Das Mpox-Virus breitet sich in Afrika aus. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?
Jan Fehr: Es ist wichtig, dass die WHO den weltweiten Notstand ausgerufen hat. Das Mpox-Virus ist seit dem Ausbruch 2022 als solches nie verschwunden, sondern konnte sich – von der globalen Öffentlichkeit unbemerkt – weiterentwickeln zu einer neuen Variante, der sogenannten Klade Ib. Als Erstes müssen nun Hilfe bei Krankheitserfassung, Diagnostik, Impfstoffe und Therapie die betroffenen Länder erreichen. Für die Länder im globalen Norden ist es wichtig, dass sie Systeme etabliert haben, um mögliche Fälle frühzeitig identifizieren zu können. Allerdings besteht momentan bei uns kein Grund zur Panik. Das möchte ich betonen.
Detaillierte Studien gibt es zur neuen Variante des Mpox-Virus Klade Ib noch nicht. Wie gefährlich schätzen Sie diese ein?
Wir wissen erst wenig dazu. Offenbar haben sich auch Kinder angesteckt, der Ausbruch betrifft eine breitere Bevölkerung. Das unterscheidet sich stark von der Situation 2022, als vor allem Männer betroffen waren, die Sex mit Männern hatten. Die neue Klade scheint leichter übertragbar zu sein. Über mögliche Komplikationen und über die Tragweite bezüglich der Sterblichkeit wissen wir aber noch zu wenig, um belastbare Aussagen machen zu können.
In den betroffenen Ländern fehlt es an Impfdosen. Ist es unter diesen Umständen möglich, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen?
Wir kennen das tatsächliche Ausmass des Ausbruchs nicht. Was wir derzeit realisieren, ist wahrscheinlich bloss die Spitze des Eisbergs in den Ländern der Subsahara. Ob wir die Situation in den Griff bekommen, hängt nicht nur mit der tatsächlichen Verbreitung des Virus zusammen, sondern auch damit, wie viele Ressourcen mobilisiert werden können. Deshalb muss jetzt mit Hochdruck daran gearbeitet werden, genügend Impfstoffe und andere Hilfsmittel in die betroffenen Regionen zu schicken.
Wirkt die Impfung auch bei der neuen Variante?
Ja, davon gehen wir zumindest aus. Wir müssen aber hierbei noch besser verstehen, wie gut die Wirksamkeit im Detail ist.
Sind die Symptome bei der neuen Variante dieselben wie beim Mpox-Ausbruch vor zwei Jahren?
Insgesamt werden ähnliche Symptome beobachtet. Das sind vor allem Fieber und ein pockenähnlicher Ausschlag. Es gilt nun herauszufinden, was genau bei einer Ansteckung passiert, wer am meisten betroffen ist und ob bei der neuen Variante asymptomatische Personen ansteckend sind. Nach dem Ausbruch von Mpox 2022 konnten wir mit eigenen Studien in der Schweiz nachweisen, dass dies vorgekommen war. Menschen, die keine Symptome hatten, trugen damals vereinzelt auch zur Verbreitung des Virus bei.
Wie kann man sich schützen?
Mit den üblichen Hygieneregeln. Für eine Mpox-Infektion muss in der Regel ein direkter Körperkontakt stattfinden. Deshalb ist es wichtig, sich regelmässig die Hände zu waschen oder zu desinfizieren – so wie wir dies aus der Covid-Pandemie kennen. Ich möchte nochmals betonen: Es gibt keinen Grund zur Panik. Auch wer eine Reise plant, muss diese nach aktuellem Wissensstand nicht absagen. Es gibt keine Hinweise, dass Grenzen geschlossen werden wie bei Corona. Auch in afrikanische Länder kann eingereist werden. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Reisende, die etwa auf eine Safari gehen, gefährdet wären.
Wie gross ist die Gefahr, dass sich das Mpox-Virus in der Schweiz verbreitet?
Wir leben in einer globalen Welt mit einer ausgebauten globalen Mobilität. Dass die neue Variante von Mpox in der Schweiz auftritt, ist durchaus möglich. Auch 2022 hat das Virus die Schweiz erreicht. Deshalb braucht es Systeme, um die Fälle richtig diagnostizieren und behandeln zu können. Konkret heisst das: Wenn ein Arzt einen Patienten mit Fiebern und Pusteln hat, sollte er an Mpox denken und Proben der Bläschen an ein virologisches Labor schicken. Dieses muss die Proben sequenzieren. Auch wenn Mpox in der Schweiz länger kein Thema mehr war, hatten wir in der Schweiz immer wieder einige wenige Fälle - gerade noch in den vergangenen zwei bis drei Wochen. Wir müssen in Bezug auf Viren und Infektionskrankheiten endlich lernen, global zu denken und eine globale Verantwortung zu übernehmen. Bislang schrecken wir nur dann auf, wenn die WHO den Notstand ausruft. Solche Infektionskrankheiten dürfen uns nicht nur dann interessieren, wenn sie zu uns kommen könnten.
Wie ist die Schweiz heute auf einen möglichen Ausbruch vorbereitet?
Das lässt sich nicht abschliessend sagen. Grundsätzlich verfügen wir aber über einen Impfstoff, von welchem wir ausgehen, dass dieser recht gut funktioniert. Wir befinden uns also in einer deutlich besseren Situation als noch vor zwei Jahren. Das aktuell verfügbare antivirale Medikament, Tecovirimat, welches bislang bei der Clade II gut funktioniert, scheint jedoch bei der Clade I nicht denselben positiven Effekt zu haben. Diese Hinweise geben ganz neue Daten, welche am Donnerstag verfügbar wurden. Damit die Lage unter Kontrolle bleibt, müssen alle wachsam sein. Ärztinnen und Ärzte, aber auch Menschen, die plötzlich komische Pusteln auf ihrer Haut feststellen.
Wer soll sich impfen lassen?
Für die Allgemeinbevölkerung und auch für Reisende gibt es keine Impfempfehlung. Daran ändert bislang die neue Klade nichts. Einzig Gesundheitsfachleute und Mitarbeitende in den Laboren sollten sich impfen lassen, falls sie dies nicht bereits vor zwei Jahren gemacht haben.