SBB versprechen mehr Kühlung in neuen Zügen – denn so heiss ist es im ÖV
«Wieso ist es immer so heiss?», ruft eine Teenagerin beim Betreten der S-Bahn der Linie 19 in Zürich-Oerlikon ihrer Kollegin zu. «Warum gibt es nie eine Klimaanlage?» Ähnliche Szenen wie an diesem Mittwochnachmittag spielen sich derzeit in der ganzen Schweiz ab. Das Land schwitzt, und das noch einige Tage. Denn der Höhepunkt der Hitzewelle steht erst noch bevor. Am Wochenende steigen die Temperaturen auf bis zu 39 Grad. Eine erste Abkühlung ist am Montag angesagt.
Die Hitze fordert insbesondere den öffentlichen Verkehr heraus. Pendlerinnen und Pendler haben hohe Erwartungen. Sie wollen vom glutheissen Perron in den gekühlten Bus oder Zug steigen. Bei den SBB können sie in den meisten Fällen mit Abkühlung rechnen: Die grosse Mehrheit der Züge ist klimatisiert (s. Box).
«Es wird alles Menschenmögliche getan»
«An Hitzetagen mit Tageshöchsttemperaturen von 30 Grad oder mehr werden die Fahrgasträume rund 5 bis 10 Grad abgekühlt», sagt ein SBB-Sprecher zu «Schweiz heute». Damit liege man innerhalb der geltenden europäischen Normen. Die Temperaturregulierung in den Zügen erfolgt automatisch. Jeder Zug besitzt dazu Sensoren, die die Aussentemperatur messen. Zudem haben das Lokpersonal und die Kundenbegleiter die Möglichkeit, die Temperatur im Zug um zusätzliche zwei Grad zu senken.
Wie heiss es tatsächlich in einem Zug wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der Anzahl der Passagiere, wie oft und wie lange die Türen geöffnet werden oder wie schnell der Zug fährt. «Es wird alles Maschinen- und Menschenmögliche getan, um die Temperaturen auf einem angenehmen Niveau oder an heissen Tagen zumindest unter 30 Grad zu halten», sagt ein SBB-Sprecher. Auf eine noch stärkere Kühlung verzichte man, um den Fahrgästen grosse Temperaturwechsel zu ersparen und den Energieverbrauch nicht hochzutreiben.
Vor wenigen Jahren hatten die SBB ihre Züge nur 3 bis 5 Grad heruntergekühlt. Jetzt sind es 5 bis 10 Grad. Die Bahn hat also bereits auf die klimatischen Entwicklungen reagiert. Doch sie geht in Zukunft noch weiter. Schliesslich ist klar, dass es deutlich mehr Tage geben wird, an denen das Thermometer die 30-Grad-Marke überschreiten wird.
Neue Siemens-Züge sollen Norm übertreffen
Die SBB berücksichtigen diese Entwicklung bei künftigen Beschaffungen. So haben sie bei den bestellten Siemens-Zügen für die Zürcher S-Bahn «höhere Anforderungen an die Klimageräte definiert, als gemäss Norm notwendig wäre». Die 116 Doppelstockzüge verkehren ab 2031.
Wie genau die Kühlleistung verbessert und die Normen gar übertroffen werden sollen, dazu wollen sich weder die SBB noch der Hersteller Siemens äussern. Eine Sprecherin der Bahn sagt auf Nachfrage nur, man habe die Anforderungen «bewusst höher angesetzt, damit auch bei künftig häufiger auftretenden Hitzeperioden ein angenehmes Innenklima gewährleistet bleibt». Ziel seien «mehr Reserven und Robustheit bei hohen Aussentemperaturen».
Wie robust die Klimaanlagen in den aktuellen Zügen und in Bussen und Trams kühlen, zeigt ein Test von «Schweiz heute» am Mittwochnachmittag in der Region Zürich bei Aussentemperaturen von etwa 35 Grad Celsius. Fazit: Die Temperaturen schwanken stark – obwohl bis auf eine Ausnahme alle getesteten Fahrzeuge mit Klimaanlagen ausgestattet sind. Die Voraussetzungen sind allerdings andere. In Bussen und Trams verteilen sich viele Menschen auf wenig Fläche. Die Passagiere erzeugen Abwärme, und weil sich die Türen der Fahrzeuge im Stadtverkehr oft öffnen und warme Luft hereinlassen, ist ein angenehmes Klima schwieriger zu erreichen als in Fernverkehrszügen. Diese sind länger ohne Halt unterwegs und pro Passagier gibt es mehr Fläche.
Temperaturen im öffentlichen Verkehr
VBZ = Verkehrsbetriebe Zürich, VBG = Verkehrsbetriebe Glattal.Tabelle: ehs / CH Media
Entscheidend für die Frage, wie angenehm eine Fahrt ausfällt, ist zudem nicht nur die Temperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit und die Luftzirkulation. Eine Fahrt bei 30 Grad Celsius, aber tiefer Luftfeuchtigkeit und viel frischer Luft kann als angenehmer empfunden werden als in einem schwülwarmen Zug mit 26 Grad.
Mehr Energieeffizienz und einen besseren Komfort an heissen Tagen könnten intelligente Klimaanlagen bringen. Damit beschäftigt sich derzeit ein Forschungsprojekt im Auftrag des Bundesamts für Verkehr. Dabei wird getestet, wie eine neue Generation von Klimaanlagen in ein Pilotfahrzeug integriert werden kann. Diese Geräte besitzen einen lernfähigen Algorithmus, der auch Wetterprognosen entlang der Strecke, die erwarteten Passagierzahlen und die Einsatzplanung vorausschauend einbezieht.
Nach neuen Ansätzen suchen auch die Zürcher Verkehrsbetriebe. Man habe bei den Flexity-Trams Softwareanpassungen umgesetzt, um die Kühlleistung weiter zu optimieren, sagt eine Sprecherin. Zudem teste man eine Sonnenschutzfolie, die das Aufheizen des Fahrzeugs reduziert und so die Klimaanlagen entlastet.
Gute Nachrichten gibt es für die jungen Frauen aus der S19. Sie haben zwar genau eine jener wenigen Linien erwischt, auf denen noch Rollmaterial ohne Klimaanlagen unterwegs ist, nämlich Fahrzeuge des Typs HVZ-Dosto. Doch es ist der letzte heisse Sommer auf dieser Linie: Ab nächstem Jahr verkehren auch auf der S19 gekühlte Züge.
(schweizheute.ch)

