Die Nacht soll zum Tag werden – US-Firma darf Weltraumspiegel testen
«Wir gestalten die Zukunft des Sonnenlichts» – mit diesen Worten wirbt das US-Start-up Reflect Orbital für sein Projekt. Das Unternehmen will mittels tausender Weltraumspiegel Sonnenlicht auf die Erde reflektieren und so grosse Flächen bei Dunkelheit ausleuchten können. Sonnenschein auf Knopfdruck quasi, die Nacht wird zum Tag, wann und wo Mensch das will.
Was nach Science-Fiction klingt, soll bereits in diesem Jahr mit ersten Testsatelliten erprobt werden. Nun hat das Projekt eine entscheidende Hürde für die Durchführung des Vorhabens genommen. Die US-Telekommunikationsbehörde FCC hat dem Unternehmen die Genehmigung erteilt, erste Testsateliten in die Erdumlaufbahn zu bringen, wie das deutsche Techmagazin Heise berichtet. Dies trotz erheblichen Widerstands von Umweltwissenschaftlerninnen und Umweltwissenschaftlern sowie Astronominnen und Astronomen.
Die ersten beiden Testsatelliten sollen eine Fläche von der Grösse eines Flughafens während rund fünf Minuten mit der Helligkeit einer Vollmondnacht beleuchten. Langfristig will das Unternehmen seine Technologie schrittweise ausbauen: Bis 2030 sollen Tausende Satelliten begrenzte Gebiete für mehrere Minuten taghell ausleuchten können. Fünf Jahre später will das kalifornische Unternehmen bereits über 50'000 Satelliten in der Erdumlaufbahn verfügen. Diese sollen Flächen über mehrere Stunden taghell erleuchten oder dauerhaft eine Lichtstärke vergleichbar mit Innenbeleuchtungen von Gebäuden erzeugen können.
«Sonnenlicht ist das neue Öl» – Technologie soll vielseitig einsetzbar sein
Das auf die Erde reflektierte Sonnenlicht will die Techfirma dann an Kundinnen und Kunden auf der ganzen Welt verkaufen. Dabei sieht der Gründer und CEO von Reflect Orbital, Ben Nowack, vor allem bei Solarunternehmen ein grosses Marktpotenzial. In einem früheren Post auf X schrieb er: «Wir glauben, dass Sonnenlicht das neue Öl ist und der Weltraum bereit ist, die Energieinfrastruktur zu unterstützen.»
Durch die Verlängerung der Sonneneinstrahlung soll gemäss Reflect Orbital die Energieproduktion von Solaranlagen auch nach Sonnenuntergang erhöht werden können. Die Firma stellt jedoch noch weitere Szenarien vor, in welchen die Technologie zukünftig zum Einsatz kommen soll. So könne der bis zu fünf Kilometer breite Lichtkegel in Zukunft beispielsweise in Katastrophengebieten zum Einsatz kommen, um Rettungsmassnahmen in der Nacht zu unterstützen. Weitere Anwendungsmöglichkeiten sieht die Firma in der Landwirtschaft, der Industrie und im militärischen Bereich.
Forschende warnen vor erheblichen Auswirkungen der Technologie
Die Pläne des US-Techunternehmens lassen bei einer Vielzahl an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sämtliche Alarmglocken läuten. So haben sich bereits 2025 über 1000 Forschende öffentlich gegen die Pläne ausgesprochen. Dabei verweisen diese darauf, dass die Spiegel-Satelliten astronomische Beobachtungen in Zukunft erschweren oder gar verunmöglichen könnten, da diese nur in der Nacht und bei Dunkelheit stattfinden können.
Ausserdem würden Hobby-Astronominnen und Astronomen Gefahr laufen, durch die Spiegel geblendet und so am Auge verletzt zu werden. Auch für Flugzeugpilotinnen und Piloten und Automobilisten bestünde die Gefahr, durch die Satelliten abgelenkt zu werden. Umweltschützerinnen und Umweltschützer warnen vor den negativen Auswirkungen der zusätzlichen Lichtverschmutzung auf nachtaktive Wildtiere und Insekten.
CEO Ben Nowack verweist hinsichtlich der Kritik darauf, dass das Unternehmen in der Lage sein werde, den Lichtkegel präzise zu steuern und so auf bestimmte Bereiche zu beschränken. In einem Beitrag der New York Times widerspricht Gaspar Bakos, Astronom an der Princeton University diesem Argument: «Licht wird zwangsläufig durch Partikel in der Luft gestreut, und das Leuchten des Strahls könnte den Nachthimmel auch mehrere Kilometer entfernt aufhellen.»
Behörde erklärt sich für nicht zuständig
Im Vorfeld der Entscheidung der US-Telekommunikationsbehörde FCC richtete die Amerikanische Astronomische Gesellschaft (AAS) einen Appell an die Behörde, der Technologie die Zulassung zu verweigern. Das Projekt würde langfristige Auswirkungen auf die eigene, staatlich finanzierte Forschung, die Ökologie sowie die menschliche Gesundheit haben. Das Projekt würde keinem öffentlichen Interesse dienen und zur Verschwendung von Steuergeld führen, wie die Fachgesellschaft in einem öffentlichen Brief an die Behörde schreibt.
Die FCC, die für den Betrieb kommerzieller Satelliten verantwortlich ist, ging jedoch nicht auf die Bedenken der Forschenden ein. Die Behörde bewilligte den ersten Testlauf mit zwei Satelliten, eine Ausweitung des Programms müsse jedoch nochmals gesondert geprüft werden.
Die Behörde verwies darauf, dass sie lediglich hinsichtlich der Nutzung von Funkfrequenzen und der Vermeidung von Weltraummüll ein Urteil gefällt habe. Welche möglichen Konsequenzen die Technologie für Menschen, Tiere und die Forschung mit sich bringe, falle nicht in den Zuständigkeitsbereich der Behörde, schreibt diese in ihrem Genehmigungsschreiben. (jul)
