Die SpaceX-Aktie taucht und taucht: Das sind die Gründe
Zu erklären, weshalb eine Aktie gerade steigt oder fällt, ist auch im Nachhinein nicht immer gleich einfach. Und beim Unternehmen, das mit dem grössten Börsengang trotz roter Zahlen Aufsehen erregt hatte, dem Konglomerat bestehend aus KI-Hoffnung und Raumfahrtswahnsinn, ist die Sache erst recht komplex.
Klar ist: Die Aktie von SpaceX hat einen turbulenten ersten Monat hinter sich. Soweit, so erwartbar für ein Unternehmen, das frisch an der Börse ist. Seit ihrem letzten Hoch Ende Juni bei 170 US-Dollar pro Stück ist die Aktie jedoch nur noch gefallen. Am gestrigen Dienstag schloss sie bei etwas über 136 Dollar.
Damit lag die SpaceX-Aktie noch knapp über dem Preis, zu dem das Unternehmen sie ursprünglich herausgab (135 US-Dollar pro Stück).
Dabei hat es für Elon Musk und alle, die früh in den Besitz von Aktien kamen, so gut begonnen: Nach dem ersten Börsentag schloss die Aktie bei rund 161 Dollar. Und in den Tagen danach stieg der Kurs gar noch weiter, phasenweise auf über 200 US-Dollar. SpaceX wurde somit bereits zum Ausgabepreis mit 1,77 Billionen Dollar bewertet, was Elon Musk aufgrund seiner Beteiligung zum ersten Billionär überhaupt machte.
Doch jetzt werden die kritischen Stimmen lauter, die glauben, dass es ebendiese astronomische Bewertung des Unternehmens ist, die zum Problem wird: Wie kann ein Unternehmen, das hohe Verluste schreibt, mehr Wert sein als etwa der Facebook-Konzern Meta? Zwar generierte das Unternehmen (bei gleichzeitig höheren Ausgaben) im letzten Jahr Einnahmen von 18 Milliarden US-Dollar. Musk versprach den Investorinnen und Anlegern längerfristig jedoch Einnahmen von einer Billion Dollar pro Jahr – also etwa das 55-Fache.
Die positiven Vorzeichen
Dass die SpaceX-Aktie so früh so viel verliert, kommt dabei trotz allem überraschend. Denn bereits vor dem Börsengang konnten gewiefte Beobachter erkennen, dass die Verantwortlichen bei SpaceX die folgenden Monate darauf auslegten, den Börsenkurs so gut wie möglich zu stützen.
So wurde veranlasst (wie genau, ist unklar), dass die Aktie viel früher als üblich in diverse Indizes, die gewisse Märkte als Ganzes abbilden sollen, aufgenommen wird – und zwar nach 15 Tagen statt nach einem Jahr. Dafür änderte die Nasdaq, die grösste vollelektronische Börse der Welt, an der SpaceX aufgenommen wurde, eigens ihre Regeln. Der S&P 500, neben Nasdaq-100 der zweite grosse US-Aktienindex, hatte Musk einen solchen «Fast Entry» noch verwehrt und dabei erklärt, er werde an seinen Fristen und Regeln festhalten. Die Aufnahme in einen Index generiert üblicherweise einen Nachfrageschub, da passive Indexfonds (ETFs) und andere indexgebundene Anlageprodukte verpflichtet sind, die Aktie im gleichen Verhältnis wie der Index zu kaufen.
Hinzu kam die spezielle Staffelung der Sperrfristen, bis zu denen ursprüngliche Aktionärinnen und frühe SpaceX-Investoren ihre Aktien nicht verkaufen dürfen (die sogenannte Lock-Up-Perioden, also Haltefristen). Normalerweise gilt für diese eine Haltefrist von exakt 180 Tagen. Danach dürfen sie ihre Aktien verkaufen und ihr frühes Investment monetarisieren. Am 181. Tag nach einem Börsengang sieht sich ein Unternehmen deshalb oft mit einem Abwärtsdruck auf seinen Aktienpreis konfrontiert, da viele, oft grosse Investoren ihre Aktie gleichzeitig verkaufen.
Bei SpaceX wurde vertraglich eine Staffelung festgelegt. So dürfen zum Beispiel 20 Prozent ihre Aktien schon nach den ersten Quartalszahlen verkaufen, also bereits drei Monate nach Börsengang. Weitere Tranchen hingegen folgen erst nach mehreren Monaten – unter Auflagen: So ist die Anzahl derer, die verkaufen dürfen, an den Aktienkurs gekoppelt. Nur wenn dieser über einer gewissen Schwelle bleibt, dürfen noch mehr Investoren ihre Aktien verkaufen. Eine solche Staffelung soll offensichtlich verhindern, dass die SpaceX-Aktie aufgrund des Ablaufs der Haltefrist unter Druck gerät.
Zu alldem kommt hinzu, dass man Musk vorwerfen kann, die Aktie künstlich knapp zu halten. Denn normalerweise bringt ein Unternehmen zwischen 10 und 30 Prozent seiner Aktien an die Börse – das entspricht dem sogenannten Free Float. Bei SpaceX sind es hingegen bloss vier Prozent.
Analysten-Meinungen gehen auseinander
Um es kurz zu machen: Die Zeichen, dass die SpaceX-Aktie ihre anfänglichen Höhen hält, standen gut. Und dann waren da noch die Analysten-Einschätzungen. Sie trafen letzte Woche ein, nach der 25 Tage andauernden «quiet period» – eine Art Sperrzeit für professionelle Analysten, in der Regel die grossen Banken, während der es diesen noch nicht erlaubt ist, sogenannte Kursziele für Aktien zu publizieren.
Kursziele sind zukunftsorientierte Prognosen darüber, welchen Wert eine Aktie innerhalb eines bestimmten Zeithorizonts – meist sind es 12 bis 18 Monate – haben wird. Sie helfen Anlegern dabei, Risiken einzuschätzen und zu beurteilen, ob eine Aktie über- oder unterbewertet ist.
Die Erwartungen der Wall Street sind noch immer riesig: Die allermeisten Banken und Analysten gehen davon aus, dass die SpaceX-Aktie in einem Jahr deutlich höher bewertet sein wird. Fast alle prognostizieren dem Konglomerat eine rosige Zukunft. So gab die Deutsche Bank ein Kursziel von 255 Dollar an und erklärte, das Unternehmen «beeinflusse den Lauf der Geschichte, um die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies zu machen». Die Bank of America schrieb zu ihrem Kursziel von 235 US-Dollar:
Auch die UBS ist der Meinung, SpaceX verfüge mit seinen wiederverwendbaren Raketen und der Starlink-Satellitenkonstellation über «einzigartige Vermögenswerte» und bewertete die Aktie mit einer Kaufempfehlung und einem 12-Monats-Kursziel von 210 US-Dollar.
Bemerkswert ist allerdings die grosse Streuung, wenn man auch unabhängige Analysten miteinbezieht – also solche, die im Gegensatz zu den ganz grossen Banken nicht am Börsengang beteiligt waren. Zuoberst steht dabei die US-Investmentbank Raymond James (Kursziel: 800 US-Dollar), weiter unten das Finanzanalyse- und Datenunternehmen CFRA (115 US-Dollar), und zuunterst bislang das Finanzinformations- und Analyseunternehmen Morningstar. Dieses glaubte bereits vor dem Börsengang an einen «fairen Preis» von gerade mal 63 US-Dollar pro Aktie.
Und gleichzeitig werden die Stimmen lauter, welche den Hype um das Unternehmen überaus skeptisch betrachten. Der bekannte Wallstreet-Investor Jeremy Grantham bezeichnete den SpaceX-Börsengang als den «verrücktesten der Menschheitsgeschichte» und würde eine Aktie höchstens «für 10 Cents» erwerben. Für Nobelpreisträger und Ökonom Paul Krugman ähnelt das Konglomerat einem «Schneeballsystem». Und ein CFRA-Analyst verglich die Aktie gegenüber BBC gar mit einem sogenannten «Meme-Stock», also einer Aktie, die eigentlich zwar wenig Wert hat, aber von glühenden Anhängern oder durch einen Hype oder schlicht durch lebhafte Online-Diskussionen hochgejubelt werden. (Bestes Beispiel für einen «Meme-Stock» ist die GameStop-Aktie. Mehr über «Meme-Stocks» erfährst du hier.)
Die Gründe hinter dem Rückgang
Nichts desto trotz liegt das durchschnittliche Analystenkursziel der Wallstreet-Grössen derzeit bei um die 240 US-Dollar. Auch das hätte die SpaceX-Aktie also hochziehen sollen. Passieren tut stattdessen seit Tagen das Gegenteil – die Aktie verliert kontinuierlich und droht damit für viele Kleinanleger, die erst später eingestiegen sind, zum Verlustgeschäft zu werden. Die Frage lautet angesichts der Vorzeichen daher erst recht: Warum?
Da ist zwar der Fakt, dass es Ende Juni bei den Tech-Aktien generell rumpelte. Doch SpaceX traf es stärker als viele andere, die sich in der Zwischenzeit auch wieder erholten.
Der Grund für den Sinkflug der Aktie liegt also tiefer. Beobachterinnen und diverse Medien glauben: Investoren beginnen zunehmend, die Diskrepanz zwischen der hohen Bewertung der Aktien und dem möglicherweise beschränkten Gewinnpotenzial der Geschäftsbereiche von SpaceX zu hinterfragen. Zur Erinnerung: Zurzeit «verbrennt» das Unternehmen täglich Unmengen an Geld, um im besten Fall seine Geschäftsbereiche in Zukunft profitabel zu gestalten. Von den drei Bereichen – Raumfahrt, Künstliche Intelligenz und Starlink – ist zurzeit nämlich lediglich der Internetanbieter Starlink profitabel.
Der Rest ist und bleibt eine riesige Wette auf die Zukunft: «Wenn SpaceX all das umsetzen kann, was es verspricht, dann sitzen die Investoren tatsächlich auf dem wertvollsten Unternehmen aller Zeiten», sagte ein Analyst gegenüber BBC. «Aber es muss noch sehr viel tun, um an einen solchen Punkt zu gelangen.»
Hinzu kamen aber noch zwei finanzielle Massnahmen kurz nach dem Börsengang, die Investorinnen und Anleger verunsichert haben dürften.
Einerseits kollidierte der Start des Sinkflugs der Aktie mit der Übernahme des KI-Startups Cursor respektive dessen «Mutter» Anysphere: Nur wenige Tage nach dem SpaceX-Börsengang kaufte der Konzern einen der am schnellsten wachsenden KI-Spezialisten für 60 Milliarden US-Dollar – allerdings im Rahmen einer reinen Aktientransaktion. BBC schreibt dazu: «Da die SpaceX-Aktie zu genau diesem Zeitpunkt so stark an Wert gewonnen hatte, hat Musk Cursor damit im Grunde genommen kostenlos erworben.»
Für Investoren war dieser Schritt – rein finanziell – aber keine gute Nachricht: Zur Finanzierung der Transaktion gab SpaceX statt Bargeld eine grosse Menge neuer Aktien aus, wodurch sich die Gesamtzahl der im Umlauf befindlichen Aktien erhöhte und der Anteil der bestehenden Investoren am Unternehmen sank. Laut Forbes führte das zu einer Verwässerung der ursprünglichen Aktien um knapp 4 Prozent.
Kurze Zeit später passierte aber noch etwas anderes: Ende Juni gab SpaceX, um sich frisches Kapital zu verschaffen, neue Anleihen im Wert von 25 Milliarden Dollar (!) aus. Dieser Schritt kam so kurz nach dem Börsengang für viele überraschend, schliesslich brachte dieser ja gerade eine riesige Menge an frischem Kapital ein.
Ebenfalls überraschend war, dass die Ratingagenturen diese Anleihen mit dem niedrigstmöglichen Investment-Grade-Rating einstuften. Das bedeutete, dass das Unternehmen zwar als rentabel eingestuft wurde, aber ein deutlich höheres Risiko darstellt als seine Konkurrenten, beispielsweise als Alphabet. Der Wert der Anleihen, die am Markt gehandelt werden, brach umgehend ein. Gegenüber Bloomberg sagten Wallstreet-Händler, sie könnten sich an keine andere Transaktion erinnern, bei der die Kurse so schnell gefallen seien.
Dieser Umstand dürfte deshalb Signalwirkung gehabt haben, weil Investorinnen in Schulden als vorsichtiger und erfahrener gelten als Investoren in Aktien. Sie seien diejenigen, so schreibt es die New York Times, «die verstehen, dass Gewinne tatsächlich erst einmal erwirtschaftet werden müssen, und die den grossspurigen Ankündigungen von Herrn Musk zu Recht skeptisch gegenüberstehen».
Fazit: Optimisten gegen Pessimisten
Wie, also, geht es jetzt weiter mit der SpaceX-Aktie? Selten war es so schwierig, eine Vorhersage zu treffen. Das gilt umso mehr in einer Zeit zu der die Börsen, getrieben von KI-Euphorie, verrückt nach Tech-Aktien scheinen – und gleichzeitig niemand weiss, wohin das alles noch führen wird. Die Wallstreet-Banken halten nach wie vor an ihren hohen Kurszielen und der Kaufempfehlung für die SpaceX-Aktie fest. Gleichzeitig liegen die «Argumente», welche den Kurs stützen sollen – die Knapphaltung der Aktien, die Aufnahme in die Aktienindizes, die Nachricht über die schrittweise Aufhebung der Lock-Up-Periode – in der Vergangenheit.
Sowieso dürfte das Teil der Erklärung für den Aktienkurs sein. Viele Dinge wurden wohl von den Investorinnen und Investoren bereits eingepreist. Der Preis der Aktie widerspiegelte positive News wie die Aufnahme in einen Aktienindex bereits bevor diese überhaupt geschahen. Negative Nachrichten hingegen konnten nicht vorhergesehen werden.
Laut BBC lag der Fokus von Investoren in SpaceX-Aktien vor dem Börsengang zudem lange auf Künstlicher Intelligenz. Es sei das erste Mal gewesen, «dass die Menschen das Gefühl hatten, in etwas investieren zu können, das als KI-Investment vermarktet wurde», so ein Analyst gegenüber BBC. Da nun offenbar immer mehr in Fokus rücke, wie SpaceX derzeit Geld verdient – in erster Linie (noch) mit Starlink – seien die Aktien des Unternehmens auch deshalb ins Rutschen geraten, meint BBC.
Es zeigt sich also, wie so oft, dass der Aktienkurs eines Unternehmens von x-verschiedenen Faktoren getrieben wird. Die langfristige Geschichte, allerdings, bleibt bei SpaceX dieselbe: Entweder man glaubt an den ganz grossen Wurf und daran, dass SpaceX und Elon Musk seine Versprechen halten, sich gegen die starke Konkurrenz durchsetzen und die Welt mit ihren Produkten nachhaltig verändern können. Oder man glaubt eben nicht daran.
Vorerst, so die NYT, existieren «diese beiden gegensätzlichen Vorstellungen nebeneinander». Und «Forbes» meint: Die einzige begründete Hoffnung für die SpaceX-Optimisten bestehe darin, dass das Unternehmen durchweg besser als erwartete Ergebnisse vorlege – beispielsweise einen klaren und überzeugenden Weg zur Rentabilität in seinen verlustreichen Geschäftsbereichen «Launch» (also der Raumfahrt) und «KI».
Zumindest ein kleiner Anhaltspunkt, der von Investorinnen und Anlegern mit Spannung erwartet wird, bietet der erste Quartalsbericht des Unternehmens seit seinem Börsengang. Wie immer, nimmt SpaceX auch hier einen unüblichen Weg: Es gab bislang kein Datum bekannt. Erwartet wird der Bericht von Medien und Analysten irgendwann zwischen Anfang und Mitte August.
