Kanada ist für Trump eine Brücke zu weit
Der Ausdruck «A bridge too far» steht für Angelsachsen für das, was wir unter «Hochmut kommt vor dem Fall» verstehen. Er bezieht sich auf ein historisches Ereignis im Zweiten Weltkrieg. Nach der erfolgreichen Landung in der Normandie wollten die Alliierten möglichst rasch in Deutschland einmarschieren. Im Herbst 1944 schickten sie zu diesem Zweck einen Stosstrupp in die niederländische Stadt Arnheim, um eine strategisch wichtige Brücke über den Rhein zu erobern. Das war die besagte Brücke zu weit. Die Alliierten mussten sich unter hohen Verlusten zurückziehen. 1977 hat der Regisseur Richard Attenborough aus diesem Ereignis einen epischen Kriegsfilm gemacht.
Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit walzte Donald Trump seine politischen Gegner förmlich nieder. Universitäten, Medien, Anwaltskanzleien wurden plattgemacht, die politische Opposition der gelähmten Demokraten blieb weitgehend aus. Mit seinen Strafzöllen stiess der US-Präsident primär die Verbündeten vor den Kopf. Auch das blieb ohne Konsequenzen. Die Staatsoberhäupter des Westens und von Asien fielen übereinander her, um Trump im Oval Office zu schmeicheln.
Als dann auch noch in einer riskanten Militäroperation Nicolas Maduro, der Diktator von Venezuela, entführt werden konnte, ohne dass ein einziger amerikanischer Soldat zu Schaden kam, kannten Trumps Allmachtsphantasien keine Grenzen mehr. Grönland und der Panamakanal sollen in amerikanische Hände geraten, Kanada der 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten werden. Das waren die bescheidenen Ziele, die sich der US-Präsident nun steckte.
Im zweiten Jahr seiner Amtszeit läuft es nicht mehr so gut für Trump. Die Erschwinglichkeitskrise bleibt ungelöst, der Krieg gegen den Iran ist ein Desaster, bei den kommenden Zwischenwahlen droht eine heftige Niederlage. Daher muss eine Ablenkung her, schliesslich ist Ablenken die wohl grösste Stärke des US-Präsidenten. Warum also nicht den Handelsstreit mit dem Nachbarn neu entfachen? Schliesslich ist dies ein emotionales Thema, das sicher grossen Wirbel in den Mainstream- und den sozialen Medien auslösen wird.
Mit Kanada hat sich Trump jedoch den falschen Gegner für dieses durchsichtige Manöver ausgesucht. Anstatt zähneknirschend in die Knie zu gehen und mit dem US-Präsidenten einen faulen Kompromiss auszuhandeln – wie dies europäische Staatshäupter, und ja, auch wir Schweizer getan haben –, besann sich Mark Carney, Kanadas Premierminister, auf das, was er in seiner legendären Rede am WEF in Davos verkündet hatte. Seinen Nato-Kollegen erklärte er damals, um die nationale Souveränität zu verteidigen, brauche es «die Fähigkeit, einem Druck widerstehen zu können».
Genau diese Fähigkeit stellt Carney jetzt unter Beweis. Als die Forderungen der Amerikaner immer unverschämter wurden – sie verlangten gar, dass die Kanadier den Schutz der französischen Sprache in der Provinz Québec teilweise auflösen –, reichte es dem Premierminister. Er brach die Verhandlungen ab und erklärte stattdessen: «Wird man attackiert, dann befindet man sich im Krieg. Wir wurden attackiert, und wir werden zurückschlagen.»
Carney erklärte ferner, man werde nun ebenfalls neue Zölle auf amerikanische Importe erheben. Er tut dies im Wissen, dass er damit seinen Landsleuten viel abverlangen wird. Er weiss aber auch, dass sie lieber leiden als sich schämen wollen. Stephen Marche, ein kanadischer Podcaster, drückt es in einem Gastkommentar in der «New York Times» wie folgt aus:
«Wir werden leiden. Amerika bleibt Kanadas wichtigster Handelspartner. Mr. Carney hat sich für das Leiden entschieden, aber er hat das getan, weshalb die Kanadier ihn gewählt haben. Es ist merkwürdig, aufzuwachen mit dem Gefühl, erleichtert zu sein, bald Schläge zu erhalten. Aber wir wollen dieses üble Spiel nicht mehr länger mitmachen.»
Dieses Gefühl wird auch von der konservativen Opposition – Carney ist ein Linksliberaler – geteilt, ja gar gar noch gesteigert. Trump ist es gelungen, die Kanadier in einem Masse zu vereinigen, wie das lange nicht mehr der Fall war.
Besonders ins Zeug legt sich dabei Doug Ford, der Gouverneur der Provinz Ontario. Dabei ist Ford eigentlich so etwas wie die kanadische Antwort auf Trump. Er argumentiert denn auch im gleichen Stil wie der US-Präsident, nämlich vulgär. Trump könne ihm seinen Allerwertesten küssen, erklärte er, und da er nicht gerade schmal gebaut sei, gebe es da unten mächtig Platz.
Ford hat jedoch mehr als nur markige Sprüche anzubieten. Die Amerikaner beziehen vorwiegend aus Ontario Strom, Öl und seltene Mineralien. Auch die kanadische Autoindustrie ist mehrheitlich dort angesiedelt, und sie ist extrem verbandelt mit der amerikanischen. Bis zur Endfertigung überqueren einzelne Teile bis zu acht Mal die amerikanisch-kanadische Grenze. Indirekt werden mit diesen Massnahmen auch Ford, GM & Co. geschwächt. Wenn Trump somit in Grossbuchstaben auf seiner sozialen Plattform herausposaunt: «WIR BRAUCHEN KANADA NICHT, SIE BRAUCHEN UNS!», dann könnte er bald einmal eines Besseren belehrt werden.
Trump hat auf die Kriegserklärung Carneys reagiert und noch höhere Zölle in Aussicht gestellt. Auch das könnte sich rächen. Die Kanadier tun genau das, was eigentlich alle tun wollen: endlich den US-Präsidenten in die Schranken weisen. Der kanadische Premier könnte daher ein Signal ausgelöst haben, das in Europa und in Asien auf fruchtbaren Boden fällt. Alle haben inzwischen ein Hühnchen mit dem amerikanischen Präsidenten zu rupfen.
Dabei wäre Trump gerade jetzt auf die Solidarität der Verbündeten angewiesen. Er will jetzt die Machthaber in Teheran mit ökonomischen Massnahmen in die Knie zwingen. Mit der «Operation Economic Outcast» soll der Iran wirtschaftlich vollständig isoliert werden. Jedem Land, das gegen diese Blockade verstösst, droht Trump schlimmste Sanktionen an.
Scott Bessent, der amerikanische Finanzminister, hat diese Operation verkündet und dabei ebenfalls eine Metapher aus dem Zweiten Weltkrieg verwendet, er sprach von einem D-Day für die Iraner. Am D-Day startete 6. Juni 1944 die Landung der Alliierten in der Normandie.
Der Vergleich ist schlecht gewählt. Am D-Day machten Amerikaner, Briten, Kanadier, Polen und Franzosen gemeinsame Sache gegen die Deutschen. Im Krieg gegen den Iran kann sich Trump nur auf die Israelis stützen. Vor allem aber legt er sich mit China an. Ob sich Peking an den Befehl aus Washington halten wird, ist fraglich, zumal es 80 Prozent des iranischen Öls aufkauft.
«Am originalen D-Day an der Küste der Normandie brauchte es keine Teilnahme der Chinesen», stellt David Sanger in der «New York Times» fest. «Der ökonomische D-Day erfordert dies jedoch, und es gibt bis anhin keine Anzeichen, dass dies der Fall ist.»
