Niemand betreibt mehr Ladestationen als die Stadt Zürich – das stört sogar die Migros
Bei Benzinpreisen von über 2 Franken pro Liter denken viele über den Kauf eines Elektroautos nach. Statt an die Zapfsäule geht es mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen an Ladestationen. Das Geschäft mit diesen Stationen wächst stark. Eine Firma dominiert den Markt zusehends: Energie 360 Grad.
Ihre Töchter Swisscharge, Move und Gofast betreiben Lade- und Schnellladestationen, planen und unterhalten solche für Dritte, etwa für Immobilienfirmen, oder übernehmen die Abrechnung. Via App haben Fahrerinnen und Fahrern Zugang zum grössten nationalen Ladenetz mit über 15'000 öffentlich zugänglichen Ladepunkten. Insgesamt betreibt das Unternehmen fast 25'000 private und öffentliche Ladepunkte – so viele wie sonst niemand.
In Ausschreibungen etwa für die Schnellladestationen auf Autobahnen setzt sich das Unternehmen immer wieder gegen die Konkurrenz durch. Dahinter stehen allerdings nicht findige Unternehmer, sondern die Stadt Zürich. Ihr gehören 96 Prozent der Firma. Die erwähnten Tochterfirmen hat Energie 360 Grad alle in den vergangenen Jahren zugekauft.
«Spielregeln müssen gleich sein»
Ist es die Aufgabe einer Stadt, schweizweit Ladestationen zu betreiben und private Anbieter zu konkurrenzieren? Die Kritik daran wird lauter – etwa von der Migros-Tochter Migrol, die vor kurzem ihren tausendsten Ladepunkt eingeweiht hat. «Wir sind überzeugt, dass der Staat dort eingreifen sollte, wo der Markt allein keine ausreichenden Lösungen hervorbringt», sagt Firmenchef Andreas Flütsch. «Im Bereich der öffentlichen Ladeinfrastruktur sehen wir hingegen einen funktionierenden Wettbewerb mit zahlreichen privaten Anbietern, die bereit sind, in den Ausbau zu investieren».
Es sei wichtig, dass für alle die gleichen Bedingungen gelten. Staatlich oder kommunal kontrollierte Unternehmen sollten keine strukturellen Vorteile haben. «Deshalb sehen wir den Eingriff der Stadt Zürich in den E-Mobilitätsmarkt kritisch», betont Flütsch.
Kritik äussert auch der französische Konzern Electra, der in einem Joint Venture mit der Schweizer Investmentgesellschaft Energy Infrastructure Partners hierzulande ein Netz von Schnellladestationen aufbaut. Länderchef Alessandro Inderbitzin sagt, staatliches Eigentum sei zwar an und für sich kein Problem. Electra konkurrenziere in mehreren europäischen Märkten mit solchen Anbietern. Das funktioniere überall dort gut, wo die Spielregeln für alle gleich seien.
Problematisch werde es, wenn die öffentliche Körperschaft gleichzeitig die Betreiberin der Basisinfrastruktur, Vergabe- oder Bewilligungsstelle und Marktteilnehmerin sei. Diese Rollenbündelung gebe es hierzulande in mehreren Kantonen und Städten. «Sie schafft Interessenskonflikte, die auch beim besten Willen aller Beteiligten bestehen bleiben», sagt Inderbitzin. «Das Ergebnis ist am Ende weniger Ladeinfrastruktur, nicht mehr».
«Netz- und Gasbetrieb gehören nicht in dieselbe Hand»
Wo Netzbetrieb und Ladegeschäft denselben Eigentümer hätten, auch wenn es rechtlich getrennte Gesellschaften seien, entstehe eine Nähe, die unabhängige Betreiber nicht hätten. Es gehe um Wissen über Kapazitäten, Ausbauplanung und Verfügbarkeiten. Lange und schlecht planbare Netzanschlussverfahren seien einer der Hauptgründe, weshalb in Schweizer Städten öffentliche Schnellladeinfrastruktur fehle.
Zudem würden Standorte im öffentlichen Raum von öffentlichen Körperschaften vergeben. Wettbewerbsvorteile hätten Firmen wie Energie 360 Grad auch bei den Kapitalkosten, sagt Inderbitzin. Planbare Erträge aus regulierten oder monopolnahen Erträgen erlaubten ein anderes Risikoprofil als Kapital, das sich vollständig am Markt refinanzieren muss. Energie 360 Grad hat solche Einkünfte etwa als Betreiberin des Zürcher Gasnetzes.
Die Rolle der öffentlichen Hand sei nachteilig für Konsumenten, sagt Inderbitzin. Viele Städte und Kantone hätten das Mandat für Ladestationen an lokale Versorger gegeben. So sei ein stark fragmentiertes Ladenetz entstanden, in dem jede Region eigene Lösungen, eigene Tarife und Zugangswege kenne. «Netz- und Gasbetrieb und Betrieb öffentlicher Ladeinfrastruktur gehören nicht in dieselbe Hand», sagt er.
Energie 360 Grad sieht keine Vorteile
Energie 360 Grad verteidigt sich. Man sei eine Aktiengesellschaft und trete im Wettbewerb mit anderen Anbietern auf, sagt Sprecher Michael Walser. Die Eigentümerstruktur verschaffe der Firma keinen Vorteil. Schliesslich sei die Firma schweizweit tätig, also nicht nur in der Stadt Zürich, wo die Stadt auch Vergabestelle ist und das Stromnetz besitzt. Die Firma stehe national im direkten Wettbewerb mit privaten und öffentlichen Unternehmen.
Energie 360 Grad profitiere zwar von der stabilen Eigentümerschaft. Das unterstütze eine langfristige Perspektive bei Investitionen. Einen bevorzugten Zugang zu Aufträgen oder zum Markt für Ladeinfrastruktur leite man daraus aber «keinesfalls» ab, sagt Walser.
Noch macht die Elektromobilität nur einen kleinen Teil des Umsatzes von Energie 360 Grad aus. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte die Firma damit Nettoerlöse von 44 Millionen Franken – bei insgesamt 777 Millionen Franken. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das aber einer Zunahme um über 60 Prozent. Man wolle die Entwicklung «in hohem Tempo» weitertreiben, heisst es im Geschäftsbericht des Staatsbetriebs.
Gasnetz wird stillgelegt
Die Firma ist auf neue Ertragsquellen angewiesen. Ihren Ursprung hat die Firma 360 Grad in der Gasversorgung Zürich. Doch das Gasnetz wird etwa in der Stadt Zürich bereits seit einigen Jahren stillgelegt, das Geschäft bricht in den nächsten Jahren vermehrt weg.
Ins neue Geschäft mit den Elektroautos setzt die Firma grosse Hoffnungen. «Wir verstehen uns als führende Schweizer Elektromobilitätsgruppe», sagt Walser. Diese Position wolle man weiterentwickeln. Auch Zukäufe seien denkbar. Zudem werde man sich weiterhin an Ausschreibungen beteiligen, wo dies sinnvoll sei.
Die Stadt Zürich als Eigentümerin profitiert in Form von Dividenden: Fast 15 Millionen Franken schüttete das Unternehmen vergangenes Jahr aus. Das zuständige Mitglied in der Stadtregierung, der freisinnige Michael Baumer, wollte das Unternehmen zwar verkaufen, doch das privatisierungsskeptische Stadtparlament schob ihm einen Riegel.
Und so wird die linksgrün regierte Stadt Zürich in Zukunft wohl noch mehr Geld verdienen mit jenen, mit denen sie das Heu eigentlich gar nicht auf derselben Bühne hat: den Autofahrern. (schweizheute.ch)

