Wie lange bleiben die Vikings die letzten Mohikaner?
Aus 32 mach eins: Nur die Minnesota Vikings dürfen weiter von einer perfekten Saison träumen. Sie schlugen die Indianapolis Colts mit 16:10 und stehen bei 6:0 Siegen.
Niederlagen setzte es für die beiden anderen NFL-Teams ab, die bis dato nur gewonnen hatten. Die San Francisco 49ers unterlagen den Atlanta Falcons 20:29 und die Kansas City Chiefs wurden von den Seattle Seahawks gerupft. Bei der 3:20-Pleite gelang Star-Quarterback Patrick Mahomes für einmal nichts. Die Rufe nach einer Rückkehr des vertragslosen Wide Receivers Tyreek Hill werden lauter, um das Spiel der Chiefs variantenreicher zu gestalten. Allerdings ist unklar, wie fit der 32-jährige Hill nach seiner schweren Knieverletzung ist.
Defense und Special Teams als Prunkstücke
Damit sind nun also die Vikings das letzte noch unbesiegte Team. Der Hauptgrund für die 6:0-Bilanz ist die Defense. Sie liess nie mehr als 22 Punkte des Gegners zu. Für Experten ist Defensive Coordinator Brian Flores der Baumeister dieses Erfolgs. Keine andere NFL-Abwehr lässt dem gegnerischen Quarterback so wenig Zeit und Raum wie die der Vikings. Flores lässt variantenreich und aggressiv verteidigen, die Spieler müssen in der Lage sein, verschiedene Rollen zu besetzen. Das macht die Defense unberechenbarer.
Ein weiterer Faktor sind die Special Teams, deren Einfluss häufig unterschätzt wird. Mit Myles Price hat Minnesota einen Punt-Returner, der seiner Offense regelmässig eine gute Ausgangsposition verschafft. Kicker Will Reichard verwandelte 18 seiner 19 bisherigen Versuche und traf jedes Mal, wenn er zum Extrapunkt nach einem Touchdown antrat.
Schwacher Quarterback
Diese Mannschaftsteile fangen die Schwächen der Offense auf – die die Vikings, angesichts ihrer Bilanz überraschend, haben. Spielmacher Kyler Murray schafft es mit seinem Quarterback-Rating nur auf Rang 25. Murray kam auf diese Saison hin von den Arizona Cardinals und hat in seinem Spiel noch Luft nach oben.
Schon nach dem Trade wurde darüber diskutiert, ob der 29-Jährige zum System, das Headcoach Kevin O'Connell bevorzugt, passt. Dieser stärkte Murray den Rücken. Sein Quarterback befinde sich auf einem guten Weg, befand er. Zwar habe sein Team gegen die Colts viele gute Chancen liegen gelassen, «aber ich glaube, dass wir nicht mehr weit entfernt sind. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir es hinbekommen.»
Auch in der Offensive zeigt sich die defensive Stärke der Vikings. «Safety first» bei der Ballkontrolle führte dazu, dass es zum dritten Mal in sechs Spielen gelang, ein Turnover zu verhindern. «Es gibt wirklich viel Gutes, das nicht unbedingt in einer Statistik auftaucht», meinte O'Connell und fügte an: «Aber das ist ja das ultimative Trainer-Klischee.» Tatsächlich widerspiegeln die Zahlen nicht, dass es sich bei Minnesota um ein 6:0-Team handelt. In der Statistik der Total Yards findet man die Vikings erst auf Rang 27, bei den Passing Yards sogar erst auf Rang 29.
Nun kommen Wochen der Wahrheit
In den nächsten Spielen dürfte den Vikings zudem ein rauerer Wind um die Ohren wehen. Denn die nächsten vier Gegner haben alle ebenfalls eine positive Bilanz: Die Detroit Lions (4-2), die Buffalo Bills (5-1), die Green Bay Packers (4-3) und die San Francisco 49ers (6-1). Sollte die Vikings-Defense auch einmal einen schwachen Tag einziehen, müssen Murray und Co. liefern.
Zwar kennt jeder Sportfan die Weisheit, dass die Offensive Spiele gewinnt und die Defensive Meisterschaften. Angesichts der bislang dürftigen Offensiv-Darbietungen tun die Fans der Vikings aber trotz der 6:0-Bilanz wohl gut daran, noch nicht zu sehr vom ersten Super-Bowl-Triumph der Geschichte zu träumen. Minnesota ist noch ungeschlagen – aber ob es auch ein Titelkandidat ist, muss es erst noch beweisen.
