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Das Ende einer grossen Karriere: Am Sonntag hat Tom Lüthi sein letztes Rennen bestritten.
Das Ende einer grossen Karriere: Am Sonntag hat Tom Lüthi sein letztes Rennen bestritten.Bild: keystone

Schweizer Leere im Töffsport – wann kommt der nächste Tom Lüthi?

Mit Tom Lüthi (35) hat der letzte Schweizer die grosse Töffbühne verlassen. Eine Ära ist zu Ende. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Weil sich der GP-Zirkus in Richtung Formel 1 entwickelt.
14.11.2021, 16:2615.11.2021, 08:35

Auf einmal ist Tom Lüthi in seinem 319. und letzten Rennen noch einmal mittendrin im Titelkampf. Gewinnt Raul Fernandez, dann reicht Remy Gardner Rang 12, um Moto2-Weltmeister zu werden. Der Spanier gewinnt und auf dem Weg zum 10. Platz und zur Weltmeisterschaft muss Remy Gardner auch Tom Lüthi überholen. Eine Situation, die an Tom Lüthis grösste Stunde erinnert: Am 6. November 2005 hat er sich am gleichen Ort mit dem 9. Platz den 125er-WM-Titel gesichert. So wie jetzt Remy Gardner fuhr er damals auf Sicherheit und verteidigte den Vorsprung im Gesamtklassement.

Nostalgie. Diese grosse Karriere ist am 14. November 2021 zu Ende gegangen. Der Blick richtet sich nach vorne. Wie geht es in unserem Motorrad-Rennsport nach Tom Lüthi weiter?

In seiner letzten Saison kam Lüthi nicht mehr an seine besten Leistungen heran.
In seiner letzten Saison kam Lüthi nicht mehr an seine besten Leistungen heran. Bild: keystone

Um die Zukunft zu verstehen, hilft ein Blick zurück. Februar 2002 im andalusischen Jerez. Bei den offiziellen GP-Vorsaisontests sind keine Schweizer mehr dabei. Der letzte Sieg eines Schweizers (Jacques Cornu) liegt 13 Jahre, der letzte WM-Titel (Stefan Dörflinger) 17 Jahre zurück. Den Namen Tom Lüthi kennt im internationalen Rennsport noch keiner. Eine spanischer TV-Station befragt den welschen Töff-Historiker und TV-Experten Jean-Claude Schertenleib nach den Perspektiven unseres Rennsportes. Seine Antwort: «Wir müssen davon ausgehen, dass wir keine Schweizer mehr sehen werden.» Sozusagen das Ende der Geschichte.

Drei Jahre später ist Tom Lüthi im November 2005 Weltmeister (125 ccm). Eine neue Ära beginnt, die auch Randy Krummenacher, Dominique Aegerter, Jesko Raffin und Jason Dupasquier in den GP-Zirkus bringt. So schnell kann es also gehen. Seit der US-Historiker Francis Fukuyama 1989 nach dem Untergang der Sowjetunion das «Ende der Geschichte» und den endgültigen Sieg der Demokratie verkündet hat, wissen wir: Prognosen sind schwierig. Vor allem dann, wenn es um die Zukunft geht.

Lüthi wird nach seinem WM-Titel 2005 von seinem Team gefeiert.
Lüthi wird nach seinem WM-Titel 2005 von seinem Team gefeiert. Bild: keystone

Nun ist diese Ära nach dem Rückzug von Dominique Aegerter in die Supersport-WM, dem tödlichen Unfall von Jason Dupasquier beim GP von Italien und dem letzten Rennen von Tom Lüthi zu Ende gegangen. Wie geht es nach Tom Lüthi weiter?

Die Voraussetzungen sind heute anders als zu Beginn seiner Karriere. Die Leistungsdichte ist nicht nur ganz oben in den drei WM-Kategorien (MotoGP, Moto2, Moto3) so hoch wie nie in der Geschichte. Sie ist es auch unten, bei den Einstiegsklassen. Noch nie gab es so viele Talente, die in den GP-Zirkus drängen und in mehreren internationalen Nachwuchs-Rennserien an das höchste Level herangeführt werden. Ein Quereinstieg direkt aus der Deutschen Meisterschaft in die WM wie bei Tom Lüthis Karriere-Start ist heute nicht mehr möglich.

Die grosse Frage nach der Finanzierung

Eine Töffkarriere ist heute noch schwieriger und teurer, das Gedränge am Eingang zum Fahrerlager noch grösser geworden. Die Schweiz ist zwar eines der reichsten Länder der Welt. Trotzdem wird es immer schwieriger, auch nur den Einstieg zu finanzieren. Sponsoring einer Motorsportart ist unter anderem aus politischen Gründen nicht mehr so attraktiv wie noch vor 20 Jahren. Entweder sind Eltern oder ein Mäzen da, die den Karrierestart ermöglichen.

Dazu kommt: Wenn einer gut genug ist, dann heisst das noch lange nicht, dass er tatsächlich fahren kann. Um einen der limitierten Plätze in der Moto3 WM zu bekommen – hier beginnt eine GP-Karriere – sind inzwischen sechsstellige Summen erforderlich. Heute kostet das Eintrittsticket in den GP-Zirkus vier bis fünfmal mehr als damals für Tom Lüthi.

Der GP-Zirkus entwickelt sich immer mehr Richtung Formel 1 und unsere Töffpiloten haben mehr und mehr «nur» noch die Karrierechancen der Schweizer Automobilrennfahrer: Es reicht für Ruhm, Lob und Preis in allen möglichen Klassen. Aber für ganz oben – Formel 1, GP-Zirkus – reichen Einfluss und Geld nicht mehr.

Lüthi ist nach wie vor involviert

Der Schweizer Rennsport hat nach dem Rücktritt von Tom Lüthi nach wie vor den Fuss in der Tür zum GP-Zirkus. Das staatstragende Fernsehen SRF überträgt bis und mit 2025 direkt. So lange läuft der Vertrag für die Rechte. Voraussichtlich werden nächste Saison die «Königsklasse» MotoGP, die Moto2-WM und, wenn Dominique Aegerter noch einmal mitfährt, der MotoE-Weltcup übertragen. Mit Tom Lüthi als TV-Experte. Der Motorradrennsport bleibt also präsent.

Dazu wird Tom Lüthi Sportdirektor beim Deutschen Prüstel-Team mit den zwei spanischen Piloten Xavier Artigas und Carlos Tatay in der Moto3-WM. Er hat Einfluss darauf, wer künftig einen Plätze im Team bekommt. Zudem kümmert sich der Emmentaler um das Nachwuchstalent Noah Dettwiler (16), diese Saison im Rookies Cup allerdings bloss auf dem 17. Schlussrang. Zu wenig gut für den Einstieg in die Moto3-WM. Er nimmt nun einen Anlauf in der Junioren-WM.

Wann also kommt der nächste Tom Lüthi? Taucht so schnell wie damals nach 2002 der nächste Champion auf, als Jean-Claude Schertenleib schon das Ende der Geschichte verkündet hatte? Nein. Diesmal wird es länger als drei Jahre dauern, bis die Schweiz wieder einen GP-Sieger und Weltmeister hervorbringt. Die Wartezeit kann sogar Jahrzehnte dauern. Im besten Fall gelingt Noah Dettwiler übernächste Saison (2023) wenigstens der Einstieg in die Moto3-WM. Eine Prognose wagt Jean-Claude Schertenleib jedenfalls nicht mehr und sagt, etwas unwirsch: «Ich weiss nicht, was die nächsten Jahre bringen.»

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