Nacht-Kontrolle bei Pogacar und Vingegaard – diesen Verdacht hatten die Kontrolleure
Zur nächtlichen und seitens der Fahrer stark kritisierten Dopingkontrolle für die Spitzenfahrer Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar an der derzeit stattfindenden Tour de France werden neue Informationen bekannt.
Es geht um Wachstumshormone
Die Dopingjäger hatten laut einem mit dem Radsport vertrauten Dopingexperten den konkreten Verdacht, dass Fahrer bei der diesjährigen Tour-Ausgabe mit Wachstumshormonen bei der eigenen Leistung nachhelfen könnten, wie dieser gegenüber «Schweiz heute» bestätigt (siehe Box).
Die Regeln der Welt-Antidoping-Behörde WADA sehen Kontrollen grundsätzlich im Zeitfenster von 05.00 bis 23.00 Uhr vor. Ausserhalb der genannten Zeiten darf nur getestet werden, wenn ein schwerwiegender und konkreter Verdacht auf Doping vorliegt. Und auch dann nur unter strengen Auflagen und mit Ausnahmebewilligung, wie die International Testing Ageny ITA auf Anfrage von «Schweiz heute» schreibt. Die Kontrollen erfolgten nach den Vorgaben der WADA, des UCI-Reglements und des französischen Rechts.
Wachstumshormone sind bei einer Mikrodosierung nur während weniger Stunden nachweisbar. Soll ein solcher Missbrauch aufgedeckt werden, müssen die Kontrollen deshalb in der Nacht erfolgen – am Morgen wäre die Substanz im Blut unter Umständen bereits nicht mehr nachweisbar. Wachstumshormone sollen die Regeneration beschleunigen, helfen beim Fettstoffwechsel und stärken Sehnen und Bänder. Sie verbessern aber nicht die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) wie zum Beispiel EPO. Ihre Wirkung ist im Ausdauersport wissenschaftlich äusserst umstritten.
«Eine mögliche Begründung für den Verdacht liegt beim Biologischen Athletenpass. Dieser weist die Einnahme von verbotenen Substanzen nicht direkt nach, sondern überwacht langfristige Veränderungen im Körper eines Athleten. Seit August 2024 erlauben die WADA-Regeln die Überwachung von zwei neuen Markern: dem Steroiden-Modul und dem endokrinologischen Modul, also den Hormonwerten im Blut. In Kombination können diese zwei Werte Verdachtsmomente zum Einsatz von Wachstumshormonen erhärten. Es braucht aber zuerst genügend Tests eines Athleten über rund 18 bis 24 Monate, um verlässliche Aussagen machen zu können. Dieses Zeitfenster hat man nun erreicht. Man muss dabei auch eine möglicherweise natürliche Veränderung dieser Werte durch Höhentraining, durch Hitze oder durch die Belastung einer dreiwöchigen Rundfahrt ausschliessen können. Ein solcher Verdacht würde als Erklärung für die nächtlichen Tests Sinn machen.»
Zu den nächtlichen Tests:
«Man weiss als Sportler, dass die Anti-Doping-Organisationen diese Tests machen können, aber es ist bisher nie passiert. Aus meiner Sicht gehört es ganz einfach zum Job des Radprofis dazu. Diese Stars verdienen teilweise Millionen. Es ist in ihrem Interesse, dass im Rahmen der Tour de France so etwas gemacht wird.»
Die Kontrolle von Vingegaard und Pogacar sorgte für viel Kritik im Fahrerfeld. Zwar gab es auch verständnisvolle Stimmen, doch mehrere Athleten wie beispielsweise der Belgier Remco Evenepoel zeigten sich ob der nächtlichen Störung seiner Kollegen und den diesen dadurch fehlenden Schlaf empört. Auch der nach Dopingskandalen gefallene Radheld Lance Armstrong kritisierte die Kontrolle scharf.
Mehr dazu:
* Raphaël Faiss ist ein Schweizer Sportwissenschaftler und Physiologe. Er arbeitet als Senior Researcher am Zentrum für Forschung und Expertise in Anti-Doping-Wissenschaften (REDs) der Universität Lausanne. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen: Anti-Doping-Wissenschaften und Dopingkontrollen, Trainingsphysiologie, Höhen- und Hitzetraining, Leistungsdiagnostik. Vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn war Faiss als leistungsorientierter Radsportler aktiv. Er gewann mehrfach Welt- und Europameistertitel bei den Fahrradkurieren (Cycle Messenger Championships) und war zudem Elite-Strassenradfahrer. In der Anti-Doping-Forschung hat er an Studien zu Themen wie: Nachweisverfahren für verbotene Substanzen, biologischer Athletenpass, Auswirkungen von Höhen- und Hitzetraining auf Blut- und Hormonparameter, sowie gesundheitlichen und leistungsbezogenen Aspekten des Spitzensports mitgewirkt und zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht (schweizheute.ch/con)

