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Holland scheitert im Halbfinal 2000 nach fünf verschossenen Elfmetern an Italien
quelle: epa / filippo monteforte
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Unvergessen

Holland begräbt seinen Traum vom Heim-Titel mit 5 (!) verschossenen Elfmetern

29. Juni 2000: Hollands Dreamteam will endlich den ersten grossen Titel nach 1988 feiern. Bei der Heim-EM überzeugen die Oranje. Bis sie im Halbfinal von zehn Italienern jäh und brutal gestoppt werden.
28.06.2021, 10:42
Reto Fehr
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Holland gilt an der Heim-EM in Belgien und den Niederlanden einmal mehr als Titelanwärter. Die spielstarke Equipe um Stars wie Patrick Kluivert, Clarence Seedorf, Edgar Davids, Dennis Bergkamp und Marc Overmars bietet geballte Offensivkraft. Dazu strahlt Edwin van der Sar im Tor Ruhe aus, Jaap Stam und Frank de Boer sorgen für defensive Stabilität.

In den Gruppenspielen setzt sich die Oranje mit drei Siegen durch. Trotz einem 1:0 gegen Tschechien, 3:0 gegen Dänemark und 3:2 gegen Frankreich kommt aber leise Kritik auf. Die Spielweise sei nicht attraktiv genug. Als das Team von Frank Rijkaard im Viertelfinal Jugoslawien mit 6:1 wegdonnert, sind aber alle überzeugt: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Überragend: Holland demontiert im Viertelfinal Jugoslawien unter anderem mit einem Hattrick von Kluivert 6:1.
Überragend: Holland demontiert im Viertelfinal Jugoslawien unter anderem mit einem Hattrick von Kluivert 6:1.Bild: AP

Den Schwung aus dem Viertelfinal nimmt das Team in den Halbfinal gegen Italien mit. In den ersten Minuten werden die Azzurri an die Wand gespielt. Phillip Cocu hätte nach drei Minuten das 1:0 erzielen können, Dennis Bergkamp trifft kurz darauf nur den Pfosten und als Gianluca Zambrotta in der 34. Minute mit Gelb-Rot vom Platz fliegt, scheint der erste Treffer nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Insbesondere als den Holländern vor 51'000 Zuschauern in der Amsterdam Arena nach einem Foul von Alessandro Nesta an Patrick Kluivert in der 38. Minute ein – sehr hart gepfiffener – Elfmeter zugesprochen wird. Captain Frank De Boer sieht seinen Versuch aber von Goalie Francesco Toldo geklärt.

Das fragwürdige Foul und der verschossene Elfmeter von Frank De Boer.Video: streamable
Die Halbfinal-Aufstellungen
Italien – Holland 3:1 n.E.
Italien: Francesco Toldo, Fabio Cannavaro, Alessandro Nesta, Mark Iuliano, Paolo Maldini, Gianluca Zambrotta, Demetrio Albertini (78. Gianluca Pessotto), Luigi di Biagio, Stefano Fiore (83. Francesco Totti), Alessandro del Piero, Filippo Inzaghi (67. Marco Delveccio).
Holland: Edwin van der Sar, Giovanni van Bronckhorst, Frank de Boer, Jaap Stam, Paul Bosvelt, Philip Cocu (95. Aron Winter), Edgar Davids, Boudewijn Zenden (77. Peter van Vossen), Dennis Bergkamp (86. Clarence Seedorf), Patrick Kluivert, Marc Overmars.

Italien mauert ab diesem Moment nur noch, was sollte es auch anderes tun gegen diese Übermacht? Holland kommt zwar zu Chancen, aber das Tor will nicht fallen. Erst als Mark Iuliano Edgar Davids in der zweiten Halbzeit penaltyreif foult, scheint erneut das lang ersehnte Tor in der Luft zu liegen. Dieses Mal übernimmt Kluivert, mit bisher fünf Turniertoren der Superknipser, die Verantwortung. Er verlädt Toldo, trifft aber nur den Innenpfosten.

Das Foul an Edgar Davids und der verschossene Elfmeter von Patrick Kluivert.Video: streamable

0:0 nach 90 Minuten und auch die Verlängerung bringt keine Entscheidung. 21:4 Torschüsse notierten die Statistiker, die Elftal spielt wunderbaren, attraktiven Fussball, vergisst aber Tore zu schiessen. Das Penaltyschiessen steht an. Für Italien versenkt Luigi Di Biagio souverän. Bei Holland nimmt Frank De Boer nochmals Anlauf. Seinen Versuch wehrt Toldo ab. Während Gianluca Pessotto auf 2:0 stellt, versagen auch Jaap Stam die Nerven: Der Hüne ballert den Ball über die Latte.

Eiskalt bleibt dagegen Francesco Totti, der mittels Panenka auf 3:0 erhöht. Kluivert muss treffen, sonst fliegt Holland raus – und er trifft. Als nächster verschiesst Paolo Maldini den Matchball. Holland hofft wieder. Doch die Hoffnung währt kurz: Paul Bosvelt scheitert ebenfalls an Toldo, der nur im Tor steht, weil sich Gianluigi Buffon vor dem Turnier verletzte.

Das Elfmeterschiessen in voller Länge.Video: YouTube/Ford Cosworth 1973

Italien steht im Endspiel, verpasst den EM-Titel gegen Frankreich aber dramatisch knapp, obwohl das Siegerbier schon gezapft wurde.

Holland hingegen bricht nach der Penalty-Niederlage gegen Italien in orange Trauer aus. Nach dem Halbfinal gegen Dänemark 1992, dem Viertelfinal gegen Frankreich 1996 und dem WM-Halbfinal gegen Brasilien 1998 scheitert der Favorit zum vierten Mal an den letzten fünf Turnieren in der Kurzentscheidung.

Trainer Rijkaard kann es nicht fassen: «Dagegen bist du als Trainer machtlos», sagt er, zieht aber trotzdem die Konsequenzen und tritt zurück: «Ziel war der Titel. Das habe ich verpasst und übernehme dafür die volle Verantwortung.»

Da war die Welt noch in Ordnung bei Rijkaard, Kluivert, Winter und Co.: Ins Trainingscamp vor der EM wurden holländische Spezialitäten geflogen.
Da war die Welt noch in Ordnung bei Rijkaard, Kluivert, Winter und Co.: Ins Trainingscamp vor der EM wurden holländische Spezialitäten geflogen.Bild: EPA ANP

Rijkaard ist sich sicher, dass ein Nachfolger das Team zu grossen Erfolgen führen wird. Louis van Gaal übernimmt und verpasst danach mit der Elftal die WM 2002. 2004 gewinnt das Team immerhin erstmals an einer Endrunde ein Penaltyschiessen. Nach dem Erfolg im Viertelfinal gegen Schweden ist aber gegen Portugal Schluss. 2008 ist Russland im Viertelfinal zu stark, 2010 Spanien im Endspiel; 2012 folgt das blamable Aus in der Vorrunde, 2014 wird man in Brasilien immerhin Dritter.

2016 verpasst Holland die EM-Qualifikation, 2018 reicht es auch für die WM nicht. An der aktuellen Europameisterschaft zeigt das Team von Frank de Boer – er verschoss 2000 gegen Italien zwei Penaltys – eine starke Gruppenphase, gewinnt alle drei Spiele. Im Achtelfinale unterliegt Holland Tschechien aber überraschend mit 0:2. Der Frust ist grenzenlos, ein grosser Erfolg muss weiter warten.

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