Trotz «Keine 10-Millionen-Schweiz!»-Initiative: SVP-Unternehmer rekrutieren in der EU
Während die SVP für ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» Stimmung gegen Zuwanderung macht, wirbt die Firma EMS-Chemie aktiv in der EU um Mitarbeitende. Chefin Magdalena Martullo-Blocher ist Vizepräsidentin der Schweizerischen Volkspartei.
Im Mai tauchten Stellenangebote auf deutschen Seiten wie StudySmarter.de sowie auf internationalen Plattformen wie talent.com und jobsleads.com auf. Auch auf «Frontaliere Ticino» wurden Inserate für italienische Grenzgänger publiziert. Das zeigt eine Recherche von Radio Télévision Suisse (RTS), dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der französischsprachigen Schweiz.
«Für bestimmte Berufe muss EMS-Chemie Spezialisten aus dem Ausland holen. In der Schweiz wird nicht genug ausgebildet», antwortet der Presserdienst auf Anfrage von «RTS». Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 2’800 Personen in der Schweiz, der Ausländeranteil liegt «im Schweizer Durchschnitt» bei 35% im Jahr 2025. watson berichtete bereits 2023 über Stellenausschreibungen der EMS-Chemie im Ausland.
Ein Chemiker-Job in der Hauptfabrik in Graubünden fiel besonders auf. Die Stelle wurde auch im Ausland ausgeschrieben, obwohl sie wegen der hohen Arbeitslosenquote in diesem Berufsfeld zuerst bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren hätte publiziert werden müssen. Die Anzeigepflicht für Berufe mit hoher Arbeitslosigkeit wurde nach der SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung 2014 eingeführt. Deshalb übernahm das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die Veröffentlichung der Stelle.
Magdalena Martullo-Blocher wollte gegenüber «RTS» keine Auskunft geben.
Auch Green.ch und Swisslife
Auch andere SVP-nahe Unternehmen handeln ähnlich: Das von SVP-Nationalrat Franz Grüter geführte Unternehmen Green.ch schaltet ebenfalls internationale Stellenanzeigen, und Swiss Life unter Präsident Rolf Dörig sucht gelegentlich auch direkt im Ausland nach Angestellten. Die SVP-Sponsoren Emil Frey und Ernst Fischer AG suchen offiziell nicht in der EU, beschäftigen aber europäische Staatsbürger, «die bereits länger in der Schweiz ansässig» sind.
Politiker kritisieren die Doppelzüngigkeit der SVP: «Hat selbst Frau Blocher keine andere Wahl, als auf ausländische Arbeitskräfte zurückzugreifen, um weiterhin erfolgreich zu sein, haben wir es also mit perfekter Heuchelei bei dieser Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz zu tun», kommentiert Mitte-Nationalrat Vincent Maître die Stellenausschreibung.
Von der SVP bezog bisher nur Peter Spuhler, Verwaltungsratspräsident der Stadler Rail AG, öffentlich Stellung gegen die SVP-Initiative. Er hält sie für «zu extrem», da sie die Personenfreizügigkeit beenden würde und Industrie, Forschung sowie Gesundheitswesen nicht mehr genügend Personal rekrutieren könnten.
