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Was die Kriegsmüdigkeit in Russland für Wladimir Putin bedeutet

Russian President Vladimir Putin listens to the Governor of Nenets Autonomous Area Irina Gekht during their meeting at the Kremlin in Moscow, Monday, Aug. 17, 2026. (Mikhail Metzel, Sputnik, Kremlin P ...
Bei ihm ist von Kriegsmüdikeit keine Spur: Kreml-Chef Wladimir Putin auf einem russischen Kriegsschiff im äussersten Osten des Landes.Bild: keystone
Analyse

Was die Kriegsmüdigkeit der Russen für Putin bedeutet

Die Unzufriedenheit im Land wächst, selbst die Eliten murren. Doch daraus auf ein baldiges Einlenken Moskaus zu schliessen, ist ein gefährlicher Trugschluss.
21.08.2026, 09:5821.08.2026, 11:53
Alexander Estis / ch media

Die russische Oppositionspartei Jabloko, die offen für die Beendigung des Ukrainekriegs eintritt, wurde nach einem Scheinprozess von den Parlamentswahlen im September ausgeschlossen.

Viele Experten und Kommentatoren werteten dies als Zeichen dafür, dass der Kreml sich vor der Opposition fürchte. Und vor der sich ausbreitenden kritischen Stimmung im Land, einer Stimmung, die Jabloko zahlreiche Wähler in die Arme treiben könnte. Vor der zunehmenden Kriegsmüdigkeit der Russen. Vor dem Hunger der Verarmten. Vor dem Unmut der Unternehmer, die ihre Waren durch ukrainische Drohnenangriffe auf Lagerhallen verlieren. Vor der Verzweiflung der Autofahrer, die angesichts vernichteter Verarbeitungsanlagen kein Benzin mehr bekommen. Vor der Aggression der Militärkader, die den Niedergang der russischen Armee miterleben.

Es stimmt: Die Lage im Land ist prekär wie noch nie, und erstmals ertönen nicht nur im Internet, sondern sogar auf propagandistischen Kanälen Stimmen, die den Krieg in Frage stellen. Es stimmt, das Normalitätsgefühl, das der Kreml mit aller Kraft erhalten wollte, ist gestört. Es stimmt, die Wirtschaft leidet. Der Rubel fällt. Die Inflationsrate steigt. Der Treibstoff wird rar. Die Soldaten kehren in Särgen zurück. Der Sieg rückt in weite Ferne. Der Krieg dagegen rückt näher. Die Angst wächst. Putins Zustimmungswerte sinken.

epa13180838 Russian President Vladimir Putin lights a candle during his visit to the Archangel Cathedral of the Kremlin, in Moscow, Russia, 20 August 2026. EPA/VYACHESLAV PROKOFYEV/SPUTNIK/KREMLIN / P ...
Putin zündet eine Kerze an: Das Volk zweifelt am Kriegsende.Bild: keystone

Auch die Eliten des Landes sind mutmasslich brüskiert. Wie der Investigativjournalist Christo Grosev in einem Videointerview feststellt: «Die Eliten erlauben Akteuren plötzlich, Putins Politik zu kritisieren.» Diese zunehmende, offen zutage tretende Kriegsmüdigkeit, Kremlkritik und allgemeine Verzweiflung der Russen verleitet vor allem hier im Westen zu Optimismus und sogar zu Euphorie: Nun müsse Putin bald einlenken, der Druck werde zu hoch, zu gross die Gefahr eines Aufstands, der Krieg fordere also zu hohe Kosten – sowohl materiell als auch politisch.

Zum Autor
Alexander Estis ist 1986 in Moskau geboren und lebt als Schriftsteller in der Schweiz. 2025 erschein sein Buch «Schergenstaat Russland. Ideologie, Propaganda, Repression und Widerstand» bei NZZ Libro.

Anders sehen es allerdings die Russen selbst: Obwohl immer mehr Menschen dem Krieg ablehnend gegenüberstehen, steigt die Zahl derer, die meinen, das Ende des Krieges sei nicht in Sicht – er werde ein Jahr oder mehr andauern oder sogar «niemals» enden.

Der Elite ist das Volk vollkommen gleichgültig

Bei einer Strassenumfrage des regimekritischen Portals Sota. Vision antwortet ein Mann auf die Frage, wie er den Ausschluss der Partei Jabloko bewerte: «Ob sie in die Duma gewählt worden wären, ob sie nicht gewählt worden wären, das hat überhaupt keine Bedeutung.»

Die Interviewerin fragt nach – warum denn nicht, die Partei hätte sich dann doch an den Diskussionen in der Duma beteiligen können? «An den Diskussionen?», antwortet der Befragte. «Sehen Sie, Sie finden das schon selbst lustig.»

Yabloko party leader Nikolai Rybakov carries a box with documents leaving the Russia's Supreme Court after hearing an appeal on a lawsuit to bar the party from the upcoming parliamentary election ...
Jabloko-Parteichef Nikolai Rybakow.Bild: keystone

Hat der Kreml also Angst vor Jabloko und der Opposition? «Es ist seltsam», heisst es zu Recht im Oppositionsmedium Republic, «es ist seltsam, von Angst zu sprechen, wenn die eine Seite Gerichte, Staatsanwaltschaft und die gesamte Sendezeit besitzt, die andere – anderthalb Prozent bei den letzten Wahlen.»

Die Russen wissen, was dem Westen mit seiner grunddemokratischen Denkweise oft unvorstellbar ist: Den russischen Machthabern sind die Meinungen, die Stimmungen, die Bedürfnisse und die Opfer des eigenen Volkes vollkommen gleichgültig. Auf wachsende Angst, Unsicherheit und Wut wird der Kreml mit wachsenden Repressalien reagieren.

Das Volk verfügt inzwischen über keinerlei Einfluss, grösserer Widerstand kann sich im Überwachungsstaat nicht organisieren, und Proteste entfalten nur eine einzige Wirkung: dass die Beteiligten verhaftet und möglicherweise sogar an die Front geschickt werden, wie man auch den Demonstranten androhte, die für Jabloko auf die Strasse gingen. Beinah hundert von ihnen wurden festgenommen, darunter auch Minderjährige.

Es stimmt also: Die Ablehnung von Krieg und Putins Politik nimmt zu – aber sie hat keine Wirkung. Die Wirtschaft leidet – aber sie wird zurechtgeschrumpft, auf den Krieg eingestellt, und das fehlende Kleingeld den tiefen Reserven, den noch tieferen Taschen der Oligarchen oder den nicht ganz so vollen Pensionskassen entnommen.

Kein Sieg in Sicht, doch das Morden geht weiter

Die Soldaten kehren in Särgen zurück – aber die hungernden Mütter werden mit Entschädigungszahlungen abgespeist, und wieder neue Mütter, ob in Burjatien oder Nordkorea, müssen sich von ihren mobilisierten Söhnen verabschieden. Der Sieg rückt in weite Ferne – aber in der Zeit kann der Kreml die Ukraine weiter mit Zerstörung und Mord überziehen.

Denn leider kann Russland auch in diesem Zustand noch lang weitermachen, bis zur Erschöpfung aller Ressourcen, bis zur totalen Knechtung und Vernichtung des eigenen Volkes, bis zum vollkommenen Ruin des Staates. Treffend spricht Schachweltmeister und Oppositionspolitiker Garri Kasparow von einem «Zombiestaat», nicht weil Zombies darin leben – auch wenn man in Russland von der Propaganda indoktrinierte Menschen «zombiert» nennt –, sondern weil das Staatswesen innerlich tot ist.

Leider kann man mit Zombies nicht gut verhandeln. Man kann auch nicht abwarten, bis sie von selbst kraftlos niedersinken und friedlich werden. Man muss sie zurückdrängen: Optimismus ist gut, Abwehr für die Ukraine ist besser.

(schweizheute.ch)

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42 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wolfgang Bumbuy
21.08.2026 10:26registriert November 2024
Ohne euphorisch zu sein. Ein System das sich selbst vorgaukelt, dass das gesamte Volk hinter ihm steht, kann eine sehr plötzliche Überraschung erleben.
Zu Honecker sagte jemand :"Wer zu spät kommt den bestraft das Leben"
Das war ein Russe, Gorbatschow.
Honecker reagierte nicht, machte weiter wie vorher mit bekannten Ergebnis.
Ein solcher Umschwung kann sehr schnell passieren. In Russland 1917, in der Sovjetunion 1992-3.
Beide mal war Auslöser ein sinnloser krieg der so gut wie nicht gewinnbar war.
Das wird sich, hoffentlich , wiederholen.
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Badener
21.08.2026 10:17registriert März 2017
Es gibt Revolutionen und Zusammenfälle.

Wenn der ATM nichts mehr ausspuckt, oder Du Dir für den Betrag kein Brot mehr kaufen kannst, dann gehts zu Ende.

Ich hoffe die Ukraine ziehts zivilisatorisch durch!
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Ali mini äntli
21.08.2026 10:32registriert September 2021
Die UdSSR hat auch lange gehalten, und noch ein Jahr vor dem Zusammenbruch hätte das hier im Westen niemand für möglich gehalten, dass plötzlich der Traum vom "realen Sozialismus" ausgeträumt ist.
Diesmal wäre es das Ende von Russland und wirklich überrascht wäre ich auch nicht, selbst wenn es anders abläuft als 1989.
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