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Michael Schiendorfer macht die Millionendeals für Marco Odermatt

Skirennfahrer Marco Odermatt vor dem Abflug zu den Olympischen Winterspielen in Peking auf dem Flughafen Zuerich in Kloten, am Freitag, 28. Januar 2022. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Marco Odermatt beim Abflug nach Peking – wo er als Anwärter für mehrere Medaillen gilt.Bild: keystone

Dieser Mann macht die Millionendeals für Marco Odermatt

Sportmanager Michael Schiendorfer macht den Schweizer Skistar Marco Odermatt zu einem reichen Mann. Aber der Antrieb des 54-Jährigen aus Basel ist ein ganz anderer.
06.02.2022, 20:03
Rainer Sommerhalder / CH Media
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52 Mal. So oft schrieben Michael Schiendorfer und Red Bull hin und her. Dann trafen sie sich letzten Frühling in Salzburg. Der Deal war perfekt. Marco Odermatt stand bei einem der potentesten Sponsoren unter Vertrag. Ein Ritterschlag für den 24-jährigen Skifahrer. Ein Husarenstück für seinen Manager.

Wie viel die Partnerschaft in Franken wert ist? Darüber herrscht Stillschweigen. Eine sechsstellige Summe jährlich wird es wohl sein. Odermatt verdient gerade ziemlich gutes Geld. Schon nur an Preisgeldern wird er in dieser Saison mehr als eine halbe Million Franken kassieren. Insgesamt wird er in der Steuerrechnung erstmals als Einkommens-Millionär auftauchen. Manche Experten sagen sogar, der Nidwaldner sei bereits jetzt der bestverdienende Skifahrer der Welt.

Sein Manager Schiendorfer redet durchaus auch über Geld. «Geld ist wichtig, um sich als Athlet erfolgreich auf die Karriere konzentrieren zu können. Bereits die Nummer 30 im Skiweltcup lebt als Profi am Existenzminimum. Aber Geld kann nicht der Treiber einer Partnerschaft sein. Mein Anspruch ist ein ganz anderer. Ich will, dass es meinen Athleten gut geht», sagt er.

Michael Schiendorfer
Michael Schiendorfer.Bild: abrogans

Auf der gleichen Wellenlänge

Der 54-Jährige denkt und plant langfristig. Die von ihm betreuten Athleten sollen auch nach der kurzen Sportkarriere «eine gute Rolle in der Gesellschaft spielen und eine berufliche Perspektive haben. Dafür sind Themen wie Ausbildung, Netzwerk, Persönlichkeitsentwicklung und Loyalität entscheidend.» Er vergleiche die Karriereplanung oft mit dem Bau eines Hauses. Da stellt man sich am Anfang auch vor, wie es aussehen soll, geht danach aber Schritt für Schritt vor und muss auch nötigenfalls nach kreativen Lösungen suchen.

Schiendorfer und Odermatt bewegen sich nicht nur in finanziellen Themen auf gleicher Wellenlänge. Es hat quasi auf Anhieb gefunkt, als der Ostschweizer Kommunikationsspezialist im Sommer 2016 erstmals bei Odermatts zuhause in Buochs am Küchentisch über eine mögliche Zusammenarbeit und die gegenseitige Erwartungshaltung diskutierte.

Den Eltern hatte bei der Kontaktaufnahme des potenziellen Managers dessen Ehrlichkeit und Gradlinigkeit gefallen. Schnell hatte man sich gefunden, bald war eine langfristige Strategie aufgestellt. Man war sich einig, dass diese auf Werten basieren muss. Heute sagt Odermatts Vater Walter zur Beziehung: «Michael ist ein echter Freund geworden». Und Schiendorfer sagt: «Die Familie hat mir imponiert. Sie hat klare Ziele, ist weitsichtig und mutig.»

«Marco fordert dich heraus»

Schiendorfer verkörpert nicht das Bild des Managers, das man vor allem aus dem Fussball kennt. Er nimmt sich selber zurück. Er sucht nicht Ruhm oder den schnellen Erfolg, erst recht nicht finanziell. Dem Ostschweizer mit Wurzeln in Österreich sind Glaubwürdigkeit, Transparenz und Offenheit wichtig. «Meine Stärken liegen im Umgang mit Menschen», sagt er kurz und bündig. Man müsse sich auch bewusst sein, dass man als externer Berater gerade bei Sporttalenten zu einem Umfeld stosse, das in der Regel sehr gut funktioniere. «Sonst wäre der Athlet nicht so weit gekommen».

Switzerland's Marco Odermatt celebrates taking second place in an alpine ski, men's World Cup downhill, in Kitzbuehel, Austria, Sunday, Jan. 23, 2022. (AP Photo/Giovanni Auletta)
Marco Odermatt ist der dominierende Fahrer dieses Winters.Bild: keystone

Dies spürte Schiendorfer bei der Familie Odermatt auf Anhieb. Der frühere Kommunikationsverantwortliche von Novartis Schweiz und globaler Medienchef von Hilti und ABB war sich früh sicher, dass aus dem Talent Odermatt einst der beste Skifahrer der Welt werden wird.

In den ersten Gesprächen mit Marco dachte Schiendorfer: «Wow!» Der 19-Jährige habe ihn mit seiner Reife schwer beeindruckt: «Er ist sehr schnell im Kopf. Er stellt die richtigen Fragen, hat eine klare Auffassung und eine strukturierte Denkweise. Er fordert dich heraus.» Der Manager beschreibt den Skistar als einen Mensch, der sich treu bleibe, zu seinen Ansichten stehe, aber stets offen und interessiert sei und den Mut habe, Entscheidungen zu treffen und immer fokussiert bleibt.

Im Jahr 2015 tauschte Schiendorfer den Verschleissjob in der Konzernkommunikation ein gegen die Selbstständigkeit. Nicht weniger Arbeit. Jedoch anstatt Verfügbarkeit rund um die Uhr, Freiheit und Flexibilität. Er gründete die Beratungsagentur «Abrogans» mit Sitz in Basel. In die Region hatte ihn der Job bei Novartis gespült. «Alles, was ich heute mache, obliegt meiner Entscheidung und Verantwortung. Ich habe den Traumjob gefunden», sagt der 54-Jährige.

Nach Siegen hunderte Nachrichten

Der Name seiner Firma ist dem ältesten existierenden Buch in der Schweiz gewidmet. Dieses wird in der Stiftsbibliothek in St.Gallen aufbewahrt. Dort restaurierte einst sein Grossvater die Malereien. Aus dem Altdeutschen übersetzt bedeutet Abrogans «bescheiden und demütig». So will Schiendorfer auftreten.

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Die Tätigkeiten für Marco Odermatt sind vielfältig. Grundsätzlich soll er dem Sportler den Rücken frei halten, so dass sich dieser auf seinen Job als Skifahrer konzentrieren kann. Von Sponsorenverhandlungen über Medientermine bis hin zur Gestaltung des aktuellen Olympiahelms übernimmt der Manager viele Arbeiten. Anfragen gibt es inzwischen zur Genüge. Etwa, ob Marco im Skiclub eine Skischulstunde leiten könne. Nach einem Sieg Odermatts fanden sich auch schon 400 Nachrichten auf Handy und Computer.

Bauchgefühl und Menschenkenntnisse

Ab und zu müsse man auch nein sagen können, betont Schiendorfer. «Denn das Wertvollste für Marco ist Zeit, damit er sich Freiräume schaffen kann». Nur wenn er die Gelegenheit finde, sich regelmässig und nachhaltig zu erholen, könne er über Jahre an der Weltspitze performen.

Erster Kunde von Michael Schiendorfers Firma war Schwinger Joel Wicki. Auch er wie Odermatt ein grosses Talent. Inzwischen betreut Abrogans ein knappes Dutzend Athletinnen und Athleten, darunter den Skifahrer Justin Murisier oder den Zehnkämpfer Simon Ehammer. Auch bei diesen Anfragen winkt Schiendorfer ab und zu ab. Er verlässt sich bei den Partnerschaften einerseits auf sein Bauchgefühl und seine Menschenkenntnisse. Andererseits analysiert er durchaus auch Daten und Statistiken zur Potenzialbeurteilung.

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In Peking gehört «Odi» in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom zu den Favoriten.Bild: keystone

Am wichtigsten ist ihm allerdings, dass seine Kundschaft ein ähnliches Wertverständnis und die gleiche Arbeitsauffassung mitbringen: Hohes Engagement sowie Mut zum kalkulierten Risiko und zu Veränderungen stehen zuoberst. Schiendorfer betont die Wechselwirkung dieser Partnerschaften: «Auch ich lerne enorm viel von Sportlern».

«Natürlich hat er inzwischen seinen Marktwert»

Bei Marco Odermatt sind Loyalität, Überzeugung und Langfristigkeit wichtige Eckpfeiler von Sponsoringdeals. Seit 13 Jahren fährt er auf Stöckli-Ski. Obwohl ein Wechsel zu einer grossen Marke viel mehr Geld einbringen würde, «haben wir noch nie mit einer anderen Skifirma verhandelt.»

Man habe am Anfang darüber diskutiert, hinter welchen Produkten Marco stehen könnte. Inzwischen finden sich zwei Drittel dieser Namen auf seiner Sponsorenliste. «Natürlich hat er inzwischen seinen Marktwert. Wichtig ist aber auch, dass die Erwartungshaltung klar abgesteckt ist», erklärt Schiendorfer.

Die familiäre Art der Zusammenarbeit kommt bei Michael Schiendorfer nicht von ungefähr. Als jüngstes von sieben Kindern ist er in Benken SG in der Linthebene in behüteten Familienverhältnissen aufgewachsen. Heute hat er selber drei Söhne. «Als Jüngster habe ich gelernt, im richtigen Moment zu schweigen und dann zu reden, wenn es etwas zu sagen gibt», sagt er.

Vom Vater, der als Politiker Regierungsstatthalter im Kanton St.Gallen war, erbte er die Freude im Sport. In der Klosterschule Näfels und später im Militär als Panzergrenadier wurden ihm Tugenden wie Wille, Disziplin und Belastbarkeit auf den Weg gegeben. Dazu zeichnet Schiendorfer eine gesunde Risikobereitschaft aus. Eine äusserst schmerzhafte Tumorerkrankung an der Hand mahnte ihn auch, sich selber wieder mehr acht zu geben. Heute ist er wieder jener Bewegungsmensch, der er in jungen Jahren stets war.

Michael Schiendorfer konzentriert sich trotz steigender Popularität von Marco Odermatt, verbunden mit zunehmenden Verlockungen, darauf, ein stabiles Umfeld für den Athleten zu schaffen und zu erhalten. Trotz aller Harmonie und persönlicher Nähe sagt er: «Es ist bei aller Verbundenheit auch eine geschäftliche Beziehung. Auf beiden Seiten geht es um Leistung». Eine Leistung, die gerade ziemlich gut stimmt.

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