Wie lange hält die Weltwirtschaft das noch durch?
Wie verzwickt die wirtschaftliche Lage derzeit ist, führt James Mackintosh im «Wall Street Journal» aus. Und zwar so: Man kann die steigende Rendite der US-Treasury Bonds, der zehnjährigen Staatsanleihen, auf zwei völlig gegensätzliche Arten interpretieren: Die Rendite steigt, weil «die amerikanische Wirtschaft nach wie vor sehr stark ist, weil es viele Jobs gibt und weil sehr viel Geld in den KI-Sektor fliesst», so Mackintosh. Um die Inflation unter Kontrolle zu halten, müsse die Rendite der T-Bonds daher steigen.
Bisher hat sich die Weltwirtschaft durchgewurstelt
Die pessimistische Sicht hingegen lautet: Die Renditen steigen, weil das Vertrauen in die USA sinkt. Die US-Notenbank verfehlt seit fünf Jahren in Inflationsziel von zwei Prozent, der Präsident macht Druck auf noch tiefere Zinsen, derweil die Staatsschulden in den Himmel wachsen. Um sich gegen diese wachsenden Risiken abzusichern, verlangen die Investoren höhere Renditen.
Und wer hat jetzt Recht? Schwer zu sagen. Als der Krieg gegen den Iran ausbrach, da malten die meisten Ökonomen sehr düster, prophezeiten einen Ölpreis von 150 Dollar pro Fass und warnten vor einem Crash an den Finanzmärkten. Sie lagen falsch. «Trotz Preissprüngen beim Öl, einer Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten, Energiemangel und Inflationsdruck ist der gefürchtete Crash nicht eingetreten, und die meisten Volkswirtschaften haben sich irgendwie durchgewurstelt», stellt die «New York Times» fest.
Viele Ökonomen haben sich tatsächlich schwer geirrt, der «Economist» hat sich dafür gar in einem redaktionellen Leitartikel entschuldigt. Allerdings muss man zur Entschuldigung der Ökonomenzunft auch anführen, dass nicht bekannte Faktoren dieses Durchwursteln erst möglich gemacht haben.
Eine tragende Rolle hat dabei China gespielt. «Grund Nummer 1, weshalb der Ölpreis nicht weit höher geklettert ist, sind Chinas Ölimporte», stellt David Goldwyn, ein ehemaliger US-Diplomat im Energie- Departement, in der «New York Times» fest. Konkret: Weil sie über grosse Reserven verfügen, haben die Chinesen ihren Ölimport gedrosselt und so den Druck auf den Preis gemildert.
Damit ist jedoch Schluss. China importiert wieder mehr Öl. Weil gleichzeitig die Huthis die Meerenge von Bab al-Mandab beherrschen und schiitische Milizen eine wichtige Pipeline in Saudi-Arabien gesprengt haben, hat sich die Lage auf dem Ölmarkt erneut verschärft. Dass die Ukrainer regelmässig russische Ölanlagen in die Luft sprengen, sorgt nicht wirklich für Entspannung. Die russische Ölproduktion ist deshalb um rund einen Drittel zurückgegangen. «Wir werden mindestens bis Ende 2027 mit einem Ölpreis zwischen 80 und 100 Dollar pro Fass leben müssen», erklärt daher Goldwyn.
Vor dem Irankrieg war tendenziell zu viel Öl auf dem Markt und die Reserven vieler Länder waren gut gefüllt. Auch das ist nicht mehr der Fall. In der «Financial Times» spricht Joe Brusuelas, Chefökonom bei RSM US, gar von einem «Ölschock 2.0» und warnt, die Notenbanken müssten die Weltwirtschaft bremsen, um so die Inflation in den Griff zu bekommen.
Einen Schock wie in den Siebzigerjahren kann ein höherer Ölpreis zwar nicht mehr auslösen, sein Einfluss auf die Wirtschaft ist jedoch nach wie vor sehr gross. Teureres Öl bedeutet teureres Benzin und Diesel, mit dem die Lastwagen angetrieben werden, die den grössten Teil der Güter transportieren. Das bedeutet auch, dass der Preis für Dünger steigt und damit letztlich auch die Nahrungsmittelpreise.
Die Inflation ist damit definitiv wieder zurück, und damit gehören auch die Zeiten, in denen sich die Leitzinsen gegen null – und in der Schweiz gar unter null – bewegten, der Vergangenheit an. Gleichzeitig haben sich die Staaten massiv verschuldet. «In den entwickelten Ländern hat sich das Verhältnis der Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) durchschnittlich seit den frühen Nullerjahren von 70 auf 110 Prozent erhöht», stellt der «Economist» fest.
Gerade die USA, nach wie vor der wichtigste Player auf dem Weltmarkt, werfen mit Geld um sich wie ein betrunkener Matrose auf Landurlaub. Obwohl die Corona-Krise längst vorbei ist und die Wirtschaft läuft, liegt die jährliche Zunahme der Staatsschulden nach wie vor bei rund sechs Prozent des BIPs, ein Wert, der eigentlich nur in Kriegszeiten erreicht werden sollte.
In Frankreich, Grossbritannien und zunehmend auch in Deutschland sieht es nicht besser aus. Die Ökonomen der OECD, des Clubs der reichen Länder, gehen daher davon aus, dass bald rund drei Prozent des BIPs für die Bedienung der Staatsschulden gebraucht werden.
Der Motor der Weltwirtschaft, die USA, ist zwar dank des KI-Booms bisher nicht abgestürzt. Isabelle Mateos, Chefökonomin bei der französischen Bank BNP Paribas, spricht in der «Financial Times» von einen Seilziehen zwischen KI-Boom und Energiekrise. Weil die Kritik an der KI wächst und die Rentabilität der gewaltigen Investitionen unsicher ist, könnte die Energiekrise dieses Seilziehen zu ihren Gunsten entscheiden.
Dazu kommt, dass die Golfstaaten bereits massiv leiden. Das BIP von Katar wird im laufenden Jahr gemäss Schätzungen um 8,6 Prozent schrumpfen, das BIP von Saudi-Arabien um 4,8 Prozent. Die Aussichten für die Weltwirtschaft haben sich ebenfalls massiv eingetrübt. Sollte der Ölpreis weiter ansteigen und sich in der Bandbreite von 110 bis 120 Dollar pro Fass bewegen, dann befürchtet Neil Sharing von Capital Economics in der «Financial Times», dass das Wachstum der Weltwirtschaft von aktuell 3,5 Prozent auf 2 Prozent fallen wird.
Der alte, und zugegebenermassen etwas doofe Spruch, wonach Prognosen schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, trifft derzeit leider zu. Es gibt keine verlässlichen Daten darüber, wie hoch die weltweiten Ölreserven derzeit sind und wie stark die Nachfrage sich entwickeln wird.
Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt zwar, dass seit Ausbruch des Irankrieges diese Reserven täglich um 3 Millionen Fass – insgesamt rund 500 Millionen Fass – gesunken sind. Doch Genaues weiss man nicht. Die Bank HSBC stellt daher die Frage: «Wann werden sich die Reserven dem Ende zuneigen? Die Antwort darauf war und ist sehr unsicher.»
