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Das erscheint uns intuitiv als richtig, und die Wissenschaft bestätigt es: Flirtversuche haben bei Sonnenschein mehr Erfolg.
Das erscheint uns intuitiv als richtig, und die Wissenschaft bestätigt es: Flirtversuche haben bei Sonnenschein mehr Erfolg.Bild: Shutterstock

Bei Sonnenschein versprechen Flirts mehr Erfolg – und 16 weitere Studien zum Wetter

23.01.2022, 16:2724.01.2022, 09:01

Das Wetter – kaum ein anderes Thema bietet mehr unverfänglichen Gesprächsstoff. Es betrifft uns alle, hat aber die existentielle Bedeutung weitgehend verloren, die es einst für eine bäuerliche Gesellschaft hatte. Doch nach wie vor übt das meteorologische Geschehen einen grossen Einfluss auf unser Verhalten und unsere Befindlichkeit aus – Sonnenschein macht in der Regel gute Laune, während trübe, nasskalte Tage wie ein bleierner Deckel auf unser Gemüt drücken können.

Das Wetter beeinflusst allerdings mehr als nur unsere Laune. Schon um 400 v. Chr. machte sich der griechische Arzt Hippokrates Gedanken über den Einfluss des Wetters auf die menschliche Gesundheit. Und heute gibt es eine Vielzahl von Studien, die sich mit den Auswirkungen des Wetters auf höchst unterschiedliche Bereiche befassen. Bevor wir aber ein Auge darauf werfen, gilt es zuerst die Frage zu klären, wie Wetterphänomene überhaupt auf uns wirken.

So wirkt Licht auf den Körper

Zunächst bestimmt das Wetter ganz trivial unser Verhalten: Wir gehen weniger nach draussen, wenn es regnet, stürmt oder schneit, aber auch, wenn es sehr heiss ist; wir müssen uns bei Kälte und Nässe entsprechend kleiden und ausrüsten. Solche Dinge beeinflussen den Alltag stark.

Daneben beeinflussen die meteorologischen Verhältnisse – genauer gesagt, die Lichtverhältnisse – aber auch unseren Körper massiv. Wir halten zwar keinen Winterschlaf wie bestimmte Tierarten, doch unsere innere Uhr – vornehmlich der Schlaf-Wach-Rhythmus – wird massgeblich von der Lichtmenge beeinflusst, der wir ausgesetzt sind. Für das sogenannte circadianische System, das diese innere Uhr steuert, ist Licht der wichtigste Zeitgeber. Helles Licht wirkt über die Augen auf die Zirbeldrüse, was diese dazu veranlasst, die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zu drosseln.

Das Schlafhormon Melatonin wird in der Zirbeldrüse gebildet. Helles Licht veranlasst die Zirbeldrüse, die Melatonin-Produktion zu drosseln.
Das Schlafhormon Melatonin wird in der Zirbeldrüse gebildet. Helles Licht veranlasst die Zirbeldrüse, die Melatonin-Produktion zu drosseln.Bild: Shutterstock

Während der Nacht werden hingegen grosse Mengen an Melatonin ausgeschüttet. Wenn es im Winter früher dunkel wird, bleibt der Melatoninspiegel auch tagsüber erhöht. Da Melatonin müde machen und die Stimmung drücken kann, fühlen wir uns deshalb manchmal schlapp und niedergeschlagen. Dies kann jedoch auch am Serotoninspiegel liegen, denn dieses Hormon reguliert unter anderem auch unsere Gemütsverfassung. Der Serotoninspiegel wird ebenfalls von der Menge des natürlichen Lichts beeinflusst, so dass er im Sommer tendenziell höher ist.

Bestimmte Lebensmittel stimulieren den Serotonin-Spiegel im Körper. Auch natürliches Licht beeinflusst ihn.
Bestimmte Lebensmittel stimulieren den Serotonin-Spiegel im Körper. Auch natürliches Licht beeinflusst ihn. Bild: Shutterstock

Neben den Botenstoffen Melatonin und Serotonin spielt auch das Vitamin D3 eine wichtige Rolle. Unser Körper kann es nur produzieren, wenn genügend UV-Licht auf die Haut fällt, andernfalls muss das lebenswichtige Vitamin über Präparate zugeführt werden. Vitamin-D3-Mangel führt zu einer ganzen Reihe von zum Teil ernsten Symptomen, kann aber auch zu Müdigkeit und Niedergeschlagenheit führen. Möglicherweise verstärkt er auch Winterdepressionen.

Besonders die Lichtverhältnisse üben also einen entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten aus und beeinflussen auch unser Befinden. Das Wetter hat gemäss manchen Studien aber auch weitere Auswirkungen auf uns – individuell und gesellschaftlich. Eine Übersicht.

Bei schlechtem Wetter sind wir produktiver

Viele Leute sind der Meinung, sie seien bei gutem Wetter produktiver. Vermutlich gehen sie davon aus, dass sie bei schlechtem Wetter weniger gut gelaunt und deshalb weniger leistungsfähig sind. Diesem subjektiven Befund widersprechen allerdings vier zusammenhängende Studien, die von Wissenschaftlern der Harvard Business School durchgeführt und 2012 veröffentlicht wurden.

Die erste Studie erfasste während zweieinhalb Jahren die Produktivität von rund 100 Angestellten in einer japanischen Bank. Sie ergab eine Korrelation zwischen Tagen mit Niederschlag und Produktivität: Diese war an Regentagen höher. Allerdings wurde nur die Quantität, nicht aber die Qualität der Produktion untersucht. Deshalb wurde eine zweite Studie in den USA durchgeführt, in der die Probanden einen Text mit Tippfehlern korrigieren und einen Fragebogen zu ihrer Gemütslage ausfüllen mussten. Auch hier zeigte sich ein Zusammenhang zwischen schlechtem Wetter und erhöhter Produktivität.

Um ihre Vermutung zu testen, dass die Probanden bei schönem Wetter eher durch Gedanken an mögliche Aktivitäten im Freien abgelenkt sein könnten, führten die Forscher eine dritte Studie durch. Hier musste eine Gruppe der Testpersonen sich vorstellen, es regne, während die andere Gruppe an schönes Wetter denken sollte. Danach mussten alle Testpersonen so viele Freizeitaktivitäten wie möglich aufzählen und diese nach Attraktivität beurteilen. Jene Teilnehmer, die sich schönes Wetter vorgestellt hatten, nannten mehr Aktivitäten im Freien als die anderen, und sie beurteilten diese auch positiver. Offenbar, so schlossen die Forscher, erhöht gutes Wetter die Attraktivität von Aktivitäten im Freien.

Schlechtes Wetter korreliert mit höherer Produktivität.
Schlechtes Wetter korreliert mit höherer Produktivität. Illustration: Shutterstock

Ein vierter Test sollte nun ermitteln, ob diese erhöhte Attraktivität von Aktivitäten im Freien die Probanden ablenkt und dadurch zu verringerter Produktivität führt. In einer Laborstudie mussten die Testpersonen Aufgaben lösen – sowohl bei gutem wie bei schlechtem Wetter. Zuvor sprachen die Forscher mit einem Teil der Teilnehmer über Aktivitäten im Freien, mit den anderen über alltägliche Dinge. In der Tat waren jene Probanden im Schnitt besser, die ihre Aufgaben an einem Regentag lösten – aber nur dann, wenn sie nicht zuvor über Aktivitäten im Freien gesprochen hatten. Die verringerte Produktivität bei schönem Wetter hing also tatsächlich damit zusammen, dass die Testpersonen sich dadurch eher ablenken liessen.

Sonnenschein fördert die Kreativität

Schönes Wetter mag dann nicht förderlich sein für die Produktivität – aber es scheint die Kreativität zu beflügeln. Dies lässt zumindest eine Studie des niederländischen Psychologen Evert Van de Vliert vermuten. Er verwendete Indikatoren wie die Anzahl der Patentanmeldungen oder der Nobelpreisträger pro Kopf, um den Faktoren auf die Spur zu kommen, die Kreativität begünstigen. Es zeigte sich, dass Nobelpreisträger, Technik-Pioniere und innovative Unternehmer auf dem Globus nicht gleichmässig verteilt sind – es ist eine Häufung in Gegenden zu beobachten, die zum einen näher am Pol und zum anderen nah am Äquator liegen. Nun könnte man argumentieren, dass diese ungleichmässige Verteilung lediglich die globale Verteilung von Reichtum und Armut widerspiegelt, doch Van der Vliert rechnete diesen wichtigen Faktor mittels statistischer Verfahren heraus. Auch nach der Bereinigung der Variablen blieb eine Ungleichheit bestehen, und der Forscher führt sie auf das Klima zurück.

Warum gibt es in Pol- und Äquatornähe mehr Nobelpreisträger?
Warum gibt es in Pol- und Äquatornähe mehr Nobelpreisträger?Bild: sda

Van der Vliert spekuliert, dass Klima-Extreme die Kreativität fördern – aber nur dann, wenn die Gesellschaft über genügend Ressourcen verfügt, um Forschung und Innovationen zu fördern. Während Kälte und Hitze Kreativität in wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen fördern, hemmen sie diese in ärmeren Gruppen. Die Niederschlagsmenge hingegen scheint gemäss Van der Vliert keine Auswirkungen auf die Kreativität zu haben. Möglicherweise hat aber Sonnenschein etwas mit Kreativität zu tun: Studien in den USA konnten laut der britischen Fach-Zeitschrift «The Psychologist» eine Korrelation zwischen dem Wert von Patenten und der jährlichen durchschnittlichen Sonnenscheindauer zeigen.

Bei Sonnenschein werden mehr Patente akzeptiert

Nicht nur der Wert der Patente korreliert mit dem Wetter, auch schon die Frage, ob eine Patentanfrage von der zuständigen Behörde eher zugelassen oder abgelehnt wird, hat laut einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2017 etwas mit dem Wetter zu tun. Studienautor Balazs Kovacs von der Yale University untersuchte 8,8 Millionen Entscheidungen von amerikanischen Patentämtern zwischen 2001 und 2014 und fand eine Korrelation zwischen ungewöhnlich warmen Tagen und einer höheren Akzeptanz. Ablehnende Bescheide waren verhältnismässig seltener als an kalten Tagen.

Hingegen war die Quote der Rückweisungen von Patentgesuchen an bewölkten Tagen niedriger als an Tagen mit klarem Himmel. Die mit dem Wetter korrelierenden Ausschläge blieben auch bestehen, nachdem Kovacs weitere Faktoren aus der Statistik herausgerechnet hatte. Die wetterbedingte Verzerrung der Entscheidungen sei allerdings so moderat, dass bei den Patentämtern kein Bedarf zur Korrektur bestehe, räumt der Autor ein.

Das Wetter beeinflusst unser Gedächtnis

Das Wetter scheint auch unser Erinnerungsvermögen zu beeinflussen. Die Frage ist freilich, in welche Richtung es das tut. Zwei Studien zu diesem Thema widersprechen sich hier nämlich: Joseph Forgas und sein Team von der Universität von New South Wales in Australien kamen 2008 in ihrer Studie zum Schluss, dass wir uns bei schlechtem Wetter besser an Dinge zu erinnern vermögen. Die Forscher platzierten in einem kleinen Laden verschiedene Objekte – etwa ein Modellauto – und befragten die Kunden, die den Laden verliessen, ob sie sich an diese Gegenstände und die Stelle, wo die sich befanden, erinnern konnten. Jene Kunden, die an regnerischen Tagen befragt wurden, konnten sich im Schnitt an drei Mal so viele Gegenstände erinnern wie jene, die bei gutem Wetter befragt wurden.

Wann funktionieren unsere Synapsen besser – bei schlechtem oder bei gutem Wetter?
Wann funktionieren unsere Synapsen besser – bei schlechtem oder bei gutem Wetter?Bild: Shutterstock

Ein Forscherteam um Matthew Keller vom Virginia Institute for Psychiatric and Behavioral Genetics stellte dagegen 2005 in einer Studie fest, dass die Testpersonen sich bei gutem Wetter fröhlicher fühlten und ihr Gedächtnis besser funktionierte. Das Erinnerungsvermögen wurde anhand der Menge an Zahlen gemessen, die sich die Probanden merken konnten. Der positive Effekt zeigte sich jedoch nur dann, wenn die Probanden im Frühling untersucht wurden und zudem vor dem Test mehr als eine halbe Stunde an der frischen Luft verbracht hatten.

Schönes Wetter macht unpünktlich

Diese Studie – sie stammt aus dem Jahr 1953 – ist schon ein bisschen angejahrt, aber sie bestätigt, was wir intuitiv schon wissen: Ist das Wetter gut, nimmt die Unpünktlichkeit zu. Roland Mueser untersuchte in seiner im Fachmagazin «Applied Psychology» veröffentlichten Studie während drei Monaten die morgendlichen Ankunftszeiten von 101 männlichen und 32 weiblichen angestellten Ingenieuren. Die Auswertung der insgesamt 8000 Ankunftszeiten ergab, dass Unpünktlichkeit mit der Helligkeit des morgendlichen Tageslicht korrelierte – je besser das Wetter, desto unpünktlicher waren die Angestellten. Lediglich eine Gruppe von acht männlichen Arbeitnehmern bildete eine Ausnahme: Sie erschienen beinahe immer viel zu früh zur Arbeit.

Im Sommer gibt es mehr Kokain-Überdosen

Dass Sonnenschein und warmes Wetter auch ihre Schattenseiten haben, zeigt eine Studie, die 2010 im Fachmagazin «Addiciton» erschien. Amy Boehnert von der University of Michigan Medical School und ihr Forscherteam untersuchten die Fälle einer letalen Kokain-Überdosis in New York City von 1990 bis 2006 und setzten sie in Bezug zu den wöchentlichen Durchschnittstemperaturen. Sie fanden eine starke Korrelation zwischen der Mortalität durch Überdosen, die mit Kokain zu tun hatten, und einer Temperatur über 24 °C.

Kokainkonsum kann die Kern-Temperatur des Körpers erhöhen.
Kokainkonsum kann die Kern-Temperatur des Körpers erhöhen. Bild: Shutterstock

Keine Korrelation fand sich indes zwischen der Temperatur und solchen Todesfällen, die durch eine Überdosis ohne Beteiligung von Kokain verursacht worden waren, etwa durch Opiate wie Heroin. Dies dürfte daran liegen, dass Kokain die Kerntemperatur des Körpers erhöht, während Kokain-User eher weniger dazu neigen, sich an einem heissen Tag abzukühlen. Die daraus resultierende Hyperthermie könnte dazu führen, dass es bei niedrigerem Kokain-Pegel im Blut als sonst zu einer Überdosis kommen kann.

Im Sommer gibt es mehr Selbstmorde

Und hier gleich noch ein düsterer Befund, der zudem der gängigen Vorstellung diametral widerspricht: In Grönland, wo die Sonne während der Wintermonate kaum über den Horizont steigt, geschehen die meisten Selbstmorde nicht während dieser dunklen Jahreszeit, sondern im Gegenteil während des Sommers, wenn die Tage sehr lang sind. Dies war noch ausgeprägter der Fall für die Gebiete nördlich des Polarkreises, der die Insel relativ weit im Süden quert. Zu diesem Resultat kam eine Studie von Karin S. Björkstén und ihren Kollegen vom Karolinska-Institut in Stockholm aus dem Jahr 2009.

Die Forscher untersuchten alle 1351 bekannten Suizid-Fälle sowie alle 308 registrierten Mord-Fälle zwischen 1968 und 2002. Diese setzten sie in Bezug zum Bierabsatz einer grossen Supermarkt-Kette und zum Verlauf der Jahreszeiten. Die meisten Suizide wurden im Juni verzeichnet, wenn die Sonne am höchsten steht und in den nördlichen Teilen Grönlands gar nicht untergeht. Im Norden Grönlands ereigneten sich fast die Hälfte aller Selbstmorde während den Tagen, in denen die Sonne nicht unterging, und mehr als vier Fünftel in den Tagen, in denen es zumindest nicht dunkel wurde. Bei den Mordfällen und beim Bierkonsum zeigte sich indes kein entsprechendes Muster.

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Bei schönem Wetter sind wir hilfsbereiter

Sonnenschein macht nett: Zumindest lässt dies eine 1979 veröffentlichte Feldstudie des Psychologen Michael Cunningham von der University of Louisville im US-Staat Kentucky vermuten. Er untersuchte die Hilfsbereitschaft von 540 Passanten im Frühling und Sommer und verglich die Resultate mit jenen eines erneuten Tests im Winter. Der Sonnenschein korrelierte dabei in der Tat mit der Bereitschaft der Passanten, einem Interviewer freiwillig zu assistieren. Die Hilfsbereitschaft korrelierte ebenfalls, wenn auch in geringerem Mass, mit der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und selbst den Mondphasen.

Ein ähnliches Resultat ergab eine französische Studie aus dem Jahr 2013. Nicolas Guéguen und Jordy Stefan von der Université de Bretagne-Sud in Vannes untersuchten darin, welchen Einfluss Sonnenschein und Bewölkung auf die Bereitschaft von Autofahrern hatte, Autostopper mitzunehmen. Beim Experiment wurde bewusst darauf verzichtet, die Anhalter bei Regen ihr Glück versuchen zu lassen. Die Temperaturen mussten sich zudem immer zwischen 20 und 24 °C bewegen. Bei den insgesamt 2864 Versuchen hielten die Autolenker signifikant häufiger an sonnigen Tagen als an bewölkten – ungeachtet des Geschlechts der Autostopper.

Autostopper haben mehr Glück an sonnigen Tagen als an trüben.
Autostopper haben mehr Glück an sonnigen Tagen als an trüben.Bild: Shutterstock

Schönes Wetter bedeutet mehr Trinkgeld

Nicht nur nett soll Sonnenschein machen, sondern auch spendabel: Nur schon die Aussicht auf gutes Wetter lässt uns tiefer in die Tasche greifen, wenn es darum geht, Trinkgeld zu geben. Eine 2006 publizierte amerikanische Studie legt dies nahe. Wenn eine Kellnerin auf der Rechnung handschriftlich darauf hinwies, der kommende Tag werde sonnig sein, erhielt sie durchschnittlich drei Prozentpunkte mehr Trinkgeld als ohne diesen Vermerk. Wenn sie indes auf der Rechnung schlechtes Wetter ankündigte, gab es weder mehr noch weniger Trinkgeld als sonst.

Geben wir mehr Trinkgeld bei schönem Wetter?
Geben wir mehr Trinkgeld bei schönem Wetter?Bild: Shutterstock

Auch der Psychologe Michael Cunningham, der 1979 die Hilfsbereitschaft bei unterschiedlicher Witterung untersuchte (siehe Punkt 8 oben), führte in seiner Studie ein Experiment zum Trinkgeld durch. An 13 Frühlingstagen untersuchte er die Spendierfreudigkeit von jeweils 10 Gästen in einem Restaurant. Er fand hier ebenfalls eine Korrelation – das Wetter beeinflusste neben Alter und Geschlecht der Testpersonen die Grosszügigkeit des Trinkgelds. Eine neuere Studie von Sean Masaki Flynn und Adam Eric Greenberg, die 2011 im «Journal of Applied Social Psychology» erschien, konnte jedoch keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Witterung und der Spendierfreudigkeit von Restaurantgästen herstellen. Die Studienautoren bezogen sich auf Cunninghams Studie und wiesen darauf hin, dass deren statistische Basis zu klein gewesen sei.

Bei Sonne steigen die Börsenkurse

Bei Sonnenschein hebt sich nicht nur die Laune: Auch Börsenkurse steigen eher an. Dies zeigte eine Studie aus dem Jahr 2001 von David Hirshleifer und seinem Team von der Ohio University, die auf dem Social Science Research Network (SSRN) publiziert wurde. Die Wissenschaftler werteten die Kursentwicklung von 1982 bis 1997 an 26 Börsenplätzen weltweit aus und stellten dabei fest, dass die Börsenrenditen bei warmem, sonnigem Wetter etwas höher waren – selbst wenn verzerrende Faktoren herausgerechnet wurden. Regen und Schnee hatten dagegen keinen signifikanten Einfluss. Möglicherweise machte das gute Wetter die Anleger etwas optimistischer und risikofreudiger. Eine neuere Studie aus dem Jahr 2011 bestätigte den Wetter-Effekt.

Gutes Wetter macht Anleger womöglich risikofreudiger.
Gutes Wetter macht Anleger womöglich risikofreudiger. Bild: keystone

Das Wetter beeinflusst die Kriminalitätsrate

Eine Analyse der Hamburger Polizei zeigte 2011 einen deutlichen Zusammenhang zwischen Wetter und Kriminalität. Der Leiter der Zentralen Verbrechensbekämpfung in Hamburg, Andreas Lohmeyer, stellte den online nicht verfügbaren Report auf dem 6. Extremwetterkongress in Hamburg vor. Die Hamburger Polizei hatte die Kriminalitätsstatistik mit stündlichen Wetterdaten von 1990 bis 2009 abgeglichen und zwei Millionen Datensätze daraus ausgewertet. Zu den berücksichtigten Wetterdaten gehörten die mittlere Tagestemperatur, die Sonnenscheindauer, der Niederschlag und die Schneedecke.

Die Analyse zeigte, dass es zwei Arten von Delikten gibt: Solche, deren Häufigkeit durch das Wetter nicht beeinflusst wird, und solche, die bei bestimmten Wetterlagen häufiger sind. Zur ersten Gruppe gehören vor allem Raub, Ladendiebstahl, Autodiebstahl, Betrug und Rauschgiftdelikte. Zur zweiten, wetterfühligen Gruppe zählen alle sogenannten Rohheitsdelikte wie Körperverletzung und Vergewaltigung, aber auch Diebstahl und Wohnungseinbrüche.

Jede Stunde mehr Dunkelheit bedeutet rechnerisch einen Einbruch mehr pro Tag.
Jede Stunde mehr Dunkelheit bedeutet rechnerisch einen Einbruch mehr pro Tag.Bild: Shutterstock

Pro Grad höherer Temperatur sei in Hamburg fast eine Gewalttat mehr pro Tag zu erwarten, stellte Lohmeyer fest und fasste zusammen: «Je mehr Sonne, desto mehr Gewalt». Das Delikt, das am meisten vom Wetter abhänge, sei allerdings der Fahrraddiebstahl. Bei Wohnungseinbrüchen sei die Dauer des Tageslichts bedeutsam; jede Stunde mehr Dunkelheit bedeute rechnerisch einen Einbruch mehr pro Tag – jedoch nur bei gutem Wetter. Bei kaltem Wetter gehe die Zahl der Einbrüche wieder zurück, besonders wenn es eine Schneedecke habe, bei der mehr Spuren des Delikts zurückbleiben.

Bei Sonne haben Flirtversuche mehr Erfolg

Sonnenschein begünstigt Flirtversuche von Männern – sie haben mehr Erfolg an sonnigen Tagen als an trüben. Diesen Schluss legt eine Studie des Sozialpsychologe Nicolas Guéguen von der Université de Bretagne-Sud in Vannes nahe, die 2013 im Fachblatt «Social Influence» erschien. Guéguen, der sich auch mit dem Einfluss des Wetters auf die Hilfsbereitschaft befasst hat (siehe Punkt 8 oben), liess zuerst 31 Frauen 18 junge männliche Kandidaten nach physischer Attraktivität beurteilen und wählte die 5 bestrangierten für das Experiment aus.

Bei wolkenlosem Himmel waren die Frauen eher bereit, ihre Telefonnummer zu verraten.
Bei wolkenlosem Himmel waren die Frauen eher bereit, ihre Telefonnummer zu verraten.Bild: Shutterstock

Diese sprachen dann in einer Fussgängerzone Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren an und fragten sie mit den immer gleichen Worten nach ihrer Telefonnummer. Bei wolkenlosem Himmel hatten die Männer eine Erfolgsquote von 22 Prozent, bei bewölktem Himmel jedoch nur 14 Prozent. Bei Regen wurde das Experiment nicht durchgeführt. Dass die Frauen bei schönem Wetter eher bereit waren, ihre Telefonnummer zu verraten, liegt daran, dass Sonnenschein die Stimmung hebt, wie Guéguen vermutet. Und wer besser gelaunt sei, sei auch aufgeschlossener gegenüber Leuten, die Kontakt suchen.

Bei Sonnenschein shoppen wir mehr – und zahlen mehr

Dass unser Kaufverhalten wetterabhängig ist, ist trivial – kaum jemand wird bezweifeln, dass beispielsweise bei warmem, schönem Wetter die Nachfrage nach Salat- und Grillgerichten eher zunimmt. Eine dreiteilige Studie der University of Alberta in Kanada aus dem Jahr 2010 konnte in der Tat zeigen, dass Sonnenlicht einen Einfluss auf das Kaufverhalten hat. Die Marketingpsychologen um Kyle Murray hatten im ersten Teil der Studie über sechs Jahre hinweg die Verkaufszahlen eines Einzelhandelsgeschäfts, das Tee und Teeprodukte verkaufte, mit den Wetterdaten abgeglichen. Sonnenlicht sorgte für höhere Verkaufszahlen, aber lediglich bei niedrigen Temperaturen – bei höheren Temperaturen war der Effekt umgekehrt.

Im zweiten Teil der Studie füllten 33 Teilnehmer 20 Tage lang täglich einen Fragebogen aus, in dem sie ihre Stimmung bewerteten und neben den Gesamtausgaben am jeweiligen Tag auch die Menge an Tee und Kaffee angaben, die sie gekauft und konsumiert hatten. Hier zeigte vermehrtes Sonnenlicht einen positiven Effekt auf die Stimmung, während mehr Luftfeuchtigkeit einen gegenteiligen Effekt hatte.

Im dritten Teil wurden 78 Studenten befragt, wie viel Geld sie für verschiedene Produkte – grünen Tee, Saft, eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, ein Flugticket und ein Zeitungsabonnement – auszugeben bereit waren. Ein Teil der Teilnehmer sass dabei in einem Raum mit einer sogenannten Tageslichtlampe, die ein dem Tageslicht ähnliches Kunstlicht abgibt. Ihre Zahlungsbereitschaft war im Schnitt beträchtlich höher als diejenige der Teilnehmer, die in einem Raum ohne Tageslichtlampe sassen. So waren sie bereit, für den Tee rund einen Dollar mehr, für das Fitnessstudio knapp zehn Dollar mehr und für den Flug selbst gut 100 Dollar mehr auszugeben.

Sonnenlicht macht alte Meister teurer

Doron Kliger vom Department of Economics der Universität Haifa in Israel und ihr Team untersuchten die Preise von Kunstauktionen in England von 1756 bis 1909 und glichen diese Daten mit Wetterdaten ab. Die Forscher stellten in ihrer 2015 erschienenen Studie fest, dass sich die Menge des Tageslichts am Auktionstag deutlich positiv auf die Verkaufspreise auswirkten. Weniger ausgeprägt war der Einfluss von Faktoren wie der Anzahl Sonnenstunden während des Tages, des Niederschlags oder der Temperaturen.

Längeres Tageslicht wirkte sich bei Kunstauktionen positiv auf die Verkaufspreise aus.
Längeres Tageslicht wirkte sich bei Kunstauktionen positiv auf die Verkaufspreise aus. Bild: keystone

Das Wetter bestimmt mit, wo wir studieren

Die Einschreibung an einem College ist für zahlreiche junge Amerikaner eine Entscheidung von grosser Tragweite. Viele von ihnen besuchen die Hochschule, bevor sie sich einschreiben. Und es scheint so, dass ihre Entscheidung auch vom Wetter am Tag ihres Besuchs abhängt. Das zeigt eine Studie von Uri Simonsohn von der University of Philadelphia, die 2010 in «The Economic Journal» publiziert wurde. Simonsohn analysierte die Wahl von 1284 zukünftigen Studenten und konnte dabei eine Korrelation zwischen der Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Student für eine Hochschule entschied, und der Bewölkung am Tag seines Besuchs dort feststellen: Je bewölkter der Himmel am Besuchstag war, desto eher schrieb sich ein Student tatsächlich an der besuchten Universität ein. Simonsohn erklärte sich dies damit, dass wir Entscheidungen bei bewölktem Wetter aufgrund von anderen Kriterien treffen.

In einer früheren Studie (2006) hatte Simonsohn die Chancen von Bewerbern an einer Hochschule mit Wetterdaten abgeglichen. Die Interviewer bevorzugten an bewölkten Tagen Bewerber mit einem starken akademischen Profil, während sie an sonnigen Tagen nicht-akademische Eigenschaften stärker gewichteten, etwa sportliche Aktivitäten der Bewerber und deren Teilnahme an ausserschulischen Aktivitäten. Ein bewölkter Himmel konnte die vorhergesagte Zulassungswahrscheinlichkeit eines Bewerbers um bis zu 11,9 Prozent erhöhen. Simonsohn fasste diesen Befund im prägnanten Satz zusammen: «Clouds make nerds look good» («Wolken lassen Nerds gut aussehen»).

Hitze macht Sportler rachsüchtig

Eine Studie von Richard P. Larrick und Kollegen, die 2011 im Fachmagazin «Psychological Science» erschien, wertete Daten von mehr als 57'000 Baseball-Spielen aus, um einen möglichen Zusammenhang zwischen Wetter und Aggression aufzuspüren. Es fand sich tatsächlich eine Korrelation zwischen hohen Temperaturen und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Werfer einen Schlagmann traf: Diese Wahrscheinlichkeit nahm bei hohen Temperaturen stark zu, allerdings nur dann, wenn das gegnerische Team zuvor im Spiel mehrere Teamkollegen des Werfers getroffen hatte. Die hohen Temperaturen schienen also einen Hang zur Vergeltung zu begünstigen.

Werfer treffen Schlagmänner eher bei hohen Temperaturen.
Werfer treffen Schlagmänner eher bei hohen Temperaturen. Bild: keystone

Das Wetter beeinflusst das Wahlverhalten

In Grossbritannien ist die Ansicht weit verbreitet, Regen bei den Wahlen begünstige die Torys, während sonniges Wetter die Wahlchancen der Labour Party leicht erhöhe – doch es gibt bisher kaum Auswertungen, die diese Ansicht stützen. Mehrere Studien in den USA, Spanien und den Niederlanden zeigten, dass nasses Wetter die Wahlbeteiligung verringert. Allerdings konnte der britische Wahlfachmann John Curtice, der sämtliche Parlamentswahlen in Grossbritannien zwischen 1922 und 2010 untersuchte, dieses Muster nicht bestätigen.

Dennoch könnte das Wetter einzelne Wahlen durchaus beeinflussen. Christopher Achen und Larry Bartels von der Princeton University sind der Meinung, dass Wähler Regierungen regelmässig für höhere Gewalt abstrafen, etwa für Dürren oder Überschwemmungen. Genau dies sei 2000 bei den Präsidentschaftswahlen in den USA geschehen, die der demokratische Kandidat Al Gore äusserst knapp verloren hatte. In ihrer 2004 erschienenen Studie kommen sie zum Schluss, dass 2,8 Millionen Wähler sich gegen Gore entschieden hätten, weil es in ihren Staaten zu trocken gewesen sei oder zu viel Regen gegeben habe. Den Unmut über das extreme Klima hätten diese Wähler der bestehenden demokratischen Regierung angelastet und damit dem Kandidaten Gore, der unter Bill Clinton als Vizepräsident amtierte.

Al Gore verlor die Präsidentschaftswahl 2000 gegen George W. Bush.
Al Gore verlor die Präsidentschaftswahl 2000 gegen George W. Bush. Bild: AP CNN

Diese «klimatische Vergeltung» der Wählerschaft habe Gore den Sieg in sieben US-Staaten gekostet – Arizona, Louisiana, Nevada, Florida, New Hampshire, Tennessee und Missouri – und bedeutend mehr Wählerstimmen als der berüchtigte «Butterfly Ballot» in Palm Beach County in Florida, bei dem vornehmlich demokratische Wähler aufgrund des verwirrlichen Wahlzettel-Designs irrtümlich für den Republikaner George W. Bush gestimmt hatten.

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