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AKW Gösgen Schweiz: Chef fordert zwei Milliarden Franken vom Bund

ARCHIV --- ZUR ABSTIMMUNG UEBER DIE "ATOMAUSSTIEGS-INITIATIVE" STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Nuclear power plant Goesgen in the canton of Solothurn, Switzerland, pictur ...
Bild: KEYSTONE

Zwei Milliarden für den Langzeitbetrieb: Gösgen-Chef fordert Hilfe vom Bund

Das AKW Gösgen könnte bis 2059 am Netz bleiben – dafür wären Investitionen von rund zwei Milliarden Franken nötig. Daran soll sich auch der Bund beteiligen, findet AKW-Chef Alexander Puhrer.
30.09.2026, 05:1530.09.2026, 05:15
Benjamin Rosch
Benjamin Rosch

Alexander Puhrer federt der grünen Linie entlang, die den Ausgang aus dem AKW Gösgen markiert. In einem früheren Leben war er Opernsänger, sang in Wien, Salzburg und den USA, wo er auch Physik studierte. Heute dirigiert Puhrer ein Atomkraftwerk im Schweizer Mittelland – und rund 600 Angestellte.

Vor einem Fenster bleibt er stehen, zeigt auf eine glänzende Metallkonstruktion. Ihretwegen war das Kraftwerk 2025 fast für ein ganzes Jahr stillgestanden. Die Rohre des Speisewassersystems mussten nachgerüstet werden, Experten hatten diese als Schwachstelle bei einem Störfall identifiziert. Heute sagt Puhrer, die Anlage sei in einem tadellosen Zustand: «Technisch ist sie imstande, auch noch weitere 20 Jahre betrieben zu werden.»

Vergangenen Frühling präsentierte Bundesrat Albert Rösti einen Bericht, der zum gleichen Schluss kommt. Einst verfügte die Schweiz über vier AKW: Beznau, Mühleberg, Leibstadt und Gösgen. Mühleberg ging 2019 vom Netz, weil sich der Weiterbetrieb nicht mehr lohnte. Beznau, das weltweit älteste AKW, wird 2033 das nächste sein. Leibstadt und Gösgen hingegen könnten insgesamt 80 Jahre laufen, sagte der Bundesrat. Und damit einen entscheidenden Beitrag zur Schweizer Versorgungssicherheit leisten.

«Noch einmal rund eine Milliarde»

Billig ist das nicht. Für eine 60-jährige Laufzeit – also bis 2039 – geben die Betreiber zusätzliche 800 Millionen Franken aus. «Für das 80-Jahre-Szenario käme sicher noch einmal rund eine Milliarde Franken obendrauf», sagt Puhrer. «Insgesamt würden wir von heute an also rund zwei Milliarden Franken investieren.» Wobei ein grosser Teil dieser Kosten in rascher Abfolge in den 30er- und 40er-Jahren anfallen würde.

Grundsätzlich lässt sich an einem Kraftwerk fast alles ersetzen. Einzig dessen Kern, also der Reaktordruckbehälter, die dicke Stahlhülle rundum und die Betonstruktur, können nicht ausgetauscht werden. Daneben gibt es Komponenten, deren Ersatz sich kaum lohnen würde. Neue Dampferzeuger beispielsweise würden rasch einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingen. Je nach Zeitpunkt würde sich das kaum rechnen.

Ohne solche Unwägbarkeiten sei ein Betrieb von Gösgen bis ins Jahr 2059 ein gutes Geschäft, findet der Bundesrat. So gut, dass der Bund sich nicht an den Kosten zu beteiligen brauche, stellte Rösti vergangenen Frühling klar.

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Albert Rösti findet nicht, dass der Bund sich am Betrieb von AKW beteiligen muss. Bild: keystone

Dem widerspricht Gösgen-Chef Puhrer. Ein Langzeitbetrieb bringe verschiedene Fährnisse mit sich: regulatorische Hürden, ein unsicherer Strompreis und das politische Risiko, doch plötzlich abgeschaltet zu werden. Bevor der Entscheid gefällt wird, schlägt Puhrer deshalb erstmals «eine Art Risikoteilung mit dem Bund» vor.

Entweder soll sich der Bund mit Investitionsbeiträgen am Langzeitbetrieb beteiligen. Oder er garantiert auf Jahre hinaus einen Strompreis, der sich für das Kraftwerk lohnt. Mit einer sogenannten gleitenden Marktprämie könnte der Bund dafür sorgen, dass das AKW auch dann rentabel produziert, wenn der Strompreis in den Keller rauscht. Umgekehrt könnte der Staat Geld abschöpfen, wenn er plötzlich wieder durch die Decke schiesst. Bei den Erneuerbaren gibt es dieses System bereits.

ARCHIVBILD ZUM WATT D'OR --- A floating barge with solar panels is lifted by a helicopter towards the "Lac des Toules", an alpine reservoir lake, in Bourg-Saint-Pierre, Switzerland, Tue ...
Durch die Erneuerbaren Energien sind die Strompreise volatiler geworden: ein Nachteil für AKW.Bild: keystone

Damit würde einer der grössten Nachteile eines Atomkraftwerks im heutigen Strommarkt wegfallen. Durch die Erneuerbaren sind die Strompreise sprunghafter geworden. Und ein AKW kann schlecht spontan darauf reagieren, wie etwa eine Windturbine oder ein Pumpspeicher.

«Auch ein Kernkraftwerk kann man so umrüsten, dass man etwas flexibler mit Regelenergie auf Schwankungen im Stromnetz reagieren kann. Ein Gamechanger für die Rentabilität des Langzeitbetriebs ist das aber nicht», sagt Puhrer. Ausserdem hätte ein häufiges Drosseln und Steigern der Leistung einen Einfluss auf die Lebensdauer eines AKW.

Aus dem Parlament erhält Puhrer Schützenhilfe. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, verabschiedete die Energiekommission des Ständerats kürzlich mit 10 zu 2 Stimmen eine Kommissionsmotion, die Investitionsbeiträge und Preis-Subventionen für AKW im Langzeitbetrieb fordert.

Es gibt eine Abstimmung über Atkomkraft

Vom Stimmvolk hingegen droht Gefahr. Seit wenigen Tagen ist klar, dass die Schweiz erneut über die Atomkraft abstimmen dürfte. Gegen den Entscheid des Parlaments, das Neubauverbot für AKW aufzuheben, hat ein Bündnis mehr als 125'000 Unterschriften gesammelt.

Für den Langzeitbetrieb von Gösgen wäre ein Nein zwar rechtlich ohne unmittelbare Folgen: Schweizer Atomkraftwerke dürfen so lange am Netz bleiben, wie ihre Sicherheit gewährleistet ist. Für Puhrer wäre das Verdikt dennoch ein wichtiges Zeichen. Denn wer ein Kraftwerk bis 2059 betreiben will, braucht nicht nur Milliarden für neue Technik, sondern auch Lieferanten, Fachkräfte und Nachwuchs. Wer schlägt noch eine Karriere in der Kernenergie ein, wenn diese Technologie ein Ablaufdatum hat?

Inzwischen steht Puhrer vor dem Kommandoraum des Atomkraftwerks. An der Wand kritzeln Maschinen endlose Linien aufs Papier, in der Mitte des Raums steht ein Schaltpult mit unzähligen Hebeln und Knöpfen. Die Ausbildung, um dieses zu bedienen, dauert bis zu acht Jahren.

«Ein Ja sendet das Signal, dass die Schweiz auch künftig ein interessanter Markt ist», sagt Puhrer. «Bei einem Nein steigt das Risiko für den Langzeitbetrieb, weil Perspektiven wegfallen.»

Für Gösgen entscheidet sich die Zukunft deshalb nicht nur daran, wie lange Beton und Stahl halten – sondern auch daran, ob die Schweiz noch Menschen findet, die dieses Kraftwerk bis 2059 am Laufen halten wollen. (schweizheute.ch)

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