«Hatten wir noch nie»: Kunden bleiben aus – jetzt machen Zürcher Läden den VBZ Vorwürfe
«Das hatten wir noch nie», sagt Nina van Rooijen. Seit zehn Jahren führt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Jeroen den Concept Store Cabinet im Zürcher Viadukt. Der vergangene Monat sei ihr schlechtester August gewesen. Doch schon seit Anfang Jahr sind die Umsätze des Geschäfts stark zurückgegangen.
Jeroen van Rooijen macht für den Einbruch die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) mitverantwortlich, konkret die Verkehrssituation mit den umgeleiteten Tramlinien. Seit der Sperrung der Tramhaltestelle Bahnhofquai am Hauptbahnhof Mitte Dezember 2025 bleibe die Kundschaft weitgehend aus. Die unterbrochenen Direktverbindungen und die zusätzlichen Fusswege hielten Menschen davon ab, im Viadukt einzukaufen, sagt er.
Das Ehepaar hat laut eigenen Angaben rund ein Drittel des Umsatzes verloren im Vergleich zum langjährigen Mittel. Der Einbruch hat Folgen: Das Team wurde bereits von sieben auf fünf Personen verkleinert. Die Entlassungen seien unausweichlich gewesen, sagt Nina van Rooijen. «Die Situation hat uns schlaflose Nächte bereitet. Doch die Rechnung geht leider nicht auf.»
Umsatzeinbusse und weniger Laufkundschaft
Die Tramhaltestelle Bahnhofquai ist seit dem 14. Dezember 2025 wegen ihrer Sanierung gesperrt. Wer aus der Innenstadt ins Viadukt will, muss deshalb je nach Verbindung einen zusätzlichen Fussweg beim Hauptbahnhof zurücklegen.
Genau mit Beginn der Sperrung hätten sich die Passantenfrequenz und der Umsatz verändert, erzählt van Rooijen. «Mit einem Schlag» sei es mitten im Weihnachtsgeschäft ruhiger geworden. Zunächst hätten sie sich den Rückgang nicht erklären können. Inzwischen macht er vor allem die erschwerte Anreise verantwortlich. Je nach Monat beziffert er die Umsatzeinbussen auf 15 bis 45 Prozent.
Aus seiner Sicht fehlen insbesondere Menschen, die spontan einen Einkaufsbummel im Viadukt machen würden. Stammkunden aus dem Quartier seien weniger auf die Direktverbindungen angewiesen. Wer hingegen aus dem Seefeld oder von der Bahnhofstrasse komme, müsse mehr Zeit einplanen. Die Hitze habe die Situation in den vergangenen Monaten zusätzlich verschärft, sagt van Rooijen.
Auch Raoul Sanchez vom Einrichtungsgeschäft Visite Privée macht die VBZ für ausbleibende Kundschaft mitverantwortlich. Der Umweg sei für viele Menschen zu gross. «Ich hätte von den VBZ eine Alternative erwartet», sagt er. Sanchez beziffert die Umsatzeinbussen auf 15 bis 20 Prozent gegenüber den jeweiligen Vorjahresmonaten. Spürbar geworden sei die Entwicklung bei ihm erst Anfang Sommer. Auch von Kunden höre er, dass die Anreise mühsam geworden sei. Wer Möbel oder Accessoires kaufen wolle, erwarte ein unkompliziertes Einkaufserlebnis. Das sei derzeit nicht gegeben.
Die Verantwortung sieht Sanchez allerdings nicht allein bei den VBZ. Auch Baustellen erschwerten die Anreise mit dem Auto. Welchen Anteil die Tramverbindungen am Umsatzrückgang hätten, lasse sich schwer sagen. Betriebliche Konsequenzen habe er bisher nicht ziehen müssen.
Beim Familienbetrieb The Gloss beobachtet Lenox Peritz seit Januar ebenfalls einen Rückgang der Besucherfrequenz. Anfangs habe man selbst gezweifelt, ob die Baustelle am HB dafür verantwortlich sein könne. Schliesslich sei die Umgebung des Viadukts über den Bahnhof Hardbrücke weiterhin gut erreichbar. Für Menschen, die von der Bahnhofstrasse oder aus dem Niederdorf kämen, sei der Weg aber umständlicher geworden.
Auf den Umsatz schlage der Rückgang weniger stark durch, sagt Peritz. Für die eigene Kaschmirmarke kämen Kunden gezielt ins Geschäft. Peritz und van Rooijen nennen zudem die veränderte Route des 8er-Trams. Dieses fährt nicht mehr über den Paradeplatz, sondern über Bahnhof Enge. Diese Änderung gehört zum dauerhaften Umbau des Tramnetzes und ist von der vorübergehenden Sperrung am Bahnhofquai zu unterscheiden.
Nicht alle Geschäfte leiden
Die Gespräche mit weiteren Geschäften zeigen allerdings: Die Entwicklung betrifft nicht alle gleich. Bei Tarzan ist von einem guten Sommer die Rede. Collectif mon Amour und Fashionslave melden ebenfalls keinen entsprechenden Rückgang.
Auch Nicole Dürlewanger von Cote West Living berichtet für ihr Geschäft von einer leichten Aufwärtstendenz. Sie habe viele Stammkunden vom Bündnerland bis nach Genf, aber auch Touristen fänden den Weg. Zudem gebe es Parkmöglichkeiten hinter dem Laden. «Wer zu uns kommen will, kommt sowieso», sagt sie.
Die Tramhaltestelle macht Dürlewanger nicht für die Geschäftsentwicklung verantwortlich. Sie verweist auf den nahen Bahnhof Hardbrücke. Gleichzeitig beobachte auch sie weniger Laufkundschaft, dies aber bereits seit Ende der Pandemie.
VBZ hatte Alternativen geprüft
Die VBZ teilen auf Anfrage von watson mit, bei ihnen seien keine entsprechenden Rückmeldungen von Geschäften eingegangen.
Auf die Frage, ob sie die möglichen Auswirkungen auf Besucherfrequenz und Gewerbe untersucht hätten, schreiben sie: «Im Fokus stand die Sicherstellung der notwendigen Kapazitäten innerhalb des verbleibenden Liniennetzes.» In der Limmatstrasse verkehrten weiterhin drei Tramlinien, genauso häufig wie ohne Baustelle. «Einzig der Umstieg am Hauptbahnhof ist mittels Fussweg zu bewältigen.»
Für den zusätzlichen Zeitaufwand rechnen die VBZ grob mit fünf bis zehn Minuten. Das hänge unter anderem von der gewählten Verbindung und der Gehgeschwindigkeit ab. Van Rooijen hätte sich einen Shuttlebus zwischen Central und Sihlquai/HB gewünscht. Die VBZ erklären dazu, sie hätten verschiedene Alternativen geprüft. Es gebe jedoch keine anderen Verbindungen, auf die man ausweichen könne. Für einen Ersatzbus fehlten «geeignete Strecken und Platz an möglichen Endstationen». Zudem hätte ein Bus keinen Reisezeitgewinn gebracht, schreiben die VBZ.
Fahrgäste seien in der Regel schneller zu Fuss durch den Hauptbahnhof, als wenn sie diesen mit einem Bus umfahren müssten. Im dichten Verkehr wäre dieser länger unterwegs und könnte im Stau stecken bleiben. Die bestehenden Verbindungen seien im Rahmen der umfassenden Kommunikation zum Fahrplanwechsel und zur Baustelle aufgezeigt worden, schreiben die VBZ.
Die Haltestelle Bahnhofquai soll mit dem Fahrplanwechsel vom 13. Dezember 2026 wieder in Betrieb gehen. Die VBZ bestätigen, dass dieser Termin eingehalten werden kann. Bis dahin dauert es noch gut drei Monate. Für die betroffenen Läden in Zürich West ist das eine lange Zeit: Für Cabinet steht inzwischen mehr auf dem Spiel als die zwei abgebauten Stellen. Neben dem Geschäft im Viadukt betreiben die van Rooijens einen weiteren Laden an der Josefstrasse – ebenfalls im Kreis 5. Wenn die nächsten vier Monate ähnlich schlecht verlaufen, erwägen sie, diesen Standort zu schliessen.
