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Wie Saudi-Arabiens Megaprojekte zur Billionenfalle wurden

The Line, NEOM
Es soll ein Bau von nie dagewesenen Ausmassen werden, 170 Kilometer lang und 500 Meter hoch: «The Line».Bild: Shutterstock
Analyse

Saudi-Arabien wollte weg vom Öl – jetzt wird Neom zur Billionenfalle

Eine 170 Kilometer lange Wüstenstadt, ein Skigebiet und ein gigantischer Würfel: Saudi-Arabien wollte mit seinen Megaprojekten die Zeit bis nach dem Öl kaufen. Doch interne Fehlanreize, ausbleibende Investoren und die Abhängigkeit vom Öl bringen die Vision ins Wanken.
01.11.2026, 21:5602.11.2026, 01:02
Michael Kern
Michael Kern

Mehr als 50 Milliarden US-Dollar sind laut dem «Wall Street Journal» bereits in Neom geflossen. Die vollständige Umsetzung könnte gemäss dem internen Audit bis zu 8,8 Billionen US-Dollar kosten.

Auch andere Prestigeprojekte werden kleiner oder gestoppt. Beim gigantischen würfelförmigen «Mukaab» wurden die Arbeiten nach Informationen von Reuters ausgesetzt. Das Skigebiet Trojena liegt weit hinter den ursprünglichen Zielen.

Doch die Probleme lassen sich nicht allein mit Grössenwahn erklären. Hinter der Vision 2030 steckt der Versuch, Saudi-Arabien möglichst schnell auf eine Zukunft vorzubereiten, in der Öl nicht mehr zuverlässig das ganze Land finanziert.

Bauprojekt Mukaab in Riad, Saudi-Arabien.
https://de.wikipedia.org/wiki/Mukaab#/media/Datei:Mukaab_Illustration.png
Der «Mukaab» in Riad hätte das grösste in einem Stück erzeugte Bauwerk der Welt werden sollen.Bild: Wikimedia

Mohammed bin Salman wollte das alte System umgehen

Der moderne saudische Staat entstand in den 1930er-Jahren aus der Vereinigung rivalisierender Stämme und Herrschaftsgebiete. Der damalige König sicherte Bündnisse unter anderem durch zahlreiche Heiraten und schuf so ein System, in dem Macht innerhalb der weit verzweigten Königsfamilie verteilt war. Das erschwerte zwar die Machtkonzentration, machte Entscheidungen aber gleichzeitig langsam und kompliziert.

FILE - This May 30, 2017 file photo, shows Saudi Crown Prince and Defense Minister Mohammed bin Salman, (MBS), in Moscow's Kremlin, Russia. The Wall Street Journal is reporting that Saudi officia ...
Saudi Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, auch «MBS» genannt.Bild: AP

Als Kronprinz Mohammed bin Salman seine Vision 2030 lancierte, wollte er genau diese Bürokratie umgehen. Grosse Teile des Kapitals und der Entscheidungsgewalt wurden deshalb beim Public Investment Fund, kurz PIF, gebündelt. Der Staatsfonds ähnelt auf den ersten Blick etwa dem norwegischen Modell, steht aber sehr viel direkter unter der Kontrolle des Kronprinzen.

Milliardenprojekte konnten dadurch schnell beschlossen werden – gleichzeitig verschwanden Kontrollmechanismen, die ambitionierte Vorhaben normalerweise auf ihre technische und wirtschaftliche Machbarkeit prüfen. Das wurde zusätzlich zum Problem, weil Saudi-Arabien viele der Projekte kaum mit eigenen Fachkräften umsetzen konnte.

Niemand wollte dem Kronprinzen widersprechen

Ein grosser Teil der Beschäftigten im Königreich sind Ausländer, für die Megaprojekte mussten zusätzlich Tausende Ingenieure, Architekten und Berater angeworben werden. Die «Financial Times» berichtete bereits über die aussergewöhnlich starke Abhängigkeit der saudischen Transformation von internationalen Beratungsfirmen.

Beim Megaprojekt Neom entstand nach Recherchen des «Wall Street Journal» ein Umfeld, in dem Verantwortliche dem Kronprinzen Probleme und tatsächliche Kosten teilweise nicht offen kommunizierten.

Bei «The Line» etwa hatten Planer zunächst eine deutlich konventionellere Stadt vorgeschlagen. Mohammed bin Salman wollte stattdessen zwei riesige parallele Hochhäuser, die sich kilometerweit durch die Wüste ziehen.

The Line, NEOM
Visualisierung von «The Line». Bild: Shutterstock

Millionen für Pläne, die nie gebaut wurden

Ein weiteres Problem lag offenbar im Vergütungssystem. Berater und Projektleiter wurden häufig für ihre Arbeitszeit und Planungsleistung bezahlt – nicht dafür, ob ihre Konzepte tatsächlich realisierbar waren. Einer der Verantwortlichen für die Stadtentwicklung von «The Line» soll ein Grundgehalt von mindestens sechs Millionen Dollar erhalten haben.

Interne Teams sollen Zahlen zudem geschönt haben, um Projekte wirtschaftlicher erscheinen zu lassen, wie das «Wall Street Journal» berichtet. Beim geplanten Skigebiet Trojena sei der kalkulierte Preis für eine Nacht auf einem Glamping-Platz in Tabellen etwa von 216 auf 794 Dollar erhöht worden. Bei Luxuszimmern soll der angenommene Preis von 489 auf 1866 Dollar pro Nacht gestiegen sein. Am eigentlichen Projekt änderte sich dadurch nichts – auf dem Papier sah die Rechnung aber plötzlich deutlich besser aus.

A rendering of Trojena. (Supplied: NEOM)
Das Skigebiet «Trojena» in der Nähe des Roten Meers hätte überwiegend mit Kunstschnee betrieben werden müssen.Bild: neom

So entstand ein gefährlicher Mechanismus: Je länger niemand ein unrealistisches Projekt stoppte, desto länger konnten Berater und Auftragnehmer daran verdienen. Inzwischen soll Saudi-Arabien sogar rund 16 Milliarden Dollar dafür aufwenden müssen, Verträge mit Unternehmen wieder aufzulösen. Die «Financial Times» sprach bereits vom Ende der saudischen «Blankoscheck»-Ära für internationale Beratungsfirmen.

Der eigentliche Grund für die Eile: Öl

Warum liess sich das Königreich überhaupt auf ein derart riskantes Experiment ein? Die Antwort lautet: Öl. Saudi-Arabien besitzt gewaltige Reserven und wurde dadurch zu einem der reichsten Staaten der Welt. Gleichzeitig hängt der Staatshaushalt bis heute stark von diesem Rohstoff ab.

Wie gefährlich das werden kann, zeigte sich 2014. Damals brach der Ölpreis ein. Zu diesem Zeitpunkt stammten rund 90 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Ölgeschäft, entsprechend brutal traf der Preissturz das Königreich. Für die saudische Führung war klar: Wenn die weltweite Nachfrage nach Öl langfristig sinkt, bevor alternative Einnahmequellen aufgebaut sind, entsteht ein massives Problem.

Die Vision 2030 sollte genau das verhindern. Tourismus, Technologie, Unterhaltung und internationale Investitionen sollten Saudi-Arabien unabhängiger vom Öl machen.

A birdseye view of the largest oil refinery on the Arabian Peninsula, located at Ras Tanura, on the east coast of Saudi Arabia, 1992. (Photo by Barry Iverson/Getty Images)
Eine Ölraffinerie in Ras Tanura, an der Ostküste von Saudi Arabien.Bild: The Chronicle Collection

Dubai machte es genau umgekehrt

Wie eine solche Transformation funktionieren kann, zeigt aus saudischer Sicht ausgerechnet Dubai. Das Emirat begann nicht mit dem Burj Khalifa oder künstlichen Luxusinseln. Zunächst entstanden grundlegende Infrastruktur und ein grosser Hafen. Danach folgte unter anderem Emirates, die internationale Besucher ins Land brachte. Erst als Touristen und Unternehmen tatsächlich kamen, wurden die spektakulären Wahrzeichen gebaut.

Saudi-Arabien versucht im Grunde, mehrere Jahrzehnte dieser Entwicklung in wenigen Jahren nachzuholen. Statt ein Projekt nach dem anderen aufzubauen, wurden gleichzeitig «The Line», Trojena, Luxusinseln am Roten Meer, Freizeitparks, neue Städte und gigantische Gebäude lanciert. Das Königreich begann deutlich später als Dubai mit der Diversifizierung – und wollte den Rückstand im Eiltempo aufholen.

Konzept eines Observatoriums im Saudi-Arabischen Bergresort «Trojena» im Rahmen des Megaprojekts «NEOM».
Konzept eines Observatoriums im Skigebiet «Trojena».Bild: Shutterstock

Die Rechnung sollten eigentlich andere bezahlen

Saudi-Arabien plante dabei nie, sämtliche Kosten selbst zu tragen. Der PIF sollte die Projekte anstossen, spektakuläre Bauten Aufmerksamkeit erzeugen – und danach sollten ausländische Investoren mit Milliarden einsteigen. Vereinfacht gesagt lautete die Strategie: bauen, Aufmerksamkeit schaffen und darauf hoffen, dass das internationale Kapital folgt.

Doch diese Investoren kamen nicht annähernd im erwarteten Umfang. Bis 2030 möchte Saudi-Arabien jährlich rund 100 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen anziehen. Tatsächlich lag die Summe zuletzt bei etwa 32,6 Milliarden Dollar – rund zwei Drittel unter dem Ziel.

Das Timing verschärfte das Problem. Als viele Projekte entworfen wurden, lagen die internationalen Zinsen nahe null. Geld war billig, riskante Milliardeninvestitionen deshalb attraktiver. Mit der Inflation und den Zinserhöhungen änderte sich das. Plötzlich konnten Investoren mit wesentlich sichereren Anlagen gute Renditen erzielen. Milliarden in eine experimentelle Wüstenstadt oder ein Skigebiet ohne bestehende Kundschaft zu stecken, wirkte damit deutlich weniger verlockend.

Saudi-Arabien braucht plötzlich viel teureres Öl

Weil der erhoffte Zustrom ausländischen Kapitals ausblieb, musste Saudi-Arabien einen viel grösseren Teil der Rechnung selbst übernehmen. Damit entstand eine paradoxe Situation: Das Land investiert Milliarden, um unabhängiger vom Öl zu werden – und braucht genau deshalb kurzfristig noch mehr Öleinnahmen.

Vor Beginn der gigantischen Investitionsprogramme musste ein Barrel Öl ungefähr 50 Dollar kosten, damit Saudi-Arabien seine laufenden Ausgaben finanzieren konnte. Durch Vision 2030 und die zusätzlichen Ausgaben soll dieser sogenannte fiskalische Break-even-Preis inzwischen bei rund 113 Dollar liegen, wie Bloomberg Economics schätzt. Über längere Zeit lagen die Ölpreise jedoch deutlich darunter.

Das Königreich versucht damit sinngemäss, einen Staatshaushalt für 113-Dollar-Öl mit Einnahmen aus 60- oder 70-Dollar-Öl zu finanzieren.

Auch China wird zum Problem

Hinzu kommt ein struktureller Wandel auf der Nachfrageseite. China gehört zu den wichtigsten Abnehmern saudischen Öls, importiert aber zunehmend Öl aus anderen Ländern und erlebt gleichzeitig einen Rückgang seines Treibstoffverbrauchs. Sinopec erwartet für 2026 einen Rückgang der gesamten chinesischen Ölnachfrage um rund 600'000 Barrel pro Tag. Saudi-Lieferungen nach China fielen zeitweise bereits auf Rekordtiefs.

Gleichzeitig haben die jüngsten Spannungen im Nahen Osten gezeigt, dass selbst hohe Preise wenig helfen, wenn das Öl nicht zuverlässig exportiert werden kann. Störungen rund um die Strasse von Hormus oder Angriffe auf wichtige Infrastruktur können die Exportrouten empfindlich treffen. Besonders wichtig ist dabei die Ost-West-Pipeline, über die Öl zum Roten Meer transportiert werden kann, wenn die Route durch den Persischen Golf ausfällt.

Damit wird aus dem wirtschaftlichen Problem auch ein sicherheitspolitisches. Wenn die wichtigste Einnahmequelle für Saudi-Arabiens Zukunftspläne gleichzeitig von Weltmarktpreisen, Grosskunden und regionalen Konflikten abhängt, wird die gesamte Transformation verletzlich.

EAST-WEST PIPELINE PUMPING STATION, SAUDI ARABIA - 10 SEPTEMBER 2026: Satellite view of smoke and damage at the al‑Mesabaah pumping station along Saudi Arabia’s East–West crude oil pipeline near Medin ...
Schäden an einer Pumpstation der wichtigen Ost-West-Pipeline Mitte September 2026. Saudi Arabiens Öl-Infrastruktur ist seine Achillesferse. Bild: Gallo Images Editorial

Saudi-Arabien steckt in einem Dilemma

Die Ironie ist offensichtlich: Saudi-Arabien muss seine Abhängigkeit vom Öl reduzieren, weil diese langfristig gefährlich ist. Um das zu schaffen, benötigt es enorme Mengen an Geld – und dieses Geld kommt weiterhin hauptsächlich aus dem Ölgeschäft. Je mehr Milliarden in den Umbau fliessen, desto stärker steigt kurzfristig sogar die Abhängigkeit von hohen Ölpreisen.

Deshalb sind die Probleme von «The Line», Trojena und den anderen Megaprojekten mehr als spektakuläre Baupannen. Sie zeigen, wie schwierig es ist, eine ganze Volkswirtschaft innerhalb weniger Jahre umzubauen, selbst wenn scheinbar unbegrenzte Milliarden zur Verfügung stehen.

Mohammed bin Salmans vielleicht grösstes Risiko war deshalb nicht, gross zu denken. Sondern zu versuchen, mehrere Jahrzehnte wirtschaftlicher Entwicklung gleichzeitig zu überspringen. Dubai baute zuerst die Grundlagen und danach die Wahrzeichen. Saudi-Arabien wollte alles gleichzeitig.

Nun läuft dem Königreich ausgerechnet jene Ressource davon, die es mit Vision 2030 eigentlich gewinnen wollte: Zeit.

Quellen

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