Dieser Westschweizer Winzer hatte eine einzigartige Idee
Patrice Walpen holt uns am Bahnhof Sitten ab. Von dort geht es ins wenige Kilometer entfernte, ruhige und wohlhabende Bramois. Mit seinem khakifarbenen Poloshirt, den Abenteurer-Shorts, dem Zehntagebart und den geländetauglichen Turnschuhen erinnert der etwas über 50-Jährige mit sonnengebräuntem Teint an einen Indiana Jones der Weinberge rund um Sitten.
Als wir über die historische Krise sprechen, in der sich der Schweizer Wein derzeit befindet, lässt Walpen seinen ebenfalls khakifarbenen Land Rover Defender aufbrummen. Fast scheint es, als brauche es heute einen robusten Geländewagen, um die Schwierigkeiten der Branche zu überwinden. Und das Bild passt durchaus zu seinem Lebenslauf. Patrice Walpen war weltweit unterwegs und arbeitete unter anderem rund zehn Jahre für ein Weingut in Südafrika. Danach kehrte er in die Schweiz zurück, leitete einen grossen Walliser Weinbetrieb und nutzte 2015 die Gelegenheit, das Weingut Chai du Baron zu übernehmen.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Dabei belässt er es nicht einfach dabei, den Betrieb am Laufen zu halten. Seit seinen Anfängen setzt der Unternehmer immer wieder kleinere Innovationen um, um die Krise zu bewältigen und seinen Betrieb für die Zukunft aufzustellen.
Dazu gehört ein zweiter, dynamischerer und urbanerer Wein namens Leon – sein zweiter Vorname und zugleich der Name seines Grossvaters. Eine weitere Innovation ist der erste Selbstbedienungs-Weinladen der Schweiz. Vor dieser neuen lokalen Besonderheit, die im vergangenen Mai eröffnet wurde, hält der khakifarbene Defender.
Das Gebäude an der Strasse nach Chippis, das unter anderem aus «Lärchenholz aus der Region» gebaut wurde, war ursprünglich nicht als Selbstbedienungsladen geplant. Im Chai du Baron wurde der Platz knapp. Patrice Walpen wollte deshalb nicht länger Lagerräume für seine Flaschen und das Material für seine 20 Hektaren Rebfläche mieten müssen.
Eine persönliche Eigenschaft brachte ihn schliesslich auf die Idee eines autonomen Shops. Denn obwohl Walpen gastfreundlich ist, schätzt er es, wenn Kunden ihren Freiraum haben. «Man hat nicht unbedingt Lust, stundenlang mit dem Winzer zu sprechen. Und manchmal fühlt man sich sogar verpflichtet, gleich einen Karton mit sechs Flaschen zu kaufen», erklärt er.
Der grösste Teil der Fläche dient heute tatsächlich als Lager. Im vorderen Bereich befindet sich Cave à Leon: ein richtiger Laden mit Regalen, Kühlschränken und sogar einem kleinen Gefrierschrank. Nur Angestellte gibt es keine. Stattdessen steht eine Selbstbedienungskasse bereit, an der die Kundinnen und Kunden ihre Einkäufe scannen müssen, bevor sie den Laden verlassen.
Zu kaufen gibt es natürlich die Weine des eigenen Betriebs. Hinzu kommen regionale Produkte, die Patrice Walpen über sein Netzwerk von Handwerkern und kleinen Produzenten aus der Umgebung sowie über die Hobbys seiner Familienmitglieder zusammengetragen hat. So finden die Kunden neben einer Flasche Weisswein auch Fruchtsäfte, Zutaten für ein Apéro-Plättli oder alles Nötige für ein Fondue oder ein Raclette.
Bevor Walpen Alkohol in Selbstbedienung verkaufen konnte, musste er allerdings eine technische Lösung finden, die auch den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Eine Firma aus der Deutschschweiz lieferte ihm schliesslich die entscheidende Technologie.
So funktioniert der Zugang zum Laden
Kunden können Cave à Leon erst betreten, nachdem sie zur Alterskontrolle ihren Ausweis gescannt haben. Im Laden werden sie von Kameras erfasst. Der Besitzer kann die Aufnahmen live oder später überprüfen, unter anderem auf seinem Mobiltelefon.
Danach können sich die Besucherinnen und Besucher auf 85 Quadratmetern frei zwischen den Regalen bewegen und ihre Einkäufe selbstständig bezahlen – sieben Tage die Woche. Rund um die Uhr ist der Laden allerdings nicht geöffnet. «Der Shop ist von 8 bis 21 Uhr offen. Ich habe das gleiche Patent wie eine Tankstelle, und das passt für mich sehr gut. Ich sage immer: Mein Ziel ist nicht, Alkohol zu verkaufen, sondern Wein. Meinen Wein. Diese Unterscheidung ist mir wichtig», sagt Patrice Walpen.
Mit Cave à Leon wollte der Unternehmer vor allem einen Weg finden, sich an die neuen Einkaufs- und Konsumgewohnheiten anzupassen. Seiner Ansicht nach geht es nicht darum, Wein auf eine neue Art zu produzieren, sondern ihn anders zu verkaufen.
Dabei spielen verschiedene Aspekte eine Rolle: die Verpackung, die Marketingstrategie, aktuelle Trends wie die Beliebtheit von Schaumweinen und alkoholfreien Alternativen sowie die Verkaufszeiten und -orte. Doch damit ist es nicht getan.
In den vergangenen Jahren sind Schweizer Winzerinnen und Winzer in den sozialen Medien aktiver geworden und organisieren vermehrt Veranstaltungen rund um ihre Produkte. Teilweise arbeiten sie dabei auch mit jungen Kulturschaffenden zusammen. Doch auch hier setzt die Gesetzgebung Grenzen.
Patrice Walpen konnte seinen Shop eröffnen, weil die Behörden ihn als Direktverkauf einstufen und dort in erster Linie eigene Produkte angeboten werden. Doch es gibt weitere Hürden. Der Walliser Unternehmer würde seinen Standort, insbesondere den Aussenbereich, gerne auch für Veranstaltungen nutzen. «Im Moment ist das nicht möglich, weil wir uns auf Landwirtschaftsland befinden und dort keine kommerziellen Aktivitäten erlaubt sind. Aber ich gebe nicht auf. Auch hier muss man kämpfen.»
Weitere Innovationen in der Westschweiz
Der 54-jährige Walliser ist nicht der Einzige in der Westschweiz, der mit neuen Ideen ein neues Publikum erreichen und die beispiellose Weinkrise überstehen will. Der Verein zur Förderung regionaler Neuenburger Produkte stellte im vergangenen Juli in der Gemeinde Cortaillod einen vernetzten Kühlschrank-Automaten auf. Dort können Weine aus der Region gekauft werden, ebenfalls nach einer elektronischen Ausweiskontrolle.
In Auvernier, ebenfalls im Kanton Neuenburg, wurde vor zwei Monaten mit Magavin ein Laden eröffnet, der ähnlich funktioniert wie Cave à Leon. «Sie sind zu mir gekommen, und ich habe ihnen alle Ratschläge gegeben, die sie brauchten. Es ist grossartig, dass das Konzept Nachahmer findet. Wir müssen uns gegenseitig helfen», sagt Patrice Walpen.
Die Innovationen bringen Bewegung in die Branche. Doch funktionieren sie auch?
Gab es bisher Sicherheitsprobleme? «Nein, überhaupt keine! Wer seinen Ausweis scannen muss, wird vermutlich schon dadurch abgeschreckt.»
Dafür gibt es eine Anekdote:
Auf der Rückfahrt zum Bahnhof Sitten sagt Patrice Walpen, was ihn an der Krise am meisten bedrückt: die fehlende Solidarität in der Deutschschweiz, aber auch Restaurants, die immer weniger auf Schweizer Wein setzen. «Sie verkaufen wegen des Preises lieber ausländische Weine, italienische Weine zur Pizza, und Betrieben mit weniger lokaler Küche, etwa Kebab-Läden, ist Schweizer Wein egal. Das ist schade.»
