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Tom Lüthi musste sich am Ende mit Rang 6 begnügen.
Tom Lüthi musste sich am Ende mit Rang 6 begnügen.Bild: EPA

Wie Tom Lüthi alles richtig machte und doch eine weitere bittere Niederlage erlitt

Der Tag der Wahrheit endete beim GP von Österreich für Tom Lüthi mit einer weiteren bitteren Niederlage, mit Frustration und Ratlosigkeit. Und der Frage: was war zuerst: das Huhn oder das Ei?
11.08.2019, 15:17
klaus zaugg, spielberg

So schnell wie möglich nach einer Niederlage wieder aufstehen. Das ist im Dauerwettbewerb Töff-WM eine wichtige Qualität.

In den zwei letzten Rennen hatte sich Tom Lüthis Vorsprung von 8 Punkten in einen Rückstand von 33 Punkten auf WM-Leader Alex Marquez (23) verwandelt. Durch den Sturz von Brünn vor einer Woche wurde nun der GP von Österreich der Moment der Wahrheit. Würde Tom Lüthi (32) dazu in der Lage sein, wieder auf die Beine bzw. die Räder zu kommen?

Lüthi auf seiner Höllenmaschine.
Lüthi auf seiner Höllenmaschine.Bild: EPA

Sitzungen wurden abgehalten, Pläne geschmiedet, Strategien entwickelt. Der Riding Coach («Fahrlehrer»), der Mentaltrainer, der Cheftechniker, der Manager, die Techniker – alle steckten die Köpfe zusammen. Die Strategie: Tom Lüthi schaltete drei Tage ab, um zur Ruhe zu kommen und Energie zu tanken. Die Techniker hingegen zerlegten die Höllenmaschine in alle Einzelteile, untersuchten jedes einzelne Teil als wäre es ein seltenes Insekt und alles wurde wieder zu einer Höllenmaschine zusammengeschraubt. Auf dass sie ihrem Fahrer wieder auf Wort und Millimeter gehorche und zum Siege tragen möge.

Die Vorbereitungen auf den «Töff-Feldzug», auf den GP von Österreich waren also optimal, es fehlte weder an Geld noch an gutem Willen, guten Ratschlägen und fachlichem Wissen. Tom Lüthis Team verfügt über alle erforderlichen Mittel zur optimalen Vorbereitung.

Und siehe da: im Training funktioniert’s! Die letzten zwei Rennen waren im Training verloren gegangen. Tom Lüthi musste aus der vierten Reihe losfahren und war besiegt, bevor es richtig losgegangen war.

Nun gelingt der Sprung in die zweite Startreihe (5.) und WM-Leader Alex Marquez, zuletzt zweimal mit Trainingsbestzeit, muss sich hinten in der vierten Reihe anstellen (11.). Potz Donner! Tom Lüthi strahlt am Samstagabend cooles Selbstvertrauen aus. Alex Marquez hüte sich am Red Bull Ring! Schon gibt es Spekulationen, der Spanier spüre nun den Druck auch.

Tom Lüthi und sein Helfer und Helfershelfer hatten alles richtig gemacht. So schien es zumindest.

Kriegsweisheiten haben im Sport nichts verloren. Und doch mahnt eine Lehre des grossen Strategen Carl von Clausewitz exakt an das, was Tom Lüthi und seinem braven Team schliesslich widerfahren ist: «Kein Kriegsplan überlebt den ersten Zusammenstoss mit dem Feind.»

Exakt so kommt es. Vorne braust Brad Binder auf und davon und beschert an seinem 24. Geburtstag KTM den Triumph auf der Heimstrecke.

Dahinter entbrennen um die restlichen Spitzenplätze die heftigsten Kämpfe dieser Saison. Eine Zeitlang ist Tom Lüthi mit dabei. Aber bald wird er nach hinten bis auf den 10. Platz durchgereicht. Als ihn Alex Marquez in der 10. Runde überholt, bricht sein Selbstvertrauen zusammen wie eine schlechte Natelverbindung.

Nur weil nacheinander Xavi Vierge, Tetsuta Nagahsima, Remy Gardner, Luca Marini und Enea Bastianini in den heftigen Gefechten um die Podestplätze im Kiesbett landen, reicht es Tom Lüthi wenigstens zum 6. Platz.

«Ich habe ganz einfach viel zu viele Fehler gemacht»
Tom Lüthi

Alex Marquez übersteht einen Zusammenprall mit Remy Gardner (der den Sohn der Töfflegende Wayne Gardner ins Kiesbett befördert) und sichert sich mit bestechend sicherer Fahrt den 2. Platz. Auf einen Angriff auf Brad Binder verzichtet er. Der Südafrikaner ist in der WM kein Faktor. Tom Lüthi ist der Verfolger sein Rückstand wächst von 33 auf 43 Punkte an.

Tom Lüthi ist nach dem Rennen zutiefst frustriert. Als Musterprofi nimmt er sich zusammen. Aber auf die Feststellung eines Chronisten, er habe in Kurve 4 viel Terrain verloren, mag er gar nicht eingehen und sagt: «…und in Kurve 3 und 9 auch. Ich habe ganz einfach viel zu viele Fehler gemacht.»

Die Probleme mit der Bremserei, die im Training endlich gelöst schienen, waren wieder da. Und es folgt die Aussage, die jeder Pilot in so einer Situation zu machen hat. «Es ist gut, dass wir nun hier testen können.» Seine Jungs bleiben da, am Montag sind Tests angesetzt.

Wie kann es sein, dass ein Team, das zu den reichsten und professionellsten gehört, mit seinen beiden Fahrern zu Beginn der Saison dominiert hatte, inzwischen noch ein verlorener Haufen ist? Tom Lüthis Teamkollege Marcel Schrötter (26) stürzte in den Trainings dreimal und beendete das Rennen auf dem schmählichen 9. Platz und ist längst aus dem Titelgeschäft. Er ist den hohen Erwartungen schon lange nicht mehr gewachsen.

Auf die Frage, was schiefgelaufen ist, kann Tom Lüthi keine Antwort geben. «Wenn ich eine Antwort wüsste, hätten wir die Lösung…»

Sein Manager Daniel M. Epp spricht von vielen Details, die nicht zusammenpassen. Verweist auf andere Teams, die auch lange Zeit brauchten, um zusammenzuwachsen. Er sei froh, dass Tom bereits einen Vertrag für nächste Saison habe. So habe man die Zeit, um zusammenzuwachsen. Und kommt schliesslich leise resignierend zu einer interessanten Fragestellung: «Tom hat in diesem Rennen viel zu viele Fehler gemacht. Die Frage ist nun, ob er diese Fehler gemacht hat weil die technische Abstimmung nicht passte oder ob die technische Abstimmung gut war und wegen seiner Fehler nicht passte …»

Oder anders gesagt: Was war zuerst: das Huhn oder das Ei.

In diesem Fall ist die Antwort einfach: zuerst waren die technischen Probleme. Wäre es nicht so, dann müsste Daniel Epp seinen Fahrer in Frage stellen.

Das aber ist in diesem Geschäft tabu.

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