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Analyse

Börsenbeben: Kommt jetzt der Crash?

Die Aktienbörsen brechen rund um den Globus ein. Doch die wahre Gefahr kommt vom Anleihemarkt.
15.08.2019, 11:1015.08.2019, 12:17

Den Dow Jones hat es mit rund drei Prozent erwischt, den SMI mit 1,6 Prozent. An den Aktienmärkten ist wieder einmal die Hölle los. Rund um den Globus gab es gestern, was Trader gerne poetisch mit einem Blutbad umschreiben.

Doch die Aktienmärkte sind nicht das Problem. Das ganz grosse Rad in der Finanzwelt wird an den Anleihemärkten gedreht. Dort bestimmen die Masters of the Universe den Gang der Weltwirtschaft – und dort sieht es derzeit zappenduster aus.

Die Gefahr der inversen Zinsstrukturen

Wenn die Ökonomen davon sprechen, dass sich die «Zinskurven glätten», dann leuchten bei den Investoren die ersten Warnlichter auf. Das bedeutet, dass sich die Zinsen der langfristigen Staatsanleihen (zehn Jahre und mehr) anzugleichen beginnen.

Sprechen die Ökonomen gar von einer «inversen Zinsstruktur», dann ist höchste Alarmstufe angesagt. Das bedeutet, dass die Zinsen der langfristigen Anleihen tiefer sind als die der kurzfristigen.

Genau das ist gestern eingetreten: Die Zinsen der zehnjährigen US-Staatsanleihen sind gestern kurzfristig unter diejenigen der zweijährigen gefallen. Heute ist dies gar mit den 30-jährigen Anleihen passiert.

Warum ist das ein schlechtes Omen? In den Zinsen der Obligationen widerspiegelt sich das Risiko. Eine langlaufende Anleihe ist in der Regel ein grösseres Risiko als eine kurzlaufende, deshalb ist auch der Zins höher.

Warum die Investoren vorsichtig werden

Dreht sich dieses Verhältnis um, dann bedeutet dies, dass die Investoren für die Zukunft schwarz sehen. Sie wollen kein Risiko mehr eingehen und nehmen deshalb tiefere Zinsen in Kauf. Inverse Zinsstrukturen sind ein Indiz dafür, dass sich eine Rezession anbahnt. Der US-Anleihemarkt signalisiert, dass die Gefahr besteht, dass die Weltwirtschaft aus den Fugen gerät.

Derzeit haben die Investoren jede Menge Gründe, das Risiko zu scheuen. Der Handelskrieg zwischen den USA und China hinterlässt tiefe Spuren. Das ist nicht weiter verwunderlich, prallen doch die grösste und die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt aufeinander.

In China hat dies dazu geführt, dass sich das Wachstum massiv verlangsamt hat. Im Juli ist es auf 4,8 Prozent gesunken. Das ist der tiefste Stand seit 2002. Die Unruhen in Hongkong tragen nicht dazu bei, das Vertrauen in die chinesische Wirtschaft zu stärken.

In den USA verpufft derweil die Wirkung der Trump’schen Steuergeschenke. Die Gewinne der Industrieunternehmen sind durchschnittlich zehn Prozent tiefer als vor Jahresfrist. Das Wachstum der Gesamtwirtschaft ist auf rund zwei Prozent gesunken, deutlich unter dem versprochenen Wert von drei bis vier Prozent.

Noch schlimmer sieht es in Europa aus. Musterschüler Deutschland ist auf bestem Weg, in eine Rezession abzugleiten. Im zweiten Quartal des laufenden Jahres ist das Wachstum im negativen Bereich. Voraussichtlich wird dies auch im laufenden Quartal der Fall sein. Damit wären dann die ökonomischen Kriterien einer Rezession erfüllt.

In Berlin herrscht Katerstimmung. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie, sagt: «Wir blicken auf ein paar düstere Monate. Ohne wirkungsvolle politische Antworten könnten es auch Jahre werden.»

Was ist mit Kashmir?

Ein No-Deal-Brexit und das Chaos in Italien verschärfen die Lage in Euroland zusätzlich. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat deshalb bereits angekündigt, ihr Programm des Quantitativen Easings wieder aufzunehmen.

Die Lage im persischen Golf ist nach wie vor ungeklärt und bleibt explosiv. Zudem hat sich Asien zu einem neuen Brandherd entwickelt. Im Kashmirkonflikt sind Indien und Pakistan, zwei Atommächte, auf Kollisionskurs.

Bis vor kurzem schien eine Rezession in den USA undenkbar. Inzwischen zeigt sich selbst Janet Yellen, die ehemalige Präsidentin der US-Notenbank, besorgt. «Die Chancen (einer Rezession) sind höher geworden als mir lieb ist», erklärte sie gegenüber Fox Business.

Zeigt sich besorgt: Janet Yellen, Ex-Präsidentin der US-Notenbank.
Zeigt sich besorgt: Janet Yellen, Ex-Präsidentin der US-Notenbank.Bild: AP

In den USA hat die Notenbank noch einen kleinen Spielraum, um mit Zinssenkungen einen Aktiencrash und eine Rezession zu verhindern. Die EZB hingegen hat ihr Pulver verschossen, die Leitzinsen befinden sich bereits im negativen Bereich.

Selbst wenn es den Zentralbanken gelingen sollte, die Aktienmärkte zu beruhigen, die Gefahren, die von den Anleihemärkten ausgehen, sind sehr viel schwieriger in den Griff zu bekommen. Präsident Trump wird dort mit seinen Strafzoll-Mätzchen ebenfalls auf Granit stossen.

James Carville, ein ehemaliger Berater von Bill Clinton, hat einst das denkwürdige Zitat geäussert, wonach er im nächsten Leben als Anleihemarkt auf die Welt kommen wolle, weil da die wahre Macht liege. Nun bekommt Trump diese Lektion verpasst. Hoffentlich reisst er dabei nicht die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund.

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Wie Apple Geschichte schrieb (5.9.2018)

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Wie Apple Geschichte schrieb
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58 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Special K
15.08.2019 11:35registriert August 2016
Wir stehen am Ende einer der längsten Wachstumsphasen der jüngeren Geschichte. Dass dieser Aufschwung einmal zu Ende gehen muss - und zwar bald - war seit ein paar Jahren abzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich schon letztes Jahr damit gerechnet.

Was mir Angst macht, die Zinsen sind immer noch auf historischen Tiefs, zum Teil im negativen Bereich. Was können die Nationalbanken (v.a. in der EU, Schweiz und in Japan) denn noch tun, wenn die Wirtschaft auf Talfahrt geht?
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p4trick
15.08.2019 11:28registriert März 2017
Bei jedem dieser grösseren Crashs verlieren die Aktien ca. 1/3, aber wenn sich die Aktien seit 5 Jahren mehr als verdoppelt haben und der letzte richtige Crash 10 Jahre zurückliegt, ist das nicht eher bloss eine kleine Korrektur?
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Ferienpraktiker
15.08.2019 11:31registriert Juni 2017
Und mein Bankberater meinte letzthin, ich solle doch diversifizieren und mein Erspartes in Aktienfonds anlegen, da hätte ich mehr von.....
Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.
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