Wirtschaft
Schweiz

Lesen, Schreiben, Rechnen: Firmen schlagen Alarm wegen Lernenden

Lesen, Schreiben, Rechnen: Firmen schlagen Alarm wegen Lernenden

Ein Grossteil der Unternehmen beobachtet ungenügende Grundkompetenzen ihrer Lernenden. Der durch zusätzliche Betreuung verbundene Mehraufwand führt dazu, dass jedes fünfte Unternehmen künftig weniger Lernende rekrutieren will, wie eine Umfrage zeigt.
01.09.2026, 14:0001.09.2026, 16:44

Besonders die Schreibkompetenzen und mathematischen Fähigkeiten werden kritisch beurteilt. 59 Prozent der Unternehmen beurteilen die Schreibkompetenzen als eher ungenügend oder nicht erfüllt, und auch die mathematischen Grundlagen seien nicht in dem Mass vorhanden, das die Unternehmen beim Eintritt in die berufliche Grundbildung erwarten.

Die Unternehmen bemerken eine kontinuierliche Verschlechterung seit fünf bis zehn Jahren. Rund drei Viertel der Unternehmen gaben in der Umfrage an, dass sich die Schreibkompetenzen ihrer Lernenden verschlechtert haben. Jeder dritte Betrieb spricht sogar von einer starken Verschlechterung. Auch beim Lesen und in der Mathematik stellt eine Mehrheit der Betriebe einen Rückgang fest.

Die schlechteren Grundkompetenzen wirken sich konkret auf die Unternehmen aus. So werde die Rekrutierung geeigneter Lernender schwieriger, der Betreuungsaufwand steige und zusätzliche Fördermassnahmen verursachten erhebliche Kosten, heisst es. Rund drei Viertel der Unternehmen würden bereits heute Lernende mit zusätzlichen internen oder externen Massnahmen unterstützen, um bestehende Lücken zu schliessen.

Defizite verursachen Mehrkosten

Zwei Drittel der Unternehmen gaben an, dass dadurch zusätzliche Kosten entstehen würden. 19 Prozent der Unternehmen mussten zwischen 500 und 2000 Franken pro Jahr und pro Lernenden zusätzlich aufwenden. Gemäss der Umfrage müssen bei der Mehrheit der Betriebe bis zu drei Stunden pro Woche und Lernender mit ungenügenden Grundkompetenzen aufgewendet werden. «Nur zwei Prozent der befragten Unternehmen verzeichnen keinen zeitlichen Mehraufwand», sagte Dieter Kläy, der stellvertretende Direktor des SGV, an einer Online-Medienkonferenz der Wirtschaftsverbände am Dienstag.

Kleine Betriebe sind stärker betroffen

Gemäss der Umfrage gab jedes fünfte Unternehmen an, aufgrund der sinkenden Grundkompetenzen und der damit verbundenen Mehraufwendungen künftig weniger Lernende rekrutieren zu wollen. Viele Betriebe gaben an, ihre Selektionskriterien zu verschärfen oder Lehrstellen unbesetzt zu lassen, wenn geeignete Bewerbungen fehlen.

Neben den klassischen Grundkompetenzen werden auch bei fächerübergreifenden Kompetenzen Mängel aufgewiesen. Bei den personalen Kompetenzen wie Selbstorganisation, Eigenmotivation und Durchhaltewillen oder auch bei den methodischen Kompetenzen wie kritischem Denken und Problemlösungsfähigkeit sehen die Unternehmen Verbesserungsbedarf. Auch hier werde eine zeitliche Verschlechterung über die letzten fünf bis zehn Jahre wahrgenommen. Am positivsten werden die digitalen Kompetenzen beurteilt.

Wirtschaft nimmt Volksschule in die Pflicht

Sinkende Grundkompetenzen seien nicht nur ein bildungspolitisches Problem, so die Wirtschaftsverbände. Sie entwickelten sich zu einer zunehmenden Herausforderung für die duale Berufsbildung, die Fachkräftesicherung und den Wirtschaftsstandort Schweiz.

«Die duale Ausbildung ist absolut zentral für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Wir haben einen internationalen Wettbewerbsvorteil, weil die duale Bildung so stark ist», sagte der Chefökonom von Economiesuisse, Rudolf Minsch. Für die Wirtschaft sei es entscheidend, dass dieser Wettbewerbsvorteil erhalten bleibe.

Aus Sicht der Wirtschaft braucht es eine Stärkung der Grundkompetenzen in der Volksschule. Gleichzeitig brauche es eine Ursachen-Analyse sowie ein Bildungsmonitoring, hiess es weiter. Stand heute verfügt die Schweiz über kein einheitliches, langfristig vergleichbares Monitoring der Grundkompetenzen. Belastbare Längsschnittdaten würden es erlauben, Entwicklungen und mögliche Ursachen über längere Zeiträume abzubilden. Bisher gebe es keine empirisch gesicherte Erklärung für den Rückgang der Grundkompetenzen. (sda/jes)

An der Online-Umfrage von Economiesuisse, des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) und des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes (SAV), nahmen rund 2900 Ausbildungsverantwortliche teil. Über ein Viertel der Antworten stammte aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, gefolgt von rund 14 Prozent aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Zwischen der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin zeigen sich insgesamt nur geringe Unterschiede in der Beurteilung der Kompetenzen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
So entwickelten sich die Lehrstellen
1 / 7
So entwickelten sich die Lehrstellen
Informatiker: +359 Prozent. Es ist in Zeiten der rasant fortschreitenden Digitalisierung keine Überraschung: Die Zahl der ausgebildeten Informatiker ist hierzulande in den letzten Jahren in rasantem Tempo gewachsen – und so stark wie in keiner anderen Berufsgruppe. Seit 2000 hat sich die Zahl der Lehrabschlüsse vervierfacht, von 391 auf 1795.
quelle: keystone / alexandra wey
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Helen lernt Schweizerdeutsch – Dialektpitch
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
44 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
daniel k.
01.09.2026 17:49registriert August 2022
Überrascht mich nicht sonderlich. Vor 40 Jahren habe ich in der 7. Klasse das Untergymnasium besucht und Latein gebüffelt. Mein Sohn hat vor 3 Wochen mit der Sekundarschule begonnen, ebenfalls 7. Klasse und er hat nach wie vor Mühe mit der Gross- und Kleinschreibung. Hausaufgaben gab es bisher nie. Ich befürchte, wir haben uns massiv nach unten angepasst, damit keinesfalls ein Kind benachteiligt wird.
633
Melden
Zum Kommentar
avatar
Ich-möchte-verstehen
01.09.2026 17:45registriert April 2022
Ich habe ein Jahr Homeschooling mit meinem Enkel hinter mir. Er war in der 6. Klasse und ich war überrascht auf welchem Niveau wir einsteigen mussten. Seine Aussage: "Grosspäpu, bei Dir lerne ich in einem Tag mehr, als in einer Woche in der Schule". Ich will das nicht verallgemeinern, aber ich war schockiert. Was ausser Bildung haben wir in der Schweiz denn noch? Kein Bankgeheimnis mehr, keine konkurrenzfähige Landwirtschaft, keine Bodenschätze, Schneemangel für den Wintertourismus, ... Bildung ist das letzte, was unseren hohen Lebensstandard halten kann!
623
Melden
Zum Kommentar
avatar
cereza
01.09.2026 17:59registriert Februar 2023
Ich gebe seit Jahren gratis Nachhilfe + musste leider dasselbe feststellen. Die integrative Schule in ihrer aktuellen Form ist gescheitert. Die Integration all der lernbereiten Kinder, die bei Schulbeginn nicht ausreichend Deutsch sprechen, ist für die Schulen bereits eine riesige Herausforderung, wenn dazu auch noch Kinder mit Lernschwächen und/oder Verhaltensauffälligkeiten integriert werden müssen, kann das bei den heutigen Klassengrössen schlicht nicht funktionieren. Entweder sorgt man für bessere Rahmenbedingungen oder gibt diese Form der Integration wieder auf.
522
Melden
Zum Kommentar
44
«Das ist absolut skandalös»: Politiker kommen Ermotti entgegen
Die Wirtschaftspolitiker des Ständerats stellen sich gegen den Bundesrat. Die UBS dürfte sich freuen, die SP kündigt Widerstand an.
Die Würfel sind gefallen, und zwar zugunsten von Sergio Ermotti und seiner UBS. Die Wirtschaftspolitiker der vorberatenden Kommission des Ständerats haben lange gerungen, sind aber am Montagabend der Grossbank mit grossen Schritten entgegengekommen. Und sie haben sich damit gegen die Pläne von Finanzministerin Karin Keller-Sutter und des Gesamtbundesrats gestellt.
Zur Story