Warum Krankheit immer eine politische Erzählung ist
«Krankheit ist keine Metapher», schrieb die Kulturkritikerin Susan Sontag 1978. Sie wandte sich nicht gegen die Berichterstattung über Krankheiten, sondern gegen die Erzählungen, die darin mitschwingen: Krebs als Kampf, der Kranke als Kämpfer, die Genesung als heroischer Sieg. Sontag hat recht: Diese Rhetorik macht aus einer medizinischen Tatsache eine moralische Prüfung. Wer gesund wird, hat gesiegt; wer es nicht schafft, droht als jemand zu erscheinen, der verloren hat.
Wie unterschiedlich solche Deutungen ausfallen, zeigt der Vergleich zwischen Papst Leo XIV. und Donald Trump. Im April nannte Trump den Papst «schwach bei der Verbrechensbekämpfung» und «katastrophal in der Aussenpolitik», nachdem Leo Trumps Migrationspolitik und den Krieg gegen Iran kritisiert hatte. Nun rückt eine andere Seite Leos in den Blick: Spätestens seit der Papst am vergangenen Sonntag öffentlich machte, dass ein Knoten in seiner Lunge operativ entfernt werden müsse, wird seine Offenheit in den Medien als Zeichen der Stärke gedeutet. Die Zeit titelte: «Papst Leo XIV.: Eine Botschaft der Stärke».
Der Körper als politisches Signal
Bei Trump dagegen wurden körperliche Auffälligkeiten jüngst zum Anlass, seine Leistungsfähigkeit infrage zu stellen: Im Juli berichtete «Der Spiegel», Trump habe erneut betont, gesundheitlich fit zu sein und mit einem bestandenen Demenz-Test geprahlt. Immer wieder werfen Blutergüsse an seiner Hand, geschwollene Knöchel und Momente, in denen ihm bei öffentlichen Terminen die Augen zufielen, Fragen nach seiner Fitness auf.
Trump erklärte Blutergüsse mit Händeschütteln und Aspirin; Beinschwellungen führte das Weisse Haus auf eine chronisch-venöse Insuffizienz zurück. Eine schwerere Erkrankung ist nicht belegt. Wie politisch heikel Gesundheitszweifel sind, zeigte auch Joe Biden: Nach seinem TV-Duell mit Trump gab er 2024 seine Kandidatur auf. 2025 machte er seine Krebsdiagnose öffentlich; Trump unterstellte ohne Belege, sie sei zuvor vertuscht worden. Bei einem Präsidenten, der Stärke demonstriert, wird Gesundheit zur politischen Botschaft – wenige Wochen vor den Midterms am 3. November, bei denen die Mehrheiten im Kongress auf dem Spiel stehen.
Leo geht anders vor. Am Sonntag machte er den Lungenknoten öffentlich, obwohl unklar war, ob er bösartig ist. Am Dienstag wurde der untere Lungenlappen entfernt; die Untersuchung bestätigte ein Karzinom. Am Mittwoch meldete der Vatikan eine «ruhige Nacht». Damit beugt Leo Spekulationen vor – ein Bruch mit früherer Zurückhaltung: Bei Johannes XXIII. verschwieg der Vatikan 1963 den Magenkrebs; kurz vor seinem Tod sprach er von einer Magenwucherung. So wirkt seine Verletzlichkeit nicht schwach, sondern menschlich. Sie schmälert seine Autorität nicht, sondern macht ihn sogar nahbarer.
Die Botschaft hinter der Stärke
Der Vergleich legt eine Gemeinsamkeit frei: Es zählt nicht nur, wie gesund jemand ist, sondern auch, wie «stark» jemand wirkt. Leo wird für seine Offenheit als stark gelesen, Trump betont demonstrativ seine Fitness und wirkt damit dem Eindruck von Schwäche entgegen. Stärke wird zum Massstab, an dem politische Figuren gemessen werden: Verletzlichkeit kann Ansehen kosten, demonstrative Härte Anerkennung bringen. Das prägt auch, was Wählerinnen und Wähler von ihren Führungspersonen erwarten. Denn wer will schon als Verlierer gelten?
Sontags vielzitierter Satz verlangt nicht, Krankheit aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Die Gesundheit eines Papstes oder eines Präsidenten darf Gegenstand öffentlicher Fragen sein. Problematisch wird es, wenn aus dem Umgang mit einer Krankheit ein Urteil über den Menschen wird. Wird Leos Offenheit zur «Botschaft der Stärke», entsteht daraus ein Ideal, dem andere Erkrankte gerecht werden sollen: Sie sollen kämpfen, tapfer bleiben und Zuversicht zeigen. Wer das nicht kann oder nicht gesund wird, erscheint dann schnell als jemand, der aufgegeben hat. So gilt auch Rückzug als Niederlage, selbst wenn es vernünftiger wäre, Verantwortung abzugeben und loszulassen. (schweizheute.ch)
