Ein «Super El Niño» wird immer wahrscheinlicher – das sagen die Wettermodelle
Seit dem 11. Juni 2026 sieht die Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA (NOAA) ein El-Niño-Ereignis als gegeben an. Die Wahrscheinlichkeit für ein aussergewöhnlich starkes El-Niño-Ereignis nimmt zudem ebenfalls zu. NOAA rechnet zu 81 Prozent damit, dass das Wetterphänomen zwischen Oktober und Dezember 2026 die Kategorie «sehr stark» erreichen wird. Ein solches Ereignis könnte zu den stärksten El Niños seit Beginn der NOAA-Vergleichsreihe im Jahr 1950 gehören.
El Niño soll sich laut NOAA bis Ende 2026 weiter verstärken. Und mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent werde das Phänomen bis ins Frühjahr 2027 anhalten. Die Behörde betont jedoch, dass selbst besonders starke El-Niño-Ereignisse nicht in allen Regionen dieselben Effekte auslösen. Wie es aktuell um den El Niño 2026 steht, was für einen Super El Niño spricht und wie die Auswirkungen eines allfälligen Super El Niño auf Europa wäre, erfährt ihr hier:
Wie ist die aktuelle Situation?
Messungen des International Research Institute for Climate and Society (IRI) zeigen eine deutliche Erwärmung des zentralen tropischen Pazifiks. Die Temperaturabweichung in der sogenannten Niño-3.4-Region stieg demnach von durchschnittlich 0,98 Grad zwischen April und Juni auf 1,55 Grad im Juni.
Der wöchentlich berechnete Wert erreichte Mitte Juli 2,1 Grad über dem Referenzwert. Unterhalb der Meeresoberfläche wurden in Teilen des zentralen und östlichen Pazifiks gar Abweichungen von bis zu sechs Grad gemessen.
Das warme Wasser unter der Oberfläche bildet ein grosses Wärmereservoir. Gelangt diese Wärme näher an die Oberfläche, kann sich der zentrale und östliche Pazifik weiter erwärmen. Die veränderte Luftdruck- und Niederschlagsverteilung kann daraufhin die Passatwinde zusätzlich schwächen, was zu einem noch stärkeren El Niño führen kann.
El Niño und La Niña
Das El-Niño-Phänomen ist quasi das Gegenstück zu La Niña. Beide beschreiben, vereinfacht gesagt, eine globale Klima-Ausprägung, die sich an gewissen Orten wesentlich auf das Wettergeschehen auswirken kann. Während El Niño ist das Wasser im östlichen tropischen Pazifik wärmer und das Wasser im westlichen tropischen Pazifik kühler als normalerweise. Ausserdem verändern sich dabei die grossflächigen Luftdruckverhältnisse und als Folge schwächen sich die Passatwinde ab. Die Folgen davon: Es kommt zu mehr Niederschlag als gewöhnlich im Westen Südamerikas, teils bis hinauf in die USA – und weniger Niederschlag, Trockenheit und Hitze in Süd- und Ostasien sowie in Australien.
Von El Niño spricht man konkret, wenn das Oberflächenwasser im zentralen Pazifik für drei aufeinanderfolgende Monate im Durchschnitt 0,5 Grad über dem langjährigen Mittel liegt. El Niño tritt in unregelmässigen Abständen von zwei bis sieben Jahren oder, je nach Definition, von durchschnittlich vier Jahren auf. Wie und warum genau das Ereignis zustande kommt, ist noch immer unklar.
Auch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) erwartet eine rasche Verstärkung. Ihr internationales Multi-Modell-Ensemble prognostiziert für die Monate Juli bis September einen saisonalen Mittelwert der Meeresoberflächentemperatur von ungefähr zwei Grad über dem Durchschnitt im tropischen Zentralpazifik. Die verschiedenen Modelle lägen dabei vergleichsweise eng beieinander, was laut WMO für eine hohe Sicherheit des grundlegenden Erwärmungstrends spreche.
Was bedeutet «Super-El-Niño»?
Der Begriff «Super-El-Niño» ist keine einheitlich festgelegte wissenschaftliche Kategorie. NOAA verwendet stattdessen Bezeichnungen wie «schwach», «moderat», «stark» und «sehr stark». Die Einordnung richtet sich nach den über drei Monate gemittelten Temperaturabweichungen in der Niño-3.4-Region im Pazifik.
NOAA spricht in der aktuellen Prognose von einem möglichen «sehr starken» El Niño. Ob das Ereignis tatsächlich einen Rekord erreicht, kann erst nach dem erwarteten Höhepunkt im Spätherbst oder Winter beurteilt werden. Eine IRI-Auswertung von 26 dynamischen und statistischen Modellen zeigt zwar eine breite Übereinstimmung über die weitere Verstärkung, zugleich weist sie auf die Unsicherheit der einzelnen Modellwerte hin.
Wie wirkt sich ein Super El Niño auf den Winter aus?
Deutlichste Auswirkungen in Nordamerika erwartet
Für Nordamerika sind die Auswirkungen von El Niño wissenschaftlich vergleichsweise gut dokumentiert. Nach Angaben des NOAA Climate Prediction Center verschiebt sich der winterliche Sturmzug – eine Route, auf der im Winter viele Tiefdruckgebiete und ihre Wetterfronten vorbeiziehen – während eines El Niño häufig weiter nach Süden. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit eines feuchteren und stürmischeren Winters in Kalifornien und im Süden der USA.
Im Norden der USA und in Teilen Kanadas treten während El-Niño-Wintern dagegen häufiger mildere und weniger stürmische Bedingungen auf. Dabei handelt es sich um typische saisonale Muster und nicht um Vorhersagen einzelner Stürme, Kältewellen oder Schneefälle.
Auch die Stärke eines El Niño erlaubt keine direkte Prognose für einzelne Regionen. NOAA hält fest, dass stärkere Ereignisse die Wahrscheinlichkeit typischer Auswirkungen erhöhen können, das tatsächliche Winterwetter aber weiterhin von zusätzlichen Einflüssen und der natürlichen Schwankung der Atmosphäre abhängt.
Prognose für Europa bleibt unsicher
Europa liegt weiter vom tropischen Pazifik entfernt und wird weniger direkt vom El Niño beeinflusst. Eine 2024 im Fachjournal Journal of Geophysical Research: Atmospheres veröffentlichte Studie zeigt zwar eine Verbindung zwischen starken El-Niño-Ereignissen, dem Nordpazifik, dem stratosphärischen Polarwirbel und der Wetterentwicklung über dem Nordatlantik und Europa.
Die Forschenden stellten jedoch auch deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Klimamodellen fest. Die Reaktion über Europa hänge zudem von weiteren atmosphärischen Einflüssen ab. Aus der prognostizierten Stärke des El Niño lässt sich deshalb derzeit keine belastbare Winterprognose für die Schweiz oder andere einzelne europäische Länder ableiten.
Warum kann der El Niño trotz seiner Wärme Kälteereignisse auslösen?
Während eines El-Niño-Ereignisses erwärmt sich zwar der tropische Ostpazifik, das Ereignis beeinflusst jedoch zugleich Luftströmungen und Wettermuster auf der ganzen Welt. Dadurch kann es je nach Region nicht nur zu Hitze und Starkregen, sondern auch zu ungewöhnlichen Kälteereignissen kommen.
Die Studie im «Journal of Geophysical Research: Atmospheres» zeigt, dass starke El-Niño-Ereignisse den stratosphärischen Polarwirbel im Mittel stärker beeinflussen können als ähnlich starke La-Niña-Ereignisse. In den untersuchten Modellen schwächten sich dabei insbesondere die westlichen Winde des Polarwirbels ab.
Der Polarwirbel
In der Folge kann sich ein mächtiger, im Normalfall abgeschlossener Kaltluftkörper bilden. Abgeschlossen wird die Luft nämlich durch einen starken Jetstream, den Polarjetstream. Wie sich nun das Wetter in den verschiedenen Breitengraden gestaltet, hängt massgeblich von der Stärke und der Richtung dieses Starkwindbands ab: Ist die Lage wie im Bild links, dann besteht eine starke Westwindströmung bei uns. Das bringt keine extrem tiefen Temperaturen zu uns, dafür gelegentlich Sturmtiefs, die sich im Atlantik aufgebaut haben. Mit anderen Worten: Eine solche Lage mit starkem Jetstream und «eingeklemmter» Kaltluft über dem Nordpol äussert sich bei uns in Form eines eher milden, dafür niederschlagsreichen Winters.
Beginnt umgekehrt der Polarjetstream instabil zu werden, können Teile des Kaltluftkörpers abgedrängt werden. Dabei gelangt besonders kalte Luft aus dem Norden bis weit in den Süden hinein. (lak)
Ein im saisonalen Mittel schwächerer Polarwirbel bedeutet jedoch nicht automatisch, dass er zusammenbricht oder eine plötzliche Stratosphärenerwärmung eintritt. Eine weitere Mehrmodellstudie deutet darauf hin, dass El Niño den Polarwirbel zwar anfälliger für Störungen machen kann. Ob eine starke Störung tatsächlich entsteht, hängt jedoch wesentlich von kurzfristigen Vorgängen in der Atmosphäre ab.
Ob es im Winter 2026/27 zu einer starken Störung kommt und ob mögliche Kaltluftvorstösse Europa oder Nordamerika erreichen würden, lässt sich deshalb auf Grundlage der aktuellen saisonalen Modelle nicht vorhersagen.
