Sogar Versuchsmäuse sind oft männlich – wie Frauen in der Medizin benachteiligt werden
Wenn ein Mann über Brustschmerzen klagt, denkt man an sein Herz. Wenn eine Frau dieselben Beschwerden schildert, sucht man oft nach anderen Erklärungen: Stress, Nervosität oder sogar Hysterie.
Auch Sir William Osler (1849–1919), von vielen als Vater der modernen Medizin verehrt, war überzeugt: Angina pectoris ist ein reines Männerleiden. In seinen Vorträgen untermauerte er sein Dogma mit Fallbeispielen:
Frau A, 22 Jahre alt, stammt aus einer ängstlichen Familie und war noch nie besonders stark.
«Diese Patienten sterben nicht», versicherte er dem Publikum. Diese Fehleinschätzung trug dazu bei, dass Frauen in der Herzmedizin lange übersehen und ihre Beschwerden weniger ernst genommen wurden.
Noch heute werden Herzerkrankungen bei Frauen unterschätzt, verkannt und als Angststörung fehldiagnostiziert, wie zahlreiche medizinische Publikationen bestätigen. Dabei sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen. Auch in der Schweiz fordern sie mehr Todesfälle als Krebserkrankungen.
Die medizinische Fachwelt spricht dabei vom sogenannten «Yentl-Syndrom» – benannt nach der Romanfigur Yentl, die sich als Mann verkleiden musste, um ernst genommen zu werden.
Das Beispiel ist nur die Spitze des Eisbergs. Ein Blick auf die blinden Flecken der Medizin:
Geschlecht beeinflusst Gesundheit
Der medizinische Prototyp war lange Zeit der Mann. Bis in die 1990er-Jahre waren Frauen in klinischen Studien häufig ausgeschlossen, unter anderem aus Sorge vor möglichen Risiken für ihr vermeintliches «Gebärpotenzial», wie ein Bericht der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) aus dem Jahr 1977 beschreibt.
Heute ist klar: Frauen funktionieren biologisch anders – bei Hormonen, Immunabwehr und der Wirkung von Medikamenten. Trotzdem ist die Forschung noch immer nicht ausgewogen: Ein grosser Teil der Forschungsgelder fliesst in Krankheiten, die häufiger Männer betreffen, wie etwa Hepatitis oder Aids. Seltener wird an Krankheiten geforscht, die vorwiegend bei Frauen auftreten, wie Endometriose oder Anorexie. Im Schnitt dauert es bis zu zehn Jahren , bis bei einer Frau Endometriose diagnostiziert wird. Dazwischen leiden Beziehungen, Karrieren sowie die körperliche und seelische Gesundheit.
Dass Frauen gesundheitlich benachteiligt sind, zeigt auch ein Bericht des Bundes. Darin heisst es: Obwohl die Schweiz über ein qualitativ hochstehendes Gesundheitssystem verfügt, gibt es doch geschlechtsspezifische Ungleichheiten und eine tendenziell männliche Perspektive in Forschung und Versorgung.
Die Sache mit der Maus
Der blinde Fleck beginnt schon im Labor. Jahrzehntelang wurde überwiegend an männlichen Versuchstieren und männlichen Zelllinien geforscht. Denn Forschende befürchteten, dass hormonelle Schwankungen bei weiblichen Mäusen die Ergebnisse verfälschen könnten. Studien zeigten, dass die Weibchen nicht variabler sind. Trotzdem dominierten in der Grundlagenforschung noch immer die männlichen Mäuse.
Neben Mäusen und Ratten – welche die meisten Versuchstiere ausmachen – betrifft dieses Ungleichgewicht auch grössere Versuchstiere wie Kaninchen, Meerschweinchen und Schweine.
In der Schweiz zeichnet sich allerdings ein positiver Wandel ab: Die Universität Zürich berichtet beispielsweise, dass über alle Forschungsgruppen hinweg ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Versuchstieren festgestellt wurde. In manchen Fachgebieten könne es vorkommen, dass ohne sachlichen Grund eine Geschlechtsgruppe bevorzugt verwendet werde – dies sei aber die Ausnahme.
Geschlechtsspezifische Dosierung
Es gibt keine universelle Einheitsdosis für Männer und Frauen. In der Medizin wird zunehmend berücksichtigt, dass Frauen aufgrund biologischer Unterschiede (Körpergewicht, Fett- und Wasseranteil, Leberstoffwechsel) Medikamente häufig anders verarbeiten.
Frauen und Männer bauen Medikamente oft unterschiedlich ab und verarbeiten sie anders im Körper. Frauen verfügen im Verhältnis zu ihrem Gewicht meist über mehr Körperfett, weniger Muskelmasse sowie einen geringeren Wasseranteil als Männer. Dadurch können bestimmte Medikamente länger im Körper verbleiben. Auch die Aufnahme kann sich unterscheiden, da die Verdauung bei Frauen häufig länger dauert.
Das erhöht das Risiko für Nebenwirkungen. Eine Auswertung der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigte im Jahr 2000: Bei acht von zehn Medikamenten, die vom Markt genommen wurden, traten die problematischen Nebenwirkungen vor allem bei Frauen auf.
Frauen erhalten seltener Schmerzmittel
Frauen erhalten in der Notaufnahme weniger Schmerzmittel als Männer. Dies geht aus einer Studie aus den USA und Israel hervor. Bei mehr als 21'000 Patientinnen und Patienten habe man untersucht, ob und wann sie in der Notaufnahme ein Schmerzmittel erhalten. Das Ergebnis zeigt, dass Frauen weniger häufig Schmerzmittel verschrieben wurden.
Konkret erhielten in der Notaufnahme 47 Prozent der Männer Schmerzmittel, bei den Frauen lag der Wert bei 38 Prozent. Es liegt also ein Gender Bias – eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern – vor. Das Forschungsteam geht davon aus, dass Männer vom Gesundheitspersonal ernster genommen werden, wenn sie sich über Schmerzen beklagen. Frauen würden – auch beim weiblichen Personal – als klagsamer gelten.
