Die Politik entscheidet über die neue Armeepistole – es droht ein gefährliches Signal
Am Dienstag entscheidet der Ständerat als erste Parlamentskammer über die SIG Sauer P320. Ein ursprünglich US-amerikanisches Produkt mit angeschlagenem Ruf soll die neue Dienstpistole der Armee werden.
Man muss kein Prophet sein, um das Resultat vorherzusagen: Der bürgerlich dominierte Rat wird die Bedenken zur Tauglichkeit der Waffe beiseite wischen und den Vorschlag des Bundesamts für Rüstung (Armasuisse) durchwinken.
Doch dieser politische Entscheid würde ein schlechtes Signal aussenden. Und die Folgen sind nicht absehbar.
Wo ist das Problem?
Die Wahl einer für die Schweizer Soldaten und Soldatinnen geeigneten Pistole gehört zu den einfacheren Aufgaben der Verantwortlichen in Bundesbern.
Würde man meinen.
Der Grund: Eine Pistole ist – etwa im Gegensatz zu einem Kampfjet – alles andere als ein komplexes System.
Die Beschaffungsfachleute sprechen von MOTS. Die Abkürzung für «Military Off-The-Shelf». Gemeint sind militärische Standardprodukte, die «ab Stange» bezogen werden können, ohne dass waffentechnische Änderungen nötig sind.
Doch in der Schweiz soll es anders laufen.
Und damit sind wir bei der SIG Sauer P320.
Der Chef des Bundesamtes für Rüstung will bekanntlich ein Modell beschaffen, das es in dieser Form noch gar nicht gab. Der von Urs Loher favorisierte Testkandidat des US-Herstellers SIG Sauer fiel in sämtlichen Prüfungen von Armasuisse und Armee durch. In der Vorevaluation und in der eigentlichen Evaluationsphase. Dies hat watson im Zuge seiner P320-Recherche dokumentiert (siehe Quellen).
Trotzdem entschied sich Loher für SIG Sauer und die P320. Allerdings für eine «eingeschweizerte» Version, die der Hersteller zuerst technisch nachbessern muss. Das überarbeitete Schweizer Armeemodell soll erneut bei Armasuisse geprüft, von der Armee getestet und für truppentauglich erklärt werden. Erst dann darf es offiziell beschafft werden.
Was hinlänglich bekannt ist: Die P320 steht wegen ihres Designs, respektive der Funktionsweise, im Herkunftsland, den USA, massiv in der Kritik. Nach zahlreichen ungewollten Schussabgaben, häufig durch Pistolen im Holster, haben Polizeibehörden die Notbremse gezogen. Der US-Bundesstaat New Jersey hat den Hersteller SIG Sauer verklagt und will ihn gerichtlich zum Rückruf seines Produkts zwingen.
SIG Sauer bestreitet, dass technische Probleme und Schwächen bei der P320 die Ursache für ungewollte Schussabgaben sind oder solche Unfälle begünstigen. Der amerikanische Waffenhersteller schiebt die Verantwortung auf die Kundschaft und gibt Anwendungsfehlern und ungeeignetem Zubehör die Schuld.
Trotz der offenen Fragen soll der Ständerat am Dienstag grünes Licht geben für die Beschaffung der P320 und für SIG Sauer als Lieferanten der neuen Armeepistole. Die kleine Kammer des eidgenössischen Parlaments entscheidet über einen entsprechenden Budgetposten von 50 Millionen Franken. Dieser ist in der Armeebotschaft 2026 für die Beschaffung einer ersten Tranche von 50'000 Stück vorgesehen.
Die P320 ist untauglich für eine Milizarmee
Die Stärke einer Milizarmee liegt in der breiten, aber zeitlich stark begrenzten Ausbildung ihrer Angehörigen. Die meisten Soldatinnen und Soldaten trainieren nicht wöchentlich an der Kurzwaffe. Eine Milizpistole muss daher vor allem drei Kriterien erfüllen: sicher in der Bedienung, fehlertolerant unter Stress und einfach in der Wartung.
Die P320 erfüllt diese Ansprüche nicht.
Das Modell weist konstruktive Eigenheiten und damit verbundene Schwächen auf, die es eigentlich für die Verwendung in einer Milizarmee disqualifizieren würden.
Ein Beispiel: Die Tester dokumentierten eine erhöhte Systemkomplexität, die Fehlmanipulationen begünstigt. So war es möglich, die Schliessfeder in einer schrägen Stellung einzusetzen. Die Folge war ein massives Verklemmen der Waffe, das sich nur mit «Gewürge» wieder lösen liess.
Die P320 basiert auf einem modularen Chassis-System mit herausnehmbarer Abzugseinheit («Fire Control Unit»). Diese vermeintlich moderne Modularität bewirkt im Feld genau das Gegenteil von dem, was die Truppe braucht.
Zur Erinnerung: Die Fachleute bei Armasuisse und der Armee hatten im Auswahlverfahren unisono empfohlen, einen anderen Hersteller zu berücksichtigen: den österreichischen Waffenproduzenten Glock, dessen Pistolen sich bei Schweizer Elitesoldaten seit Jahren im Einsatz bewähren.
- Glock ist Marktführer bei den Behördenwaffen und beliefert weltweit die meisten Streitkräfte mit Dienstwaffen.
- Die Glock-Schlagbolzenpistolen haben ein einfaches und trotzdem bewährtes Sicherheits-Design.
- In dem von Armasuisse organisierten Auswahlverfahren für die neue Armeepistole erfüllte nur ein Glock-Modell die technischen Muss-Kriterien. Die Glock 45 erwies sich in den Tests als treffsicherer, benutzerfreundlicher und deutlich weniger fehleranfällig als die P320.
- Zudem sind die Glocks (die Armee braucht Pistolen in unterschiedlichen Grössen) wegen ihres Designs einfacher zu warten und würden Logistikkosten sparen.
Doch Loher entschied sich für den komplizierten Weg. Weil ihm SIG Sauer, respektive die Schweizer Niederlassung des US-Herstellers, versprach, die neue Armeepistole nahezu vollständig in der Schweiz zu produzieren. Und dies zu einem rekordverdächtig tiefen Preis. Ob das wie versprochen klappt, ist offen – und die Faktenlage dazu dünn.
«Die Arbeiten für die Anpassungen» laufen «gemäss Zeitplan», wie Armasuisse gegenüber watson erklärt, sodass deren Überprüfung im dritten Quartal stattfinden könne.
Die Sicherheitsbedenken bezüglich P320 bestehen weiter
Soldaten müssen sich im Kampfeinsatz blind auf ihre Waffe verlassen können. Wenn Armeeangehörige jedoch eine Pistole im Holster tragen, die potenziell losgehen kann, weicht das Vertrauen einer permanenten Anspannung.
Der Ursprung vieler Sicherheitsbedenken liegt in der Konstruktion der Schlagbolzen-Pistole: Sie ist nach dem Laden ein voll vorgespanntes System («Single Action Only»). Und sie besitzt keine physische Sicherungslasche am Abzugszüngel («Trigger Safety»). Im Gegensatz zu Glock-Pistolen.
In Kombination mit einem kurzen Abzugsweg erhöht sich bei der P320 das Risiko einer ungewollten Schussabgabe massiv – etwa wenn beim Einstecken ins Holster ein Handschuh oder anderer Fremdkörper in den Abzugsbügel gerät.
Das tiefe Abzugsgewicht und der nur schwach spürbare Rückstellweg des P320-Abzuges (Trigger-Reset) wurden von Armee-Testern als «schwer kontrollierbar» bemängelt. Unter Stress und Zeitdruck führte dies unweigerlich zu Bedienungsfehlern und einer verminderten Trefferquote.
Hinzu kommt, dass weiterhin offene Fragen bestehen wegen zahlreicher ungeklärter, ungewollter Schussabgaben. Die Ursache lässt sich nicht auf einen einfachen Defekt oder die Fehlkonstruktion eines einzelnen Waffenteils zurückführen. Sprich: Das Risiko ist schwer einzuschätzen.
Die Armasuisse-Fachleute und Armee-Tester haben die P320 wegen festgestellter Mängel und ihrer Komplexität durchfallen lassen. Wenn der Rüstungschef und die Politik die Warnungen der Praktiker ignorieren und das Waffensystem trotzdem durchdrücken, erzeugt das Misstrauen gegenüber der Führung. Dadurch wird suggeriert, dass die Fachexpertise und die Sicherheit in Bundesbern vernachlässigt werden, weil politische oder finanzielle Interessen überwiegen.
Das ist keine Werbung für die Armee. Im Gegenteil: Es könnten durch den Vertrauensverlust andere, wichtigere Rüstungsgeschäfte in Mitleidenschaft gezogen werden.
Die inländische Produktion ist kein Killerargument
Aus rüstungspolitischer, strategischer und wirtschaftlicher Sicht ist die starke Gewichtung einer inländischen Produktion bei einer Pistole ein Trugschluss. Bei komplexen Waffensystemen (wie etwa bei der Luftabwehr) kann das durchaus Sinn ergeben. Doch hier verkehrt es sich ins Gegenteil.
Wie Armeechef Benedikt Roos erklärte, ist die Pistole im modernen militärischen Konflikt eine reine Sekundär- oder Backup-Waffe. Sie dient vor allem dem Selbstschutz, ob bei Offizieren, Fahrzeug-Besatzungen oder Grenadieren.
Im Gegensatz zu Verschlüsselungstechnologien oder Drohnensystemen stellt eine Pistole kein strategisches Know-how dar, das die Schweiz zur Wahrung ihrer Souveränität zwingend im eigenen Land entwickeln oder fertigen muss.
Das Argument, man schaffe durch eine inländische Produktion Unabhängigkeit im Krisenfall, vermag bei einer Pistole nicht wirklich zu überzeugen. Das Herstellen von Waffenteilen bei Drittfirmen sowie der Zusammenbau bei SIG Sauer in Neuhausen SH bedeuten keine autarke Fertigung. Sollte die internationale Lieferkette unterbrochen werden, käme früher oder später die Produktion zum Erliegen.
Armasusisse will für die Schweizer Armee insgesamt rund 140'000 Pistolen beschaffen. Für einen globalen Rüstungskonzern wie SIG Sauer ist das eine überschaubare Menge. Die inländische Produktion bringt im Ernstfall keine strategische Unabhängigkeit, verteuert aber das Produkt durch kleine Stückzahlen und führt dazu, dass erkannte Schwächen zugunsten von Arbeitsplatzversprechen toleriert werden.
Wie geht es weiter?
Die Schweiz muss aufrüsten, weil in den vergangenen Jahrzehnten die Armee kaputtgespart wurde. Aufrüstung bedeutet das Schliessen von Fähigkeitslücken. Wenn bei der persönlichen Waffe das Signal gesendet wird, dass der tiefste Preis und nicht die grösste Zuverlässigkeit gewinnt, schadet dies dem Vertrauen in die Institutionen. Armasuisse und Armee argumentieren, dass sie moderne und verlässliche Mittel für die Landesverteidigung benötigen. Doch ausgerechnet beim einfachsten Produkt wird das vernachlässigt?
Der politische Entscheid für die P320, gegen den österreichischen Hersteller Glock, der als einziger Bewerber im Auswahlverfahren des Bundes die technischen Muss-Kriterien erfüllte, wäre ein verheerendes Signal: nämlich, dass die Sicherheit der Armeeangehörigen nicht die höchste Priorität hat.
Der Ruf nach einer Schweizer Pistole ist reine Symbolpolitik und direkte Unterstützung für die Schweizer Schwesterfirma eines US-Waffenherstellers. Eine Firma, wohlgemerkt, die gemäss den früheren Angaben ihres eigenen Geschäftsführers auf eine schwierige Situation zusteuerte.
Mit der P320 würde die Schweizer Armee ein Waffensystem erhalten, das nun in einem hastigen «Swiss Finish» nachträglich so hingebogen werden soll, dass es reicht.
Das Schweizer Parlament hat nicht nur das Armeebudget abzusegnen. Es entscheidet, ob Sicherheit, Zuverlässigkeit und taktische Effizienz dem Preis und der Symbolik einer inländischen Produktion untergeordnet werden. Und dies ausgerechnet bei einem Produkt, das ab Stange beschafft werden könnte. So, wie es Streitkräfte anderer Länder tun.
Unsere Soldaten und Soldatinnen müssen sich im Einsatz bedingungslos auf ihre Waffen verlassen können. Eine industriepolitische Kosten-Nutzen-Rechnung wie bei der P320 stellt hingegen ein inakzeptables Risiko dar.
Quellen
- tages-anzeiger.ch: Sie erhielt bei Tests die Note 1 – und soll dennoch die neue Armeepistole werden (13. Juni)
Die P320-Recherche
- Darum könnte die neue Schweizer Armeepistole zum Rohrkrepierer werden
- Die Pistole, die auf ihre Besitzer schiesst – die unfassbar lange Liste der P320-Vorfälle
- Recherche zur neuen Armeepistole P320 zeigt: Eigentlich sollte Glock zum Zug kommen
- watson-Recherche zeigt: So schlecht schnitt die neue Armeepistole in den Tests ab
- Armeepistole erfüllte die Muss-Kriterien nicht – dann schritt der Rüstungschef ein
- Wie aus der P320 eine treffsichere und zuverlässige Armeepistole werden soll
