«Es fühlt sich fantastisch an», sagt Julien Alfred nach dem grössten Erfolg ihrer Karriere. Die 23-Jährige lief ihrer Konkurrenz – darunter auch die Bernerin Mujinga Kambundji, die starke Sechste wurde – im 100-m-Lauf vom Samstagabend davon und sorgte so für einen historischen Erfolg. Denn Alfred gewann mit ihrem 10,72 Sekunden dauernden Sprint im strömenden Regen nicht nur die erste Goldmedaille für St. Lucia, sondern die allererste Medaille überhaupt in der Geschichte des kleinen Inselstaats.
Viele wüssten nicht einmal, wo ihr Heimatland liege, erklärte Alfred nach dem Triumph. Regelmässig ernte sie fragende Blicke, wenn sie auf die Frage nach ihrer Herkunft antworte. «Wo ist denn St. Lucia», sei die häufigste Reaktion. Das solle sich nun aber ändern, hofft die Olympionikin: «Ich bin sicher, dass die Leute nun nach meinem Land suchen werden.» Dass sie als Botschafterin für St. Lucia wirken könne, mache sie stolz und sei eine ebenso grosse Ehre, wie den Namen ihrer Heimat auf der Brust zu tragen.
Noch schöner ist aber, dass sie dem 180'000-Einwohner-Staat 28 Jahre, nachdem er 1996 nach Atlanta erstmals eine kleine Delegation entsenden konnte, seine erste Medaille bringen konnte. «Es bedeutet mir sehr viel», sagt Julien Alfred auf der Pressekonferenz am späten Samstagabend und fügt an: «Ich wusste, dass St. Lucia zuschauen und auf eine Medaille hoffen wird. Ich bin mir sicher, dass sie jetzt feiern.»
Das taten die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Insel in der Karibik natürlich. Der historische Moment an den Olympischen Spielen in Paris sorgte in St. Lucia für regelrechte Ekstase. Sowohl in der Hauptstadt Castries als auch in Vieux Fort im Süden der Insel, die mit einer Fläche von 616,3 Quadratkilometern nicht einmal so gross ist wie der Kanton Glarus, wurde Alfreds Rennen bei Public Viewings verfolgt. Als ihre Landsfrau die Ziellinie überquerte, gab es kein Halten mehr für die Menschen auf St. Lucia.
Julien Alfred became St. Lucia’s first Olympic champion EVER after winning the women’s 100m and it’s a moment they’ll never forget. 🇱🇨 #ParisOlympics pic.twitter.com/DVgS8hYjGR
— NBC Olympics & Paralympics (@NBCOlympics) August 4, 2024
Möglicherweise sorgt Alfred mit ihrem Erfolg auch für eine Verbesserung der Bedingungen für Sportlerinnen wie sie in ihrer Heimat. «Wir haben kaum die richtigen Einrichtungen», erklärte die 23-Jährige nach ihrem Erfolg und fügte an: «Ich hoffe wirklich, dass diese Goldmedaille auch der Jugend hilft und St. Lucia dabei unterstützt, ein neues Stadion zu bauen und den Sport wirklich wachsen zu lassen.»
The moment, as seen in Vieux Fort
— Hunter (@Werekdalcott) August 3, 2024
Our Champion, Julien Alfred 🥇 pic.twitter.com/xtVPtuK9Bu
Alfred selbst ging als Jugendliche nach Jamaika, wo sie drei Jahre lang die Highschool besuchte, bevor sie dann in die USA ans College wechselte. Dort war sie von 2018 bis 2023 eine erfolgreiche Sprinterin, die mehrere College-Titel gewann. Im März dieses Jahres gewann sie dann bei der Hallen-WM in Glasgow ihren ersten WM-Titel – auch hier holte sie die erste Medaille für St. Lucia.
Dass sie diesem Erfolg nun auch noch die wichtigste Sprint-Medaille folgen lassen konnte, liegt in Alfreds Augen auch an ihrem Selbstvertrauen und dem Glauben an sich selbst. Schon am Samstagmorgen schrieb sie in ihr Buch: «Julien Alfred, Olympiasiegerin.» Auch auf Snapchat habe sie ein Bild von sich mit diesen Worten versehen. Einige Stunden später war dieser Erfolg dann Tatsache.
Ganz realisiert habe sie das aber noch nicht. «Ich versuche noch immer zu verstehen, was gerade passiert ist», so Alfred, die am Sonntagmorgen auch über 200 m souverän die Qualifikation für den Halbfinal geschafft hat. Besonders emotional wurde sie, als sie über ihren 2013 verstorbenen Vater sprach. «Er hat immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann. Meinen grössten Erfolg konnte er jetzt nicht miterleben. Aber ich weiss, dass er immer so stolz auf seine Tochter sein wird.»
So wie ganz St. Lucia.