Wirtschaft
Schweiz

Tram- und Bushaltestellen erzählen Geschichte der Schweizer Wirtschaft

Hier werden schon länger keine Schiffe mehr gebaut: Haltestelle in Zürich.
Hier werden schon länger keine Schiffe mehr gebaut: Haltestelle in Zürich. bild: Andrea Zahler

Was Tram- und Bushaltestellen über die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz verraten

Die Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren internationaler. Der Dienstleistungssektor gewann an Bedeutung. Dieser Wandel zeigt sich auch an den Bushaltestellen. Einige erinnern an längst untergegangene Firmen.
02.08.2026, 21:5802.08.2026, 21:58

Die Industrialisierung setzte in der Schweiz früh ein. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte sie etwa dank der Baumwollindustrie zu den wohlhabenderen Ländern Europas. Der Aufstieg von weiteren Industrien trug bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts dazu bei, diesen Vorsprung zu verstärken.

Seither hat sich die Wirtschaft stark verändert: Der Dienstleistungssektor wurde wichtiger, die Globalisierung und das Englische hielten Einzug. Viele Industriefirmen verschwanden oder spezialisierten sich, altehrwürdige Unternehmen benannten sich um. Dieser Wandel zeigt sich besonders gut entlang der Haltestellen, die mit Fabrikschliessungen und Neuansiedlungen neue Namen erhielten. Oder eben auch nicht. Dann erinnern sie an längst vergangene Zeiten.

Kanton Zürich

In der Stadt Zürich erinnern mehrere Haltestellen an die industrielle Vergangenheit: «Escher-Wyss-Platz» – benannt nach der Maschinenfabrik, die im Lauf der Jahre mehrmals den Besitzer wechselte – und die daneben liegende Haltestelle «Schiffbau», wo Escher Wyss Dampfschiffe produzierte. Die Haltestelle «Micafil» wiederum verweist auf die frühere Herstellerin von Isolatoren, die seit 2004 zu ABB gehört.

Die Haltestelle «Schweizer Rück» hat die Umbenennung der namensgebenden Firma zu Swiss Re ebenso wenig nachvollzogen wie die Haltestelle «Rentenanstalt», benannt nach der Vorläuferin des Versicherungskonzerns Swiss Life. Das hat einen Grund: Das Bundesamt für Verkehr (BAV) erlaubt es seit 2006 nicht mehr, Haltestellen nach Firmen zu benennen. Bisherige geniessen Bestandesschutz.

Dass die Haltestelle «Börsenstrasse» 2018 zu «Kantonalbank» umbenannt wurde, ist einem juristischen Kniff zu verdanken. Zwar liegt die Haltestelle beim Sitz der Zürcher Kantonalbank (ZKB), und die Umbenennung wurde von dieser initiiert und bezahlt. Doch erlaubt wurde sie nur, weil das Wort «Zürcher» fehlt – und sich der Name deshalb in der juristischen Argumentation nicht auf die ZKB bezieht, sondern auf das Kantonalbanken-Wesen allgemein.

Die Haltestelle «Börsenstrasse» wurde 2018 zu «Kantonalbank» umbenannt.
Die Haltestelle «Börsenstrasse» wurde 2018 zu «Kantonalbank» umbenannt. bild: Keystone (Januar 2002)

Den Zorn von Radio-Pionier Roger Schawinski auf sich gezogen hatten die Zürcher Verkehrsbetriebe schon früher mit der Haltestelle «Radiostudio» im Kreis 6, die die Senderäumlichkeiten der SRF-Radiostationen bezeichnete – obwohl es in der Stadt Zürich auch mehrere Studios von privaten Sendern gibt. Die Haltestelle wurde mit dem Umzug der SRF-Radios an deren Hauptsitz Ende 2023 umbenannt in «Brunnenhof».

Die Haltestelle «Löwenbräu» hingegen heisst erst seit 2019 so und hat laut der Stadt nichts mit der früheren Brauerei dieses Namens zu tun, sondern soll auf das gleichnamige Kunstareal verweisen.

Auf eine glorreiche Vergangenheit im Bereich des Eisenbahnbaus weisen Haltestellennamen wie die «Wagonsfabrik» in Schlieren hin, benannt nach der 1985 geschlossenen Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik Schlieren. Eine ähnliche Geschichte hat die Haltestelle «Loki» in Winterthur. Die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik – kurz Loki – wurde 1997 durch den Mutterkonzern mehr oder weniger aufgelöst. Einige Teile wurden an Stadler und Alstom verkauft. Die hiesige Eisenbahnindustrie lebt aber weiter, das zeigt die Haltestelle «Stadler» in Bussnang TG.

Kanton Bern

Bis 1997 nutzte der Ovomaltine-Hersteller Wander ein Gebäude in der Stadt Bern. Die Fabrik war bereits 1927 nach Neuenegg verlagert worden, und 1967 verlor die Firma mit dem Verkauf an Sandoz und später an die Associated British Foods ihre Unabhängigkeit. Die Tramhaltestelle hat den Namen «Wander» behalten.

Auch die Haltestelle «Hasler» verweist auf eine Firma, die es unter diesem Namen nicht mehr gibt: Hasler war im 20. Jahrhundert lange die grösste Schweizer Telekom-Firma, die etwa Telefonzentralen und Frankiermaschinen produzierte, bevor sie 1986 zur Ascom Holding wurde.

Die Haltestelle «Hardegg Vidmar» in der Bundesstadt wiederum geht auf die Vidmar AG zurück, einen früheren Hersteller von Tresoren, der 1989 verkauft wurde. Die Produktion wurde 1992 eingestellt. Auf dem Areal befindet sich heute Bühnen des Stadttheaters.

Wie in vielen anderen Städten gibt es auch in Bern eine Haltestelle namens «Gaswerk». Während 90 Jahren wurde dort aus Kohle Gas hergestellt. Schon seit den 1970er-Jahren ist das aber Geschichte.

Die Haltestelle «Unitobler» hat ihren Ursprung in einer der bekanntesten Schokoladenfabriken: 1899 wurde hier die Fabrique de Chocolat Berne, Tobler & Cie. gegründet, die ab 1908 die Toblerone herstellte. Im Jahr 1985 wurde die Fabrik stillgelegt. Toblerone, mittlerweile Teil des US-Nahrungsmittelriesen Mondelez, wird heute in Bern-Brünnen und in der Slowakei produziert. Nach Aufgabe der Fabrik mietete sich die Universität Bern auf dem Areal ein. So entstand der neue Name Unitobler.

Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft

Die Chemiefirma Ciba wurde 2008 vom deutschen Chemiekonzern BASF gekauft. Eine Haltestelle im Basler Klybeck-Quartier heisst aber nach wie vor so. In Arlesheim BL wurde die Haltestelle «Brown Boveri», benannt nach dem in der ABB aufgegangenen Industrieriesen, Ende 2022 hingegen in «Walzwerk» umbenannt.

Die nach wie vor existierende Haltestelle «Bankverein» in Basel geht auf den in Basel gegründeten Vorläufer der Grossbank UBS zurück. Bis 2014 hatte diese je einen Sitz in Basel und in Zürich. Seither ist die Holding aber nur noch in Zürich zuhause. Geblieben vom Bankverein sind die drei Schlüssel im Logo.

Die Haltestelle «Bankverein» in Basel geht auf den in Basel gegründeten Vorläufer der Grossbank UBS zurück.
Die Haltestelle «Bankverein» in Basel geht auf den in Basel gegründeten Vorläufer der Grossbank UBS zurück. bild: kenneth nars

In Münchenstein BL zeugt die Haltestelle «Spengler» von Veränderungen im Kleidermarkt. Spengler war der Name eines Schweizer Modehauses mit zuletzt Hunderten Mitarbeitenden und 18 Filialen, das 2004 wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten an Schild verkauft wurde. Schild wiederum ging 2015 an Globus über und wurde per 2021 erneut verkauft. An der Haltestelle gingen diese Entwicklungen vorbei.

Kanton Luzern

Bis vor etwa zwei Jahren wurde im luzernischen Mauensee die Haltestelle «Refa» von Nachtbussen bedient. Sie war benannt nach der Käsefirma Refa, die schon 1993 an den Milchriesen Emmi verkauft wurde. Mittlerweile existiert die Haltestelle nicht mehr.

Das Eidgenössische Flugzeugwerk F+W wiederum, das später im bundeseigenen Rüstungsbetrieb Ruag aufging, hat in Emmen LU Spuren hinterlassen. Dort heisst eine Haltestelle nach wie vor «Flugzeugwerke». Ganz falsch ist das auch heute nicht: Schliesslich befinden sich sowohl ein Standort der Ruag als auch der Flugzeughersteller Pilatus an dieser Haltestelle.

Kanton St. Gallen

Die Haltestelle «Swissair» in Rorschacherberg hat noch heute ihre Daseinsberechtigung. Sie ist nicht direkt nach der untergegangenen Airline benannt, sondern nach einer Wohnüberbauung, die von ihrer Pensionskasse gebaut wurde. Diese existiert weiterhin – und schwimmt im Geld. Mit einem Deckungsgrad von 127,3 Prozent im Jahr 2024 konnte sie es sich sogar leisten, 18 Monatsrenten auszubezahlen, zuvor waren es auch schon 23.

Kanton Aargau

Am 6. September 1973 eröffnete der schwedische Möbelriese Ikea seine erste Filiale ausserhalb Skandinaviens in Spreitenbach. Die Bushaltestelle heisst auch heute noch «Ikea». Die Haltestelle «Interio» gleich in der Nähe verwies auf den Schweizer Konkurrenten, dessen Überreste 2019 von der Migros an die österreichische XXXLutz-Gruppe verkauft wurden. Mittlerweile heisst sie schlicht «Furttalstrasse».

Seit 2024 wird die Haltestelle «Ikea» auch von der Limmattalbahn bedient.
Seit 2024 wird die Haltestelle «Ikea» auch von der Limmattalbahn bedient. bild: severin bigler

Restliche Kantone

Die italienische Tankstellenmarke Agip gibt es hierzulande nicht mehr, stattdessen tritt die Firma unter dem Namen Enilive auf. In Chur wurde die Haltestelle «Agip» denn auch in «Kalchbühl» umbenannt.

Im Jahr 2017 traf es auch die Haltestelle «McDonald’s» in Zuchwil SO. Sie wurde in «Langfeld» umbenannt. In Grenchen SO hatte man mehr Erbarmen mit dem US-Fastfoodriesen. Dort heisst eine Haltestelle weiterhin «McDonald’s».

Das Schweizer Detailhandelsunternehmen Usego belieferte zeitweise bis zu 4000 kleine Läden. Im Jahr 1999 ging es in der Bon Appétit Group auf, die wiederum 2003 an die deutsche Rewe-Gruppe verkauft wurde. Die Haltestelle «Usego» in Olten SO liess sich davon nicht beeindrucken.

In Schaffhausen zeugt die Haltestelle «CMC» bis heute von der Elektro-Firma Carl Maier & Cie., die 1909 gegründet wurde und etwa Schutzschalter-Technologien entwickelte. Im Jahr 1992 übernahm ABB die Firma. (schweizheute.ch)

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