Festivals am Limit: «Die dünne Luft ist noch dünner geworden»
100'000 Menschen auf einem Festivalgelände. Das klingt nach langen Schlangen an den Essständen, Zelten auf jedem freien Fleck, Barbetrieb und Bassgedröhne bis tief in die Nacht. Und nach vollen Kassen.
Doch der Schweizer Festivalbranche kann eine solche Zahl inzwischen zu wenig sein. In den vergangenen Jahren sind bereits mehrere Schweizer Festivals verschwunden, pausiert oder umgebaut worden.
Nun zeigt eine watson-Umfrage: Auch bei den grossen Openairs ist die Rechnung knapper geworden.
Frauenfeld mit roten Zahlen
Der Festival-Sommer bringt immer mehr Herausforderungen mit sich. Besonders deutlich wurde das beim Openair Frauenfeld. 2019 war das Festival mit Headliner Eminem ausverkauft mit 185'000 Besuchenden, auch nach der Pandemie lagen die Zahlen zwischen 160'000 und 180'000. Vergangenes Jahr kamen noch 102'000 ans grösste Hip-Hop-Festival Europas, was zu roten Zahlen führte.
Für dieses Jahr laufe der Vorverkauf «erfreulich», man erwarte rund 100'000 Gäste, schreibt Geschäftsführer René Götz. Warum eine ähnliche Zahl wie im Vorjahr diesmal wirtschaftlich reichen soll, beantwortet er nicht.
Fest stehe nur: Die Planung für 2027 sei angelaufen, eine Pause stehe nicht zur Diskussion.
St. Gallen unter der Schwelle
Das Openair St. Gallen war 2022, 2023 und 2024 ausverkauft, jeweils mit rund 110'000 Besuchenden. Im Vorfeld von 2025 sagten die Organisatoren, für einen positiven Abschluss sei eine Auslastung von mindestens 90 Prozent nötig – rund 100'000 Gäste über vier Tage. So stark seien die Ausgaben für Künstlergagen, Infrastruktur, Personal, Sicherheit und Logistik gestiegen.
Doch es kamen nur 96'000 zahlende Gäste. Immer noch eine Zahl, von der viele Veranstalter träumen. Aber die Schwelle wurde verfehlt.
Hat es trotzdem gereicht?
Ja, sagt das Openair St. Gallen: «Wir durften das Festival mit schwarzen Zahlen abschliessen». Dank höherer Pro-Kopf-Konsumation als im Vorjahr, gutem Wetter und Sponsoringeinnahmen.
Gerade das Wetter im Sittertobel habe einen wesentlichen Einfluss – die Leute konsumieren dann mehr und sie kaufen vermehrt auch noch spontan ein Ticket. : «Bei Tagespässen entscheiden sich viele Besucherinnen und Besucher erst kurz vor dem Festivalbesuch.» Für 2026 laufe der Vorverkauf deutlich besser als im Vorjahr.
Gurten fundamental verändert
Gut schnitt 2025 das Gurtenfestival ab: Rund 98'000 Personen kamen auf dem Berner Hausberg, drei von vier Tagen waren ausverkauft. Für 2026 laufen die Verkäufe laut den Organisatoren sogar besser als im Vorjahr – die 4-Tagespässe waren rund einen Monat früher ausverkauft.
Trotzdem klingt auch die Antwort des Gurtenfestivals nicht nach Entspannung. Seit der Pandemie hätten sich die Rahmenbedingungen «fundamental verändert». Kosten für Infrastruktur, Energie, Sicherheit, Logistik und Personal seien massiv gestiegen.
«Hohe Besucherzahlen allein entscheiden heute nicht mehr automatisch über den wirtschaftlichen Erfolg eines Festivals». Wetter, Konsumverhalten und Programmkosten spielten eine ebenso entscheidende Rolle.
Im Wallis und Zürich unter Rekordwerten
Das Openair Gampel bewegte sich zuletzt nahe der 100'000-Marke: 2024 waren es 96'000 Tickets, 2025 rund 97'000 – beide Ausgaben galten als nahezu ausverkauft. Frühere Spitzenwerte lagen bei rund 115'000.
Zur finanziellen Lage äussern sich die Organisatoren nicht, bestätigen aber bei Gagen, Infrastruktur, Sicherheit und verändertem Konsumverhalten vor ähnlichen Herausforderungen zu stehen wie die Konkurrenz.
Keine Antwort kam vom Zürich Openair, das 2026 nicht stattfindet. Offiziell sprechen die Verantwortlichen von einer «kreativen Pause und strategischen Weiterentwicklung», unter anderem wegen Verschiebungen im internationalen Festivalkalender. 2025 zählte das Festival rund 87'000 Besuchende, mehr als 2024, aber deutlich unter früheren Rekordwerten von rund 102'000.
Branchenverband warnt
Christoph Bill, Präsident des Branchenverbands SMPA, spricht nicht von einer flächendeckenden Krise. Die Nachfrage nach Festivals sei weiterhin da. Aber das Geschäft sei riskanter geworden: «Die dünne Luft ist noch dünner geworden.»
Ticketpreise und Sponsoring lassen sich nur begrenzt erhöhen und viele Veranstalter seien bereits froh, bestehende Partner zu halten. Grosse Openairs müssten häufig über 90 Prozent Auslastung erreichen. «Die letzten paar Prozente entscheiden über Gedeih und Verderben.» Wo die Ticketeinnahmen knapp sind, brauche es gutes Wetter, starke Gastro-Umsätze und höhere Sponsoringeinnahmen.
Bill rechnet deshalb mit einer Bereinigung: «Ich denke, es wird weniger Festivals geben.» Auch wenn einige Formate rasch durch neue ersetzt werden, läuft diese Bereinigung bei anderen weiter, wie mehrere Beispiele zeigen: Rock the Ring meldete 2022 Konkurs an, gegen die Stars of Sounds AG wurde 2024 ein Konkursverfahren eröffnet, Murten 2025 abgesagt, Royal Arena fiel aus, das Big-Air in Chur wurde beendet.
Gerade mittlere und kleinere Festivals hätten mehr Mühe mit der Entwicklung, sagt Bill. Doch es trifft auch die grossen Openairs. «Der Spielraum für Fehler ist kleiner geworden – und er schrumpft weiter.»
