Putin geht das Benzin aus – in Russland wächst die Panik
Der Kreml droht Europa regelmässig damit, ohne russische Energieressourcen erfrieren zu müssen. Nun aber ist in Russland selbst infolge der eskalierenden ukrainischen Drohnenangriffe eine schwere Treibstoffkrise ausgebrochen.
Kremlnahe Militärblogger beschreiben die aktuelle Lage bereits als einen Tanz zwischen Skylla und Charybdis: Auf der einen Seite stehen die Schläge gegen den heimischen Öl- und Gassektor, auf der anderen der jüngste Deal zwischen den USA und dem Iran, der Experten zufolge die Einnahmen Russlands beschneiden wird.
Verkaufsbeschränkungen für Benzin wurden mittlerweile an nahezu jeder vierten Tankstelle des Landes eingeführt. Das Ausmass dieser Einschränkungen variiert je nach Region: Es reicht vom Verbot des Verkaufs von Kraftstoff in Kanistern an einzelnen unabhängigen Tankstellen bis hin zu einem Gutscheinsystem, wie es auf der annektierten Halbinsel Krim und in Sewastopol praktiziert wird.
Die Leiterin der russischen Zentralbank, Elwira Nabiullina, erklärte am Freitag, die Inflationserwartungen könnten aufgrund des Anstiegs der Kraftstoffpreise nach den ukrainischen Angriffen auf Ölraffinerien steigen.
Das Ausmass der landesweiten Panik in Russland liess sich anhand zahlreicher Berichte in regionalen Telegram-Kanälen nachvollziehen. So entwickelte sich Treibstoff in Sewastopol in den vergangenen Wochen zum wichtigsten Mangelgut. Die Warteschlangen an den Tankstellen erstreckten sich über mehrere Kilometer. Die Menschen mussten oft stundenlang warten, ohne jegliche Garantie, dass der Kraftstoff nicht direkt vor Erreichen der Zapfsäule ausgehen würde.
Von den Engpässen waren auch Fernfahrer betroffen, die deutlich grössere Mengen Kraftstoff benötigten als Fahrer privater Fahrzeuge. «Ich bestellte 300 Liter und wartete eine ganze Stunde auf die Lieferung. Am Ende bekam ich nur 100 Liter – mehr, hiess es, könnten sie nicht ausgeben», schimpfte ein Lkw-Fahrer aus dem Gebiet Moskau auf Telegram.
Ein Unternehmer aus Rostow am Don beklagte, seine Boote nicht mehr betanken zu können: «Ich betreibe einen Bootsverleih und darf kein Benzin in Kanistern kaufen, um meine Technik zu betanken. An jeder Tankstelle schicken sie mich zum Teufel».
Umlackierte Tanklastwagen aus Angst vor Drohnen
Auch die am Krieg in der Ukraine beteiligten Soldaten geniessen beim Erwerb von Kraftstoff keine Privilegien mehr. Zum Schutz vor ukrainischen Drohnen tarnten russische Streitkräfte ihre Tanklastwagen als zivile Fahrzeuge und errichteten um die Tankbehälter Konstruktionen aus Baumstämmen. Teilweise wurden die Fahrzeuge zusätzlich umlackiert, um ihre Identifizierung und Zielerfassung durch Drohnen zu erschweren.
In Sewastopol sind die Soldaten, die ukrainische Drohnen abwehren, gezwungen, an zivilen Tankstellen zu tanken. Bei Versuchen, Benzin ausserhalb der Reihe zu kaufen, geraten sie in Konflikte mit Einheimischen, die selbst stundenlang darauf warten, ihr Auto auftanken zu können.
Panik herrscht nicht nur unter der gewöhnlichen Bevölkerung, sondern auch im Umfeld kremlnaher Blogger. «Vor ein paar Jahren hörte man überall Prognosen, wonach wir Europa von Gas und Treibstoff abschneiden würden und der Winter für die Europäer zum Weltuntergang werden sollte, weil sie zu frieren beginnen würden», heisst es im Telegram-Kanal «Pioner Sapasa». «Ich selbst teilte diese Überzeugung. Aber verdammt noch mal: Auf irgendeine unbegreifliche Weise schaffen es die Ukrainer, dass nun ausgerechnet uns der Treibstoffkollaps einholt.»
Schlag gegen die russische Wirtschaft
Im Kreml nimmt man die wachsende Panik wahr und versuchte gegenzusteuern. Am 1. Juni wurde erstmals ein vorübergehendes Exportverbot für Flugturbinenkraftstoff verhängt, um «eine stabile Lage auf dem inländischen Kraftstoffmarkt sicherzustellen». Das Embargo soll bis zum 30. November 2026 gelten.
Gleichzeitig billigte die russische Regierung am 28. Mai einen Mechanismus, der privaten Unternehmen den Erwerb schwerer Ausrüstung für die Luftverteidigung ermöglichte. Dazu gehörten Flugabwehrartilleriesysteme, Geschütztürme, Radaranlagen und Spezialfahrzeuge. Damit erhöhte sich die Belastung für die Privatwirtschaft weiter. Bereits im Jahr 2025 hatten Unternehmen insgesamt rund 200 Milliarden Rubel für Schutzmassnahmen gegen ukrainische Drohnen ausgegeben.
Der russische Ökonom Dmitri Nekrassow sagt im Gespräch mit «Schweiz heute», dass die Situation für die russischen Autofahrer derzeit zwar ernst, aber noch nicht katastrophal sei: Bereits im vergangenen Jahr habe es Angriffe auf Raffinerien und Warteschlangen an den Tankstellen gegeben. Aber, so der Experte: «Das Gesamtbild trifft nicht nur den russischen Kraftstoff- und Energiesektor, sondern die gesamte Wirtschaft des Landes.»
Zudem werde nach dem Deal zwischen den USA und dem Iran ein Einbruch der Öl- und Gaseinnahmen prognostiziert, so Nekrassow. «Iranisches Öl, das zuvor durch Krieg und Sanktionen zurückgehalten wurde, drängt nun auf den Weltmarkt. Angesichts der enormen Rüstungsausgaben für den Krieg in der Ukraine und des prognostizierten Rückgangs der Öl- und Gaseinnahmen ist ein Schlag gegen die russische Wirtschaft unumgänglich.» (schweizheute.ch)
