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Unvergessen

Als der Fussball seine Schönheit verlor: Italien schlägt 1982 Brasilien

Bildnummer: 04860297 Datum: 05.07.1982 Copyright: imago/WEREK
Eder (Brasilien, li.) wird von Gaetano Scirea (Italien) gefoult; Vdia, quer, Duell, Foulspiel, gefoult, WM 1982, L�nderspiel, Nationaltea ...
Scirea lässt Eder abhebenbild: imago-images.de
Unvergessen

Der Tag, an dem der Fussball seine Schönheit verlor

5. Juli 1982: Um keine andere Partie der WM-Geschichte ranken sich so viele Legenden. Italien schlägt Brasilien 3:2. Das taktisch vielleicht kaltblütigste besiegt das spielerisch vielleicht brillanteste Team der WM-Historie.
05.07.2026, 00:01

Das Time Magazin bezeichnet diese Partie 2010 als «not only the best World Cup match, but the greatest match ever played». Dieses Spiel ist alles: Tragödie, taktische Lehrstunde und nie zuvor und nie mehr nachher hat es in einer einzigen WM-Partie so viele Hauptdarsteller gegeben.

Der mehrfach preisgekrönte italienische Fussball-Chronist Piero Trellini hat dieses epische Spiel auf 511 Seiten zusammengefasst. In einem der besten Fussballbücher die je geschrieben worden sind. Titel: «The Match».

Ach, wo mit der Erzählung beginnen, wo aufhören? Am einfachsten gehen wir chronologisch vor.

Brasilien reist 1982 nicht einfach als Mitfavorit zur WM nach Spanien. Diese Mannschaft ist wie eine Wiedergeburt einer Idee. Trainer Telê Santana glaubt an den Ball, an Kreativität und daran, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Kurzum: An die Schönheit, an die Magie des Fussballs.

Der mehrfach preisgekrönte italienische Fussball-Chronist Piero Trellini hat dieses epische Spiel auf 511 Seiten zusammengefasst. In einem der besten Fussballbücher die je geschrieben worden sind. Tit ...
Natürlich auf dem Cover: Rossi und Sócrates.Bild: zvg

Seine Männer spielen nicht auf Resultat. Sie spielen auf Begeisterung und werden liebevoll als «Os Canarinhos» («die kleinen Kanarienvögel») verehrt und ein offizieller Samba-Hit zur WM trägt den Titel «Voa, Canarinho» («Flieg, kleiner Kanarienvogel»).

Italien mauert sich weiter

In der Vorrunde fegt Brasilien über die Konkurrenz hinweg. 2:1 gegen die Sowjetunion nach frühem Rückstand. 4:1 gegen Schottland. 4:0 gegen Neuseeland. Neun Tore, nur zwei Gegentreffer. Im damaligen Zwischenrundensystem folgt ein 3:1 gegen Titelverteidiger Argentinien. Ein Fussballfest mit Zico, Falcão, Sócrates, Éder, Júnior und Cerezo. Diese Mannschaft kann nur sich selbst besiegen.

Italien wirkt hingegen wie der Gegenentwurf. Wie die Verneinung des Fussballs. Trainer Enzo Bearzot, wegen seines wortkargen Umgangs mit Journalisten und Spielern «Schweiger aus dem Friaul» genannt, wird verhöhnt. Die Azzurri kommen mit drei Unentschieden gerade noch durch die Vorrunde: 0:0 gegen Polen, 1:1 gegen Peru, 1:1 gegen Kamerun. Kein Sieg. Kaum Torchancen.

In der Heimat ist die Kritik vernichtend. Zeitungen (das Internet gibt es noch nicht) fordern sofortige personelle Konsequenzen. Darauf beschliesst der erboste Nationaltrainer «Silenzio Stampa»: Schweigen gegenüber der Presse. Mit Ausnahme von Kapitän Dino Zoff gibt bis zum Ende des Turniers keiner mehr Interviews.

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Brasilien sah den Ball drin, aber Goalie Zoff hat ihn.Bild: www.imago-images.de

Der Torjäger aus dem Nichts

Enzo Bearzot vertraut auf zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Vorne Paolo Rossi, der Stürmer ohne Form, dessen Nominierung fürs WM-Team in Italien heftiger diskutiert wird als je eine WM-Nomination. Hinten Dino Zoff, der 40-jährige Kapitän, der älteste Spieler des Turniers.

Während ganz Italien über Rossis Torflaute diskutiert, verkörpert Zoff jene Ruhe, die nur Spieler besitzen, die längst nichts mehr beweisen müssen. Wenn es darauf ankommt, scheint sein Blick allein schon Ordnung in das Chaos zu bringen. Und in der Abwehr wartet auch noch Claudio Gentile.

Der kompromisslose Manndecker ist das genaue Gegenteil brasilianischer Leichtigkeit. Wo Zico oder Sócrates Räume sehen, sieht Gentile nur Gegenspieler. Sein Spiel ist nicht schön. Er ist unbequem. Hart. Manchmal an der Grenze des Erlaubten.

Vier Jahre zuvor war Paolo Rossi einer der Stars der WM 1978 gewesen. Dann verschwindet er von der Bühne. Im Totonero-Wettskandal, aufgedeckt im März 1980, wird er wegen verbotener Kontakte zu Wettmafia für zwei Jahre gesperrt. Bis heute ist umstritten, wie tief seine tatsächliche Verwicklung war. Rossi beteuerte stets seine Unschuld, viele hielten die Strafe für überzogen.

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Paolo Rossi, Italiens Lebensversicherung.Bild: www.imago-images.de

Sócrates philosophiert mit jedem Pass

Fest steht: Er hat fast zwei Jahre lang kein Pflichtspiel bestritten und kehrt erst wenige Wochen vor der WM für Juventus auf den Rasen zurück. Drei Ligaspiele vor der WM. Kein Rhythmus. Keine Form.

Als ihn Enzo Bearzot dennoch nominiert und auf Torjäger Roberto Pruzzo verzichtet, erklären viele Journalisten den Nationaltrainer für verrückt und spotten, Italien habe einen Touristen an Stelle des besten Mittelstürmers mitgenommen. Nach den drei dürftigen Vorrundenspielen scheint sich diese Kritik zu bestätigen. Rossi wirkt langsam, unsicher, fast verloren.

Dann beginnt am 5. Juli 1982 in Barcelona das Spiel. Brasilien reicht in der Zwischenrunde ein Unentschieden für den Halbfinal. Zico dirigiert. Falcão komponiert. Sócrates philosophiert mit jedem Pass.

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Sócrates führt den Ball eng am Fuss.Bild: www.imago-images.de

Einer der berühmtesten Hattricks der Fussballgeschichte

Doch im gegnerischen Tor steht Dino Zoff. Er strahlt eine Gelassenheit aus, die sich auf seine Mitspieler überträgt. Vor ihm räumt Claudio Gentile auf. In der fünften Minute trifft Paolo Rossi zum 1:0. Die Brasilianer reagieren sofort. Zicos göttergleicher Pass öffnet das Spiel, Sócrates schiebt aus spitzem Winkel ein. 1:1. Jetzt tanzen die Brasilianer. Aber Rossi nützt einen Fehlpass von Cerezo zum 2:1. Halbzeit.

Nach der Pause malt Brasilien wieder Fussballbilder. Falcão erzielt eines der schönsten Tore des Turniers zum 2:2. Jetzt ist die Fussball-Welt wieder in Ordnung. Das Remis reicht ja Brasilien für den Halbfinal. Aber dann kommt die 74. Minute. Eckball. Chaos. Zum dritten Mal Paolo Rossi. 3:2. Einer der berühmtesten Hattricks der Fussball-Geschichte.

Die Welt sehnt eine Niederlage Deutschlands herbei

Und nun beginnt das, was zur Fussball-Kultur der Italiener gehört: Leiden, Zeit schinden, verteidigen, Resultat halten. Gentile grätscht in Zweikämpfe, als ginge es um den letzten Ball seines Lebens. Zoff pflückt alle Bälle und behält die Lufthoheit im Strafraum. Brasilien stürmt mit aller Eleganz, Italien verteidigt mit aller Schlauheit und Entschlossenheit.

Die Highlights des Spiels.Video: YouTube/VintageHDtv

Als Schiedsrichter Abraham Klein abpfeift, ist nicht nur Brasilien besiegt. Der Fussball hat seine Schönheit verloren.

Italien marschiert weiter, schlägt Polen im Halbfinal und Deutschland im Final 3:1. Nie zuvor und nie mehr nachher hat die Welt so sehr eine Niederlage der Deutschen herbeigesehnt, die zuvor nur dank einem abgesprochenen 1:0 gegen Österreich überhaupt die Gruppenspiele überstanden haben.

Im Halbfinal folgt mit der Attacke von Torhüter Toni Schumacher gegen Frankreichs Patrick Battiston eines der brutalsten Fouls der Fussballgeschichte. Der Franzose verliert zwei Zähne, bricht einen Halswirbel und erleidet eine Gehirnerschütterung. Der holländische Schiedsrichter Charles Corver entscheidet nicht einmal auf Foul. Das Spiel wird mit Abstoss für Deutschland fortgesetzt, obwohl Battiston nach dem Zusammenprall bewusstlos war und schwer verletzt vom Platz getragen werden musste.

Triumphiert hat Italien, unsterblich wurde dieses brasilianische Team

Paolo Rossi erzielt in den letzten drei Spielen sechs Tore, wird Torschützenkönig, zum besten Spieler des Turniers gewählt und später Europas Fussballer des Jahres. Dino Zoff stemmt als 40-jähriger Kapitän den WM-Pokal in die Höhe und wird zum ältesten Weltmeister der Geschichte. Claudio Gentile bleibt als Sinnbild jener italienischen Verteidigungskunst in Erinnerung, die zwar selten geliebt, aber oft bewundert wird.

Triumphiert hat zwar Italien. Aber unsterblich geworden ist dieses brasilianische WM-Team, an das wir uns erinnern, weil es eben nicht Weltmeister geworden ist.

Und was wird aus den Hauptdarstellern dieses Dramas? Claudio Gentile beendet 1988 bei Piacenza Calcio seine Karriere. Als Trainer arbeitet er bis 2005 für italienische Nachwuchs-Nationalteams und zieht sich 2004 aus dem Fussball und der Öffentlichkeit zurück.

Sócrates' trauriges Ende

Dino Zoff spielt noch ein Jahr für Juventus und beendet 1983 seine Karriere. Er wird Trainer, von 1998 bis 2000 sogar Nationaltrainer und zieht sich dann aus dem Fussballgeschäft zurück.

Paolo Rossi beendet 1987 seine Laufbahn, arbeitet als TV-Experte und stirbt am 9. Dezember 2020 im Alter von 64 Jahren an Lungenkrebs.

Enzo Bearzot bleibt bis 1990 im Amt. Er stirbt 2010 im Alter von 83 Jahren. Bis heute wird er in der Heimat als Trainer verehrt, der mit Loyalität und Mut Italien zum Weltmeistertitel verholfen hat. Indem er trotz heftiger Kritik an Paolo Rossi festhielt.

Sócrates (sein vollständiger Name: Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira) bleibt trotz des WM-Aus eine Ikone und wird zur Symbolfigur der politischen Bewegung Democracia Corinthiana, die sich erfolgreich für demokratische Mitbestimmung und gegen die brasilianische Militärdiktatur einsetzt. Noch während seiner Aktivzeit schliesst er sein Medizinstudium ab und arbeitet zeitweise als Kinderarzt.

1986 tritt er noch einmal bei der WM an. Aber der Kettenraucher ist nicht mehr in Hochform und mit einem verschossenen Elfmeter bei der Penalty-Entscheidung im Viertelfinal verabschiedet er sich von der Weltbühne.

Wohl kein anderer Star hat je ein so skurriles letztes Spiel bestritten. Am 30. November 2004 spielt der damals 50-jährige Sócrates für Garforth Town gegen Tadcaster Albion in der neunten englischen Spielklasse. Er wird für die letzten 13 Minuten eingewechselt. Trotz der eisigen Temperaturen zeigt er noch einige elegante Ballkontakte. Das Spiel endet 2:2.

Teambesitzer Simon Clifford erzählt später schmunzelnd, Sócrates' Aufwärmprogramm habe aus zwei Flaschen Budweiser und drei Zigaretten bestanden. Eigentlich hatte Socrates einen Vertrag für einen Monat unterzeichnet. Aber er verzichtet auf weitere Einsätze. Gezeichnet durch jahrelange Alkoholprobleme stirbt er 2011 im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer schweren Darminfektion.

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