Trump, Putin, Hitze sorgen für Preisschock – jetzt trifft es die Schweiz
Die Welt scheint deutlich volatiler und unsicherer zu sein als früher. So steht es im neuesten Risikobericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. «Negative Schocks sind häufiger und heftiger geworden – ein Zustand, der von Dauer sein dürfte.»
Jetzt zeigen neue Zahlen, dass die jüngsten Schocks auch die Schweiz stärker als bisher geglaubt treffen.
Die Konsumentenpreise steigen wieder: im August im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 Prozent, wie der Bund mitteilte. Das ist der stärkste Anstieg seit zwei Jahren. Für die typische Familie Müller wirkt sich der Teuerungsschub so aus, als würde ihr der Lohn um fast 1 Prozent gekürzt.
Und diese Inflation ist wie eine verkehrte Lotterie, bei welcher die Gewinner zu einer Geldstrafe verdonnert werden: Hat man Glück, setzt es gar keine Strafe; hat man Pech, eine happige.
Denn es ist nicht so, dass alle Preise ähnlich stark aufschlagen und es alle Konsumenten ähnlich trifft. Vielmehr gab es ein paar wenige, aber dafür sehr grosse Preisaufschläge – und zwar bei Benzin, Diesel und Heizöl.
Eine deutlich höhere Rechnung droht allen Haushalten, die mit Heizöl ihre Häuser wärmen. Beim Heizöl gab es mit einem Plus von 53,1 Prozent den mit Abstand grössten Preissprung.
Wenn man hingegen mit Gas wärmt oder kocht, bleibt man dieses Mal verschont. Die Gaspreise liegen durchschnittlich sogar um 3 Prozent tiefer als vor einem Jahr.
Pech hat, wer mit Benzin oder Diesel fährt. Benzin kostet 15,8 Prozent mehr, Diesel gar 23,3 Prozent mehr. Gemäss Zahlen des TCS zahlen Autofahrer heute für ihr «Bleifrei 95» genau 36 Rappen mehr pro Liter als zu Jahresanfang. Beim Diesel sind es sogar 48 Rappen mehr.
Hingegen ist man mit einem Elektroauto dieses Jahr bisher verschont geblieben: Der Strompreis ist zuletzt weiter gefallen.
Das grosse Glücksrad der Inflation dreht sich jedoch weiter. Denn die gleichen Akteure, die es bisher in Bewegung gehalten haben, wollen weiterhin nach ihrem Gusto die Welt umgestalten. Es könnte deshalb neue Verlierer geben oder Verlierer, die es noch härter als zuvor trifft.
Putins Krieg grösserer Preistreiber als Iran-Krieg
Wladimir Putins Versuch, sein russisches Reich auf die Ukraine auszuweiten, hatte im Jahr 2022 eine globale Energiekrise ausgelöst, ehe die Folgen nachliessen. Nun bewegt dieser Krieg wieder die Energiepreise.
Die Ukraine bombardiert seit Monaten regelmässig russische Raffinerien. Inzwischen sind die Schäden so gross, dass Russland jetzt Diesel importieren muss, statt wie zuvor zu den weltgrössten Exporteuren zu gehören. Das könnte laut Experten mehr dazu beigetragen haben, global den Dieselpreis ansteigen zu lassen, als der Krieg im Iran.
Dort hat US-Präsident Donald Trump erneut Raketen niedergehen lassen. Der Iran wiederum hat in der Region abermals Staaten beschossen, die mit den USA verbündet sind. Donald Trump sagt mittlerweile: «Es ist mir völlig egal, ob sie ein Abkommen unterzeichnen.»
Der Ölindustrie ist es nicht egal. Die Eskalation hat den Rohölpreis wieder in die Höhe gehen lassen. Zugleich ist der «Crack Spread» explodiert, also die Marge, die die verbliebenen Raffinerien erzielen. In Europa liegt sie inzwischen bei über 100 Dollar pro Fass, was es überhaupt noch nie gegeben hat.
In der Folge kann es an Tankstellen in aller Welt zu neuen Rekorden kommen. In den USA ist dies letzte Woche bereits geschehen. Der nationale Autoverband meldete den höchsten je verzeichneten Dieselpreis.
In die Inflations-Lotterie hineingezogen werden noch andere Haushalte. Wer mit Gas heizt oder kocht, hatte bislang Glück. Es kam nicht zu riesigen Preisausschlägen wie in der Energiekrise von 2022. Doch das muss nicht so bleiben.
Europas Gasvorräte sind gefährlich tief
Die Europäische Union geht mit so niedrigen Erdgasvorräten in den Winter, wie es sie in der 15 Jahre zurückgehenden Statistik bisher nicht gegeben hat. Experten warnen deshalb vor dem anstehenden Winter – zwar gilt ein Mangel an Gas als unwahrscheinlich, aber die Preise könnten deutlich steigen. Viel hängt davon ab, wie kalt es wird.
Ein Preisschub bahnt sich bei den Lebensmitteln an. Das liegt unter anderem am Iran-Krieg, wie Thomas Dvorak sagt, Ökonom bei Oxford Economics. Denn vor dem Krieg wurde durch die Strasse von Hormus nicht nur Erdöl transportiert, sondern auch Düngemittel. Unmengen. Ein Grossteil der weltweiten Exporte. Jetzt kommt wenig durch, weshalb Düngemittel deutlich teurer sind. Die Folge laut Dvorak: kleinere Ernten.
Noch schwerer wiegen laut Dvorak jedoch die Hitze und Trockenheit dieses Sommers. Geringere Ernten seien daher unvermeidlich für Getreide, Früchte und Gemüse – und deshalb auch höhere Preise.
In der Schweiz wird die Landwirtschaft voraussichtlich historische Ernteausfälle erleiden. So hat der Branchenverband Swisspatat diese Woche mitgeteilt, die Ernte sei um fast 20 Prozent geringer ausgefallen als in den Jahren von 2020 bis 2025 und damit «so tief wie noch nie».
Der Schweizer Bauernverband fordert höhere Preise, um die finanziellen Schäden aufzufangen. Verhandlungen laufen und haben einen Aufschlag von 2 Rappen pro Kilo ergeben, was laut Bauernverband «nirgendwo hinreicht.»
Schweizer Kartoffelernte so tief wie noch nie
Ähnliches dürfte noch aus vielen Branchen zu hören sein. Laut «groben Schätzungen» des Bauernverbands sind beim Frischobst etwa 5 Prozent der Ernte weggefallen, bei Zuckerrüben sind es 25 Prozent und bei Futter- und Körnermais sogar 30 beziehungsweise 50 Prozent.
Wie sich das letztlich in den Verkaufsregalen bemerkbar macht, muss sich zeigen. Aber es wird sich mit Sicherheit bemerkbar machen. Für die Kartoffeln zum Beispiel erwartet der Branchenverband, dass diese teurer werden und häufiger aus dem Ausland stammen. Immerhin: Ein Mangel an Kartoffeln oder gar eine Kartoffelkrise drohe aber nicht.
Insgesamt ist bei den Lebensmitteln mit einer Preiswende zu rechnen. Für die Eurozone etwa sagt Ökonom Dvorak, die Inflation bei Lebensmitteln sei zuletzt zwar recht milde gewesen. «Aber das wird sie nicht mehr lange sein. Im Gegenteil, sie wird sich 2027 erheblich beschleunigen.»
Die Weltwirtschaft habe sich überraschend widerstandsfähig gezeigt, schreiben die Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Trotz aller Kriege, Zölle und Hitzewellen. «Doch diese Widerstandsfähigkeit wird zunehmend auf die Probe gestellt und strapaziert.» (schweizheute.ch)

