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Ökologe zum verfrühten Herbsteinbruch: «Das ist nicht normal»

Zwei Personen gehen entlang eines Waldweges durch einen herbstlich verfaerbten Wald, aufgenommen mit einer Drohne am Sonntag, 27. November 2022 in Zuerich. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Ein herbstlich verfärbter Wald bei Zürich.Bild: keystone
Interview

«Die braunen Blätter, die man jetzt sieht, sind nicht normal»

Auffallend viele Blätter im Wald sind bereits verwelkt. Ökologe Constantin Zohner erklärt, warum das so ist, und sagt, ob der Wald in Zukunft anders aussehen wird.
03.09.2023, 17:0603.09.2023, 18:22
Corsin Manser
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Täuscht der Eindruck, oder sind die Blätter im Wald früher braun als sonst?
Constantin Zohner: Der Wald sieht tatsächlich anders aus als sonst. Wir erleben ein ausserordentliches Jahr. So früh verfärben sich die Blätter üblicherweise nicht. Etwas fällt dieses Jahr besonders auf.

Das wäre?
Die braunen Blätter, die man jetzt sieht, sind nicht normal. Normalerweise gibt es einen Übergang von grün zu gelb und möglicherweise rot – die schönen Herbstfärbungen. Doch das sehen wir momentan gar nicht. Dieses Jahr sind die Blätter direkt braun geworden und verwelkt.

Sind bestimmte Bäume oder alle Laubbäume betroffen?
Es scheint, als wären viele Bäume betroffen, aber nur einzelne Arten. Genaue Daten dazu haben wir jedoch noch nicht. Die Situation dürfte von Wald zu Wald anders sein. Dies hebt die wichtige Rolle des Mischwaldes hervor. Hätten wir Monokulturen, könnte der ganze Wald vom Trockensterben betroffen sein.

Constantin Zohner.
Constantin Zohner.Bild: zVg
Zur Person
Constantin Zohner ist Ökologe im Crowther Lab an der ETH Zürich. Er erforscht terrestrische Ökosysteme, um die Zusammenhänge zwischen Biodiversität und Klimawandel zu verstehen. Seine Arbeit trägt dazu bei, die biologische Vielfalt der Erde zu schützen und wiederherzustellen und die Klimakrise aufzuhalten.

Warum verwelken die Blätter dieses Jahr so früh?
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle.

Mitte August war es in der Schweiz sehr heiss.
Ja, und zuvor war es einige Zeit sehr kühl. Der Umschwung von feuchtem Wetter mit niedrigen Temperaturen zu extremer Hitze und Trockenheit ist sicher ein Faktor, weshalb die Blätter jetzt schon verwelken. Weiter dürften die hohe Lichtintensität und die Ozonwerte eine Rolle gespielt haben.

Haben Borkenkäfer und andere Schädlinge auch etwas mit dem Verwelken der Blätter zu tun?
Hohe Ozonbelastung, Umweltverschmutzung, Hitze, Dürre – das sind alles Faktoren, die zu vermehrtem Stress bei den Bäumen führen. Dieser Stress, der durch den Klimawandel bedingt ist, führt dazu, dass die Bäume anfälliger für Krankheiten werden. Deswegen beobachtet man auch immer häufiger Borkenkäferbefall in unseren Wäldern.

Wann verfärben sich die Blätter normalerweise?
Ende September.

Das ist erst in einigen Wochen.
Ja, wir sind viel zu früh dran. Ende September sind die Wälder normalerweise noch ziemlich grün. Der stärkste Abfall an grüner Farbe und der Übergang zu gelb findet hauptsächlich im Oktober statt.

Herbst, Bäume mit gelb-rot verfärbten Blättern, Herbstlaub (Symbolbild)
Im Normalfall färben sich die Blätter erst Ende September.Bild: Shutterstock

Was sind die Folgen des verfrühten Blattfalls?
Die Wälder können dadurch weniger CO2 aus der Luft aufnehmen. Und wenn ein Baum über Jahre einen Stressschaden hat, ist es möglich, dass er abstirbt. Es wird grosse Folgen für das Ökosystem nach sich ziehen, wenn der Wald weniger produktiv und anfälliger für Krankheiten ist. Vögel und Insekten, die von den Bäumen leben, werden die Folgen ebenfalls spüren.

Müssen wir uns daran gewöhnen, dass unsere Wälder in Zukunft schon im August braun werden?
Das ist eine interessante Frage, denn die Antwort darauf ist gar nicht so einfach.

Erläutern Sie!
Früher ist man davon ausgegangen, dass der Klimawandel den Blattfall nach hinten verschieben wird. Denn Pflanzen brauchen einen Kältereiz, um das Chlorophyll abzubauen. Wenn es im Herbst also länger warm ist, kann dies dazu führen, dass die Bäume länger grün sind. Wie sich jetzt aber herausgestellt hat, gibt es Faktoren, die einer längeren Wachstumsphase entgegenwirken.

Zum Beispiel die Trockenheit und UV-Strahlung, die Sie vorhin erwähnt haben.
Genau. Aber nicht nur. Eine wichtige Rolle spielt auch die Aktivität der Pflanzen im Frühling. Wenn sie schon früh im Jahr aktiv werden, werden sie früher müde. Über die letzten 60 Jahre konnten wir beobachten, dass sich der Austrieb der Pflanzen im Frühling um zwei Wochen nach vorne verschoben hat. Dies führt dazu, dass sie im Herbst etwas früher mit dem Wachsen aufhören. Das Zusammenspiel all dieser Faktoren führt dazu, dass wir im Herbst keine grossen Veränderungen sehen. Allerdings gibt es immer häufiger Extremjahre – wie jetzt –, bei denen der Blattfall früher als gewöhnlich einsetzt. Die Stressjahre werden in der Tendenz zunehmen.

Gibt es Sofortmassnahmen, um die Bäume zu schützen?
Die wichtigste Massnahme ist, den Mischwald zu stärken. Wenn eine Baumart extreme Probleme hat, ist es für den Wald insgesamt besser zu verkraften, wenn er vielfältig aufgestellt ist. Je diverser ein Wald ist, desto widerstandsfähiger ist er.

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Video: watson/lucas zollinger
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76 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Schlaf
03.09.2023 17:28registriert Oktober 2019
Sehen wir bei uns im Garten auch gut. Es liegt schon ordentlich Laub auf der Wiese, alles dürre Blätter.

Die Wälder können weniger CO2 aufnehmen, die Meere nehmen weniger CO2 auf wegen der Wärme.
Der auftauende Permafrost setzt viel CO2 und co. frei, die abschmelzenden Polkappen reflektieren weniger Licht und und und.

So viele offensichtliche Anzeichen, dass da etwas nicht mehr so ist, wie es sein sollte. Und die Ignoranten schlürfen weiter ihr Süppchen und versuchen es nicht einmal im Ansatz zu sehen und verstehen.
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füdlibrötli
03.09.2023 17:51registriert Dezember 2021
…ist mir alles auch aufgefallen! Danke für dieses interview.
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what_else?
03.09.2023 18:06registriert April 2020
Ja ist dieses Jahr auffällig. Habe im Bündnerland (Unterland), bei Luzern ind bei uns im Baselbiet etwa 5-10 % Laubbäume mit welken Blättern seit August gesehen. Das ist nicht Herbstlaub, sondern Welken wg Hitze/Stress.
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