 (1:53,28). Auch an der Pressekonferenz in Birmingham wurde die Athletin mit dieser Marke konfrontiert. Sie sagt, eine Meisterschaft sei selten der perfekte Ort für ein solches Vorhaben. Ihre Trainerin Christiane Berset Nuoffer meint zu diesem Thema: «Sicherlich hat Audrey den Weltrekord irgendwo im Hinterkopf, aber wir haben ihn nie als Ziel an sich gesetzt. Zumal ich es eigentlich vorziehe, an ihrer Entwicklung zu arbeiten. Wenn es klappen sollte mit dem Weltrekord, ist das natürlich ein Erfolg für sich. Aber es ist kein Ziel, das wir unbedingt anstreben.»
Trotzdem darf man gespannt sein auf ihre beiden Heim-Auftritte in den nächsten zwei Wochen an den grossen Schweizer Diamond-League-Meetings in Lausanne und Zürich. Reichen die Energiereserven noch für eine weitere Heldentat?
Nach dem EM-Rennen freute sich die drittplatzierte Femke Broeders-Bol beinahe mehr als die zweitplatzierte Britin Keely Hodgkinson. Sie wollte diesen Titel zu Hause unbedingt, nachdem die 24-Jährige vor zwei Jahren in Paris schon Olympiagold gewonnen und im vergangenen Winter den Hallen-Weltrekord (1:54,87) über 800 m erobert hatte. Die enttäuschte Hodgkinson wurde von den englischen Journalisten auf die Bedeutung dieses Duells mit Audrey Werro für sie persönlich und für die Leichtathletik insgesamt angesprochen. Vergessen ging dabei, dass es in Zukunft definitiv mehr als nur einen Zweikampf geben wird. Femke Broeders-Bol lief in Birmingham als Dritte mit 1:55,54 so schnell wie noch nie seit dem Disziplinenwechsel von den 400 m Hürden.
Schweizer Trainer von Bol mit steiler Ansage
Ihr Schweizer Trainer Laurent Meuwly sagte nach dem Rennen gegenüber CH Media, Femke dürfe in der aktuellen Situation zufrieden sein mit dieser Bronzemedaille. Auch, weil sie im Winter wegen einer mehrwöchigen Verletzungspause zusätzlich Zeit im Aufbau auf die neue Distanz verloren habe. «Aber eine Athletin, die zu Hause 17 Goldmedaillen von internationalen Titelkämpfen hat, strebt mittelfristig definitiv mehr an als dritte Plätze.»
Auf die Frage, wer den Weltrekord über 800 m zuerst verbessern werde – Audrey Werro oder Femke Broeders-Bol? – antwortet Laurent Meuwly provokativ: «Wenn es nicht in diesem Jahr passiert, dann wird es Femke sein».
Nicht nur im Migros kennt man Audrey
Der EM-Titel wird die Bekanntheit von Audrey Werro auf ein neues Level hieven. Das Drama im Halbfinal brachte sie auch jenen Menschen in der Schweiz, die sich vielleicht weniger für ihre Leistungen auf der Bahn interessieren, näher. Bereits jetzt spürt sie selbst, dass man sie kennt. Audrey Werro sagt: «Es erkennen mich in diesem Jahr viel mehr Leute auf der Strasse und in den Geschäften. Im Migros in Courtepin entdeckt mich jedes Mal jemand, wenn ich dort einkaufen gehe.»
An den Trubel um ihre Person wird sich die von Natur aus eher zurückhaltende Athletin gewöhnen müssen. Ändern wird sich ihr Leben deswegen nicht. Audrey Werro sagt: «Das Wichtigste ist, dass ich nicht allein bin, um all das zu bewältigen. Es gibt zum Glück viele Menschen um mich herum, die mir dabei helfen.»
Sie selbst ist am glücklichsten, wenn sie rennen kann. Wie könnte es anders sein, sind ihre Lieblingseinheiten im Training jene, für die viele andere Athletinnen und Athleten den inneren Schweinehund überwinden müssen. Sie möge die sehr harten, sehr schnellen Trainings, sagte sie vor der EM. Oder dann die Intervalls. «Sechs bis acht Mal 200 Meter in Serie sind eine meiner liebsten Trainingsformen», sagt die Freiburgerin. Trainings, bei denen andere blau laufen – körperlich und oft auch mental.
Trainerin Christiane Nuoffer Berset ist es jedoch wichtig, dass sich ihr Schützling auch neben der Bahn wohl und glücklich fühlt. Je mehr Audrey Werro durch den Sport beansprucht wird, desto wertvoller ist eine qualitativ gute Erholung. Das war im vergangenen Jahr mit der Matur nicht immer gegeben. Nun als Profi sucht die Läuferin des kleinen Klubs CA Belfaux bewussten Ausgleich zur Leichtathletik: «Ich habe wieder angefangen, mehr zu zeichnen. Das ist mein grösstes Hobby. Und das Singen.» Aber da sei sie punkto Qualität noch ziemlich am Üben. Zum Beispiel heute Samstag anlässlich der Siegerehrung mit der Nationalhymne. (schweizheute.ch)

