Aus dem Schweizer Sprint-Juwel wird «die Frau, die den Stab verlor»
Am letzten Tag der Europameisterschaft stehen die Schweizerinnen im 4x100-m-Staffellauf im Final. Mujinga Kambundji, Marisa Lavanchy und die Schwestern Ellen und Léa Sprunger haben sich im Vorlauf mit 42,98 Sekunden für den Final qualifiziert. Die Zeit hätte im Final für Bronze gereicht, wie sich später herausstellen sollte.
Doch dazu kommt es nicht. Als Startläuferin nimmt Kambundji den Stab auf, macht zwei Schritte – und verliert ihn. Er gleitet ihr einfach aus der Hand. Ihre drei Teamkolleginnen müssen machtlos zuschauen, wie sich der Traum von der ersten Schweizer Staffel-Medaille seit Jahrzehnten in Luft auflöst, noch bevor das Rennen richtig begonnen hat.
Die Bilder gehen um die Schweiz: vier junge Athletinnen mit roten, verweinten Augen im Medienbereich des Letzigrundstadions.
«So auszuscheiden ist einfach blöd», sagt Kambundji unter Tränen, «es tut mir echt leid.» Es ist das bittere Ende einer Woche, in der es für sie fast nur nach oben ging.
Ein Fluch, der lange nachwirkt
Rückblickend liest sich der 17. August 2014 fast wie eine Vorlage für das, was die Schweizer Sprint-Staffel der Frauen in den folgenden zehn Jahren immer wieder erleben sollte. 2024, ziemlich genau zehn Jahre später, scheitert das Team gleich zweimal auf ähnlich schmerzhafte Art: Disqualifikation wegen Stabverlusts an der EM in Rom, Disqualifikation wegen Wechselfehlers an den Olympischen Spielen in Paris.
Die so ersehnte erste Schweizer Staffelmedaille lässt lange warten. Am 15. August 2026, fast auf den Tag zwölf Jahre nach dem Fiasko in Zürich, wird sie Tatsache. Géraldine Di Tizio-Frey, Fabienne Hoenke, Léonie Pointet und Salomé Kora sprinten an der EM in Birmingham zur Silbermedaille.
Mujinga Kambundji wird über 200 m zwei Mal Europameisterin und gewinnt 2019 WM-Bronze, dazu ist sie zweifache Hallen-Weltmeisterin über 60 m. Der verlorene Stab im Letzigrund ist längst nur noch eine Fussnote ihrer für die Schweiz bislang einzigartigen Karriere.
