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Fed-Zinsentscheid in den USA: Deshalb sind die Märkte verunsichert

Der Fed-Chef könnte heute die Unabhängigkeit von Trump zementieren – das sind die Risiken

Erhöht die Fed überraschend die Zinsen? Der neue Chef Kevin Warsh gilt als Kritiker der Strategie, den Finanzmärkten vorab Signale zu geben. Das Vorgehen birgt Risiken.
29.07.2026, 15:5029.07.2026, 17:06
Heike Buchter / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Bis Anfang der Woche schienen sich die meisten Finanzexperten noch einig zu sein: Die heutige Sitzung der US-Notenbank würde eine Routineveranstaltung werden. Die Federal Reserve unter der Leitung des neuen Chefs Kevin Warsh würde die Zinsen erneut unverändert lassen. Zwar spricht da auch heute noch einiges für. Doch ob es wirklich so kommt, ist unsicherer geworden. Und wenn der Finanzmarkt eine Sache nicht mag, dann Unsicherheit. Da kann eine Fed-Entscheidung schnell Auswirkungen auf die Kurse haben.

Was für unveränderte Zinsen spricht, sind unter anderem die jüngsten Daten vom Arbeitsmarkt. Sie zeigen weder einen starken Anstieg bei Löhnen und Gehältern noch einen Einbruch. Ebenso wichtig ist inzwischen aber die Politik und der Druck von US-Präsident Donald Trump. Warshs Vorgänger Jerome Powell hatte er über Monate beschimpft, beleidigt sowie wegen angeblicher Verfehlungen juristisch verfolgen lassen – alles, um ihn dazu zu bringen, die Leitzinsen zu senken. Denn dadurch würde Geld billiger, so das Kalkül des Präsidenten und ehemaligen Immobilienmoguls, was noch vor den Kongresswahlen im Herbst den Konsum und Investitionen im Land ankurbeln würde.

FILE - An U.S. flag flies over the Federal Reserve building on May 4, 2021, in Washington. (AP Photo/Patrick Semansky, File)
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Die US-Notenbank gibt am Mittwoch den neuen Zinsentscheid bekannt.Bild: keystone

Doch angesichts des Konflikts mit dem Iran und der dadurch höheren Preise für Benzin und Diesel steht eine Senkung der Zinsen zu diesem Zeitpunkt nicht zur Debatte. Billigeres Geld würde da die Inflation erst recht anfachen. Stattdessen ist die Frage inzwischen nicht mehr, ob die Fed die Zinsen anhebt – sondern wann. Sie dürfte also das Gegenteil von dem tun, was Trump sich explizit vor der Ernennung des neuen Fed-Chefs gewünscht hat. Die Frage ist nur, ob das schon heute passiert oder später.

Ein brisanter Bericht

Bislang schien ein neutrales Abwarten und Hinauszögern der Entscheidung für den neuen Fed-Chef politisch am unverfänglichsten. So jedenfalls lautete der Konsens an der Wall Street bis zum Wochenbeginn. Doch dann legte am Montag Citadel Securities, einer der grössten Wertpapierhändler weltweit, einen Bericht vor, der es in sich hat. Darin erklären die Citadel-Analysten, warum sie schon bei der aktuellen Sitzung eine Zinserhöhung erwarten.

Ihre Begründung sorgte für einigen Wirbel: «Citadel-Prognose schürt Angst am Markt», titelte der Finanznachrichtendienst Bloomberg. Angst, weil eine Zinserhöhung, die die meisten Investoren und Marktteilnehmer unvorbereitet träfe, zu heftigen Kursausschlägen und Verkaufswellen führen kann. Doch ein solcher Überraschungsmoment sei womöglich genau Warshs Absicht, argumentieren die Citadel-Analysten.

Den Markt «erziehen»

Nicht nur würde es die Unabhängigkeit der Fed-Entscheidungen von Trump klarstellen und die Entschlossenheit demonstrieren, ein Wiederaufflammen der Inflation zu bekämpfen. Sondern es hätte auch einen erzieherischen Effekt. Eine solche unerwartete Zinsentscheidung sei, so die Analysten, ein «reinigendes Ereignis, das die Märkte dazu zwingt, das einzupreisen, was die Daten als angemessene Reaktion der Zentralbank nahelegen, anstatt das, was die Marktteilnehmer von ihr erwarten».

Im Klartext: Mit einer solchen unliebsamen Überraschung würde Warsh die Gewohnheit der Finanzmarktteilnehmer infrage stellen, die nicht die Entwicklungen in der realen Wirtschaft beobachteten, sondern stattdessen akribisch die Reden und Auftritte der Fed-Gouverneure und des Fed-Chefs verfolgen, um Rückschlüsse auf deren nächste Zinsentscheidung zu erhalten.

Eine solche Überraschung wäre allerdings auch ein Bruch mit den bisherigen Gepflogenheiten – und eine Vorgehensweise, die nicht ohne Risiko für die globalen Finanzmärkte ist.

Von vagen Reden zu Signalen – und zurück?

Um die Aufregung zu verstehen, muss man sich in die Zeit der Finanzkrise 2008 zurückversetzen. Der Untergang der Investmentbank Lehman Brothers führte damals dazu, dass die Kreditmärkte einfroren – was wiederum drohte, Unternehmen in die Schieflage zu bringen. Die Krise kostete innerhalb von Wochen bereits Millionen Arbeitsplätze. Um den Kreditmarkt schnell wieder ins Laufen zu bringen und die Wirtschaft zu stabilisieren, senkte die Fed die Zinsen auf null. Und noch eine Massnahme sollte das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen: Die Fed unter dem damaligen Chef Ben Bernanke begann, ihre nächsten Schritte im Voraus zu signalisieren. Das sollte die Unsicherheit weiter senken.

Der einstige Chef der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, erwartet einen gewaltigen Einbruch der US-Volkswirtschaft in diesem Jahr. (Archivbild)
Der ehemalige Fed-Chef Ben Bernanke.Bild: AP

Die neue Transparenz war damals eine Abkehr von Bernankes Vorgänger Alan Greenspan, der bei seinen Reden notorisch vage geblieben war. Damals waren nicht alle Fed-Gouverneure überzeugt, dass die Forward Guidance, wie die neue Offenheit genannt wurde, eine gute Idee sei. Einer der schärfsten Kritiker von Bernankes Kurswechsel damals war: Kevin Warsh. Das war auch einer der Streitpunkte, über die er 2011 seinen Posten als Fed-Gouverneur verliess.

«Wenn die Finanzmärkte lediglich das widerspiegeln, was wir gesagt haben, dann lassen wir die wichtigste Informationsquelle ausser Acht.»
Kevin Warsh

Bei seiner ersten Pressekonferenz als neuer Fed-Chef im vergangenen Juni machte Warsh klar, dass sich an seinen Ansichten nichts geändert habe: «Wenn die Finanzmärkte lediglich das widerspiegeln, was wir gesagt haben, dann lassen wir die wichtigste Informationsquelle ausser Acht und verschliessen die Augen davor», sagte er.

Federal Reserve Chairman Kevin Warsh appears before the House Financial Services Committee to deliver the semi-annual monetary policy report on the central bank, at the Capitol in Washington, Tuesday, ...
Der aktuelle Fed-Chef Kevin Warsh ist für vage Reden und gegen Signale.Bild: keystone

Unliebsame Überraschungen wie eine Zinserhöhung, mit der die Marktteilnehmer nicht oder nicht zu dem Zeitpunkt gerechnet haben, würden nach seiner Auffassung auch für eine erhöhte Wachsamkeit der Investoren und Marktteilnehmer sorgen. Lieber der Nadelstich einer kurzfristigen negativen Reaktion auf eine Fed-Entscheidung als am Ende das Platzen einer grossen Blase wie 2008, könnte man vereinfacht seine Argumentation zusammenfassen.

Folgen für US-Staatsanleihen

Doch die Rückkehr zu einer undurchsichtigen Fed birgt ebenfalls Risiken. Die Finanzmärkte sind weit komplexer als in Greenspans Tagen. Vor allem die globale Expansion der Kreditmärkte und die Verflechtungen mit anderen Finanzmärkten können bei einer Fed-Entscheidung, die die Akteure unvorbereitet trifft, zu unvorhergesehenen Kettenreaktionen führen.

Besonders brisant sind die Veränderungen am wichtigsten Kreditmarkt der Welt, dem Markt für US-Staatsanleihen. Er hat inzwischen einen Umfang von 31 Billionen Dollar. Damit ist die Summe der ausstehenden US-Schuldenpapiere in der Hand der Investoren so hoch wie die amerikanische Jahreswirtschaftsleistung. Gemessen am BIP war ein so hoher Schuldenstand zuletzt während des Zweiten Weltkriegs der Fall.

Bewegungen am Treasuries-Markt wirken sich global aus. Sie treffen indirekt auch deutsche Unternehmen, die sich Geld leihen, um Fabriken zu bauen und Arbeitsplätze zu schaffen, deutsche Pensionskassen, die ihr Geld anlegen – oder Bürger, die Kredite aufnehmen, um ein Auto oder eine Immobilie zu kaufen. In anderen Worten: US-Staatsanleihen sind das Fundament des weltweiten Finanzsystems.

Die Rolle der Hedgefonds

Einst lagen Treasuries vorwiegend in den Depots von Pensionskassen, Versicherungen und vor allem ausländischen Notenbanken. Doch in den vergangenen Jahren sind neue Marktteilnehmer aufgetreten. Darunter grosse Hedgefonds, die auf Preisschwankungen wetten. Die Fed selbst schätzt, dass sich der Anteil der Hedgefonds an den Treasuries allein zwischen 2023 und 2025 verdoppelt hat.

Hedgefonds spekulieren mit geliehenem Kapital. Und hier kommt die Brisanz von Warshs Kurswechsel ins Spiel. Sollten die Hedgefonds etwa von einer Zinserhöhung auf dem falschen Fuss erwischt werden, könnte das dazu führen, dass nervös gewordene Kreditgeber – meist Banken – das geliehene Kapital von den Fonds zurückfordern oder die Hinterlegung von höheren Sicherheiten verlangen.

Jetzt auf

Um schnell die Mittel dafür zu bekommen, würden viele Hedgefonds ihre Treasuries losschlagen – an der Wall Street wird dies Dash for Cash genannt – und könnten dadurch einen Einbruch an diesem wichtigen Anleihemarkt auslösen.

«Das Ziel ist es, die richtige Geldpolitik zu machen.»
Kevin Warsh

Dass das Szenario keine reine Theorie ist, zeigte sich im vergangenen Frühjahr. Damals war es Trumps Ankündigung seiner Vergeltungszölle, die genau eine solche Verunsicherung und Kettenreaktion auslöste. So gefährlich war die Erschütterung am Treasuries-Markt, dass der Präsident sich gezwungen sah, die Zölle erst einmal auszusetzen.

Immerhin scheint sich Warsh der Gefahr bewusst zu sein, die es bedeuten würde, die Fed in eine Blackbox zu verwandeln. Bei der Senatsanhörung im Juni nach seiner neuen Kommunikationspolitik gefragt, versicherte er, auf keinen Fall Verwirrung stiften zu wollen: «Das Ziel ist es, die richtige Geldpolitik zu machen.»

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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«Das sind Vorwände» – US-Notenbankchef spricht Tacheles mit Trump-Regierung
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Die beliebtesten Kommentare
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Bernhard K.
29.07.2026 16:23registriert September 2016
Was immer er entscheiden wird, es wird einige Leute mit Nähe zu Trump geben, die vorinformiert werden und an der Börse profitieren können.
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