Stromfresser brauchen Kühlung: So will Martullo vom KI-Boom profitieren
Autoteile, Sportbrillen, Pipetten, aber auch Kaffee-Mahlwerke, Thermomix-Bestandteile und sogar Antennenhalterungen für Elon Musks Starlink-Satelliten: Die Hochleistungskunststoffe der Ems-Chemie von Magdalena Martullo-Blocher stecken in unzähligen Produkten auf der ganzen Welt.
Als neues Wachstumsfeld hat der Konzern nun Datencenter ausgemacht. Diese stellen die Rechenleistung für den Siegeszug der Künstlichen Intelligenz zur Verfügung. Damit sind sie zentral dafür, dass wir KI-Anwendungen nutzen können. Oder sie sorgen für ein schnelles Streamingvergnügen bei Netflix & Co.
Doch diese riesigen Rechnerfarmen haben aktuell noch ein Problem: Die Anlagen fressen Unmengen an Strom. Ein Serverschrank benötigt die Energie von 65 Haushalten. Für sogenannte Hyperscaler planen die grossen Techkonzerne gar mit eigenen Atomkraftwerken. Neben dem enormen Stromverbrauch gibt es eine weitere Herausforderung: Damit die Anlagen nicht überhitzen, müssen sie ständig gekühlt werden, entweder mit Wasser oder mit Luft.
Hier will Martullo mit einer effizienten Lösung punkten, wie sie am Freitag in einem Datencenter der Firma Green in Dielsdorf ZH erklärte. Die Ems-Chemie liefert dem Unternehmen – gegründet hat es Martullos SVP-Kollege Franz Grüter – Bauteile aus Hochleistungspolymeren. Diese stecken etwa in der Flüssigkühlsteuerung oder den Lüfterrädern in den Serverräumen. Der Clou: Die Lösungen von Ems sollen den Stromverbrauch beim Kühlen um bis zu 70 Prozent reduzieren. Martullo betonte, dass bereits jedes dritte Datencenter weltweit mit Ems-Produkten kühle. Und die 56-Jährige ist überzeugt, dass das erst der Anfang ist.
In welche Richtung es geht, zeigt sich exemplarisch beim Anbieter Green. Er betreibt bereits neun Datencenter und rechnet damit, dass sich die Nachfrage vervielfachen wird. Deshalb will die Firma ihre Kapazität in den nächsten drei Jahren verdoppeln. Es wird geschätzt, dass weltweit bis 2030 bis zu 2000 neue Datencenter errichtet werden.
Eines der Angebote von Green funktioniert so: Für seine Kunden stellt das Unternehmen die Infrastruktur zur Verfügung, also eine gesicherte Umgebung, in der die Firmen ihre eigenen Server unterbringen. Zur Dienstleistung gehört auch die optimale Kühlung. Hier hat Green ein Interesse, die Kosten möglichst tief zu halten. Die Kühllösungen von Ems kommen deshalb gelegen. Rund ein Fünftel des Energieaufwands in einem Datencenter entfallen auf die Kühlung.
Die Abwärme verpufft nicht ungenutzt
Einen Einblick in diesen Prozess gewährte Green auf einem Rundgang. Für Ems machte die sonst verschwiegene Firma eine Ausnahme und öffnete für die Medien einen der Serverräume.
Der Weg dorthin führt über mehrere Sicherheitsschleusen. Am Ziel, in einem hellen, gut gewärmten Raum, stehen die aufgereihten Server. Sie sind in einem sogenannten «Kaltgang» eingeschlossen. Darin strömt vom Boden her kühle Luft durch die sogenannten Racks und hält die Server kühl.
Im Kaltgang sorgen aber nicht nur die leichten Lüfterräder von Ems dafür, den Energieverbrauch zu senken. Auch die Abwärme nutzt Green. Diese leitet das Datencenter ins Fernwärmenetz, womit Haushalte, Industrie und Gewerbe versorgt werden. Durch einen Wärmeverbund fliesst zudem wieder Kälte in die Green-Anlagen zurück. Green-Chef Roger Süess sprach von einem «geschlossenen Kreislauf».
Die Marge kann sich sehen lassen
Im Datencenter in Dielsdorf präsentierte Martullo auch die Geschäftszahlen für das erste halbe Jahr. Dieses bezeichnete die Chefin als «turbulent» und hielt wie üblich ein einstündiges Seminar zu den Gründen ab.
Kurz zusammengefasst: Zoll-Chaos, Iran-Krieg, schwächelnde Automobilindustrie oder der starke Franken hielten Ems auf Trab. Insgesamt resultierte von Januar bis Juni ein Nettoumsatz von 1,012 Milliarden Franken. Das entspricht einem Minus von 0,8 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. In Lokalwährungen schrieb Ems dagegen ein Plus von 4,5 Prozent. Das Betriebsergebnis konnte der Konzern auf 310 Millionen Franken steigern (+4,7 Prozent). Die Marge lag gar auf dem Rekordwert von 30,6 Prozent.
Übrigens: Wenn es nicht um die Kühlung, sondern um die Anwendung der Künstlichen Intelligenz geht, ist Martullo etwas weniger euphorisch. Zwar nutzt ihre Firma die Technologie, gleichzeitig sagte Martullo auch: «Die KI liefert immer mittelmässige Ergebnisse, die alle anderen auch haben. Allein damit überlebt man als Firma nicht.» (schweizheute.ch)
