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Brian May mit Starmus-Gründer Garik Israelian (l.) und Astronaut Buzz Aldrin, der in Zürich für sein Lebenswerk geehrt wurde.
Brian May mit Starmus-Gründer Garik Israelian (l.) und Astronaut Buzz Aldrin, der in Zürich für sein Lebenswerk geehrt wurde. Bild: KEYSTONE

«Man fragt sich, welche Motivation mit der Rückkehr zum Mond verbunden ist»

Brian May ist Gitarrist von Queen, Astrophysiker und Herausgeber von 3-D-Büchern. Diese Woche weilt er in Zürich. Im Interview äussert er sich skeptisch zu neuen Mondflügen und warnt vor der Zerstörung der Erde.
27.06.2019, 19:1128.06.2019, 14:51

Der Tag war sehr lang und sehr heiss. Brian May ist müde, als er am Mittwochabend die kleine Garderobe in der Samsung Hall am Stadtrand von Zürich betritt. Er wird im Juli 72 Jahre alt, was man ihm in der Regel nicht ansieht. Jetzt aber wäre er bestimmt gerne woanders, dennoch lässt der Gitarrist der legendären Rockband Queen die Interviews geduldig über sich ergehen.

Anlass für Brian Mays Aufenthalt ist das Wissenschafts- und Musikfestival Starmus, das noch bis Samstag dauert und erstmals in der Schweiz stattfindet. Denn er ist nicht nur Musiker, sondern auch Astrophysiker mit Doktortitel. Starmus ist ein Festival mit prominenten Gästen, Vorträgen, Musik und Filmen, aber auch einer ziemlich chaotischen Organisation.

Brian May im Gespräch mit «Apollo 9»-Astronaut Rusty Schweickart.
Brian May im Gespräch mit «Apollo 9»-Astronaut Rusty Schweickart.Bild: EPA/KEYSTONE

«Die Probleme und der Stress sind endlos, aber es ist ein grossartiger Anlass», sagte May im Gespräch mit watson, das als einziges Schweizer Medium neben dem Tessiner Fernsehen RSI einen Exklusiv-Slot ergattern konnte. Er ist seit den Anfängen eine feste Grösse bei Starmus, das vom armenischen Astrophysiker und Queen-Fan Garik Israelian gegründet wurde.

50 Jahre Mondlandung

Dieses Jahr dreht sich das Festival um den 50. Jahrestag der ersten Mondlandung am 20. Juli 1969. Nicht weniger als sechs amerikanische «Apollo»-Astronauten sind nach Zürich gereist. Vier von ihnen hatten ihren Fuss auf den Erdtrabanten gesetzt, darunter kein Geringerer als Edwin «Buzz» Aldrin, der zweite Mensch auf dem Mond nach «Apollo 11»-Kommandant Neil Armstrong.

Zum Zeitpunkt der ersten Mondlandung war ich mit Queen-Drummer Roger Taylor auf Tour. Freddie Mercury kannten wir schon, aber er war noch nicht in der Band. Die Mondlandung selbst haben wir in Cornwall erlebt, auf dem kleinen Fernseher im Wohnzimmer von Rogers Mutter. Wir sahen, wie Neil Armstrong das Treppchen hinunterstieg, und waren begeistert. Mein Vater hat im Krieg als Ingenieur in der Royal Air Force gedient, er dachte nicht, so etwas zu seinen Lebzeiten noch erleben zu können.

Das Mondprogramm dauerte nur kurz. 1972 war nach «Apollo 17» Schluss. Die US-Regierung und der Kongress wollten kein Geld mehr bewilligen. Nun gibt es Pläne für eine Rückkehr, angetrieben nicht zuletzt durch den neuen Wettlauf zwischen den USA und China. US-Vizepräsident Mike Pence kündigte im März an, dass in fünf Jahren wieder Amerikaner auf dem Mond landen sollen.

Elon Musk sandte per Video Grüsse nach Zürich.
Elon Musk sandte per Video Grüsse nach Zürich. Bild: EPA/KEYSTONE

Im Vordergrund stehen private Projekte wie Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos oder SpaceX von Elon Musk. Der überbeschäftigte Unternehmer-Guru wurde am Starmus mit der «Stephen Hawking Medal» ausgezeichnet, war selber aber nicht in Zürich. Brian May lässt im Interview durchblicken, dass er die neuen Mond-Aktivitäten skeptisch betrachtet.

Man kann sich fragen, welche Motivation damit verbunden ist. Warum wollen wir zurück auf den Mond? Beim Mondprogramm der 1960er Jahre waren viele Menschen von sehr selbstlosen Motiven ausgegangen. Präsident John F. Kennedy vermittelte den Eindruck, die Raumfahrt sei ein Dienst an der gesamten Menschheit, um den menschlichen Geist zu erweitern. In Wirklichkeit handelte es sich um ein von militärischen Motiven angetriebenes Wettrennen. Wettbewerb ist nichts Schlechtes, daraus entstehen grossartige Dinge. Aber er kann aus unerfreulichen Gründen entstehen. Der Kalte Krieg war keine schöne Zeit. Während der Kubakrise 1962 wäre es fast zum Atomkrieg gekommen. Er wurde aber auch zum Geburtshelfer dieses fabelhaften Unterfangens.

So fragwürdig der Auslöser des Wettlaufs zum Mond zwischen den USA und der Sowjetunion war, so sehr ist May davon fasziniert. Innerhalb weniger Jahre wurde Unglaubliches vollbracht. Nun hat er das Buch «Mission Moon 3-D» veröffentlicht, das die Geschichte des Space Race erzählt. Den Text hat David Eicher verfasst, Chefredaktor des Magazins «Astronomy».

Für die Illustrierung war Brian May zuständig. Dabei kam eine weitere Leidenschaft ins Spiel: Stereoskopie. Als Kind fand er in einer Packung Weetabix Cereals eine Karte mit zwei praktisch identischen Bildern von Nilpferden. Auf der Rückseite hiess es, man könne einen 3-D-Viewer für einen Sixpence bestellen. Damit begann seine Begeisterung für dreidimensionale Fotografie.

Das Buch enthält «normale» und stereoskopische Fotos.
Das Buch enthält «normale» und stereoskopische Fotos.

Brian May hat die in den 1930er Jahren eingegangene London Stereoscopic Company wiederbelebt und schon mehrere 3-D-Bücher veröffentlicht, darunter eines über Queen und nun «Mission Moon». Auf Tour mit der Band sitze er manchmal im Hotelzimmer bis tief in die Nacht vor dem Computer und experimentiere mit der auf sympathische Art altmodisch wirkenden Technologie.

Sie reicht nicht zurück bis zur Renaissance oder zu den Höhlenmenschen (lacht). Aber das stereoskopische Sehen begann mit der Entstehung des Menschen und überhaupt fast aller Kreaturen. Wir haben nicht ohne Grund zwei Augen. Das Universum lässt sich viel informativer wahrnehmen. Es ist nicht zuletzt eine Frage des Überlebens. Es geht um fressen oder gefressen werden. Dank beidäugigem Sehen können wir erkennen, ob eine Kreatur klein und harmlos ist, oder ob sie uns gleich anspringen und verschlingen will. Es ist ein vitaler Bestandteil der Evolution.

Die Begeisterung für den Weltraum begann nicht erst mit den amerikanischen und sowjetischen Raketen. Schon als Kind war Brian May ein Fan der 1957 erstmals ausgestrahlten BBC-Sendung «The Sky at Night» gewesen, in der er in späteren Jahren mehrfach als Gast auftrat. Denn auch sein beruflicher Werdegang bewegte sich zunächst in diese Richtung.

Ich habe schon während meiner Schulzeit beschlossen, Astronom zu werden. Die Astrophysik entstand erst später. Der Anstoss kam durch einen Vortrag des renommierten Radioastronomen John Shakeshaft an meiner Schule. Ich ging danach zu ihm und fragte, wie ich selber Astronom werden könne. Er antwortete: «Lerne Mathematik und Physik, dann kannst du dich wieder melden.» So war das. Meine Familie hat mich dabei unterstützt, und ich war ziemlich gut darin.

Im Leben dieses vielseitig interessierten Engländers aber gab es eine Leidenschaft, die bald alles andere überlagern sollte: Musik. Mit seinem Busenkumpel Roger Taylor gründete er eine Band, der sich später der Bassist John Deacon und ein ebenso genialer wie überdrehter Sänger und Songwriter namens Freddie Mercury anschlossen. Sie tauften die Band auf den Namen Queen.

Ich empfand immer auch diese Berufung zur Musik. Nach meinem Studienabschluss und vier weiteren Jahren als Doktorand fand ich heraus, dass ich nicht so gut in Astronomie war, wie ich dachte. Gleichzeitig öffnete sich die Tür für uns, um die Musikwelt zu erobern. Dazu konnte ich nicht Nein sagen. 30 Jahre später kehrte ich zurück zur «anständigen Arbeit», wie mein Vater gesagt hätte (lacht).
Aufnahme aus den frühen Jahren von Queen.
Aufnahme aus den frühen Jahren von Queen.Bild: Terry O'Neill

Er schloss 2007 am Londoner Imperial College seine Jahre zuvor begonnene Dissertation über «Radialgeschwindigkeiten im interplanetaren Staub» ab. Seither kann er sich Dr. Brian May nennen. Seine interplanetaren Aktivitäten hindern ihn nicht daran, sich für den Planeten Erde zu engagieren, ob als aktiver Tierschützer oder als Warner vor den Folgen des Klimawandels.

Während einige «Apollo»-Astronauten als Klimaskeptiker oder gar Klimaleugner agieren und damit zeigen, dass sie letztlich nur alte weisse Männer sind, äusserte der ebenfalls nicht mehr ganz junge Brian May an der Starmus-Medienkonferenz am Montag einen so prägnanten wie krassen Satz: «Ich hoffe, wir werden das Universum nicht so zerstören, wie wir die Erde zerstört haben.»

2011 hielt ich am ersten Starmus-Festival einen Vortrag zum Thema, was wir im Weltraum erreichen wollen. Ich stellte die Frage, ob wir Menschen zu anderen Planeten bringen sollten, nachdem wir auf unserem eigenen Planeten ein solches Chaos angerichtet haben. Ich war ziemlich nervös, denn in der ersten Reihe sass Neil Armstrong. Nach dem Vortrag kam er zu mir und sagte: «Sie haben recht, wir müssen diesen Planeten in Ordnung bringen.» Beim letzten Auftritt vor seinem Tod äusserte er sich ähnlich: «Hoffen wir, dass unsere Enkel in unserem heutigen Alter zurückblicken und sagen können: ‹Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert des technologischen Fortschritts, und das 21. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Fortschritts im menschlichen Charakter.›»

Brian May hat dieses Zitat des 2012 verstorbenen Mondpioniers an den Anfang seines Buchs «Mission Moon» gesetzt. Eines bleibt in seinem Leben konstant: die Musik. Am Samstag beginnen für Queen und den neuen Sänger Adam Lambert die Proben für eine sechswöchige Tournee durch Nordamerika. Anfang 2020 folgen Konzerte in Korea, Japan, Neuseeland und Australien. Auftritte in Europa und der Schweiz stehen (noch) in den Sternen.

Die Popularität von Queen hat durch den kommerziellen Erfolg des Films «Bohemian Rhapsody» und den Oscar für Freddie-Darsteller Rami Malek einen weiteren Schub erhalten. Dabei könnte May es in seinem Alter gemütlicher angehen und sich nur noch mit Stereoskopie und Astrophysik beschäftigen. John Deacon hat sich längst in den Ruhestand verabschiedet.

Brian May und Adam Lambert bei einem Auftritt 2014 in Los Angeles.
Brian May und Adam Lambert bei einem Auftritt 2014 in Los Angeles.Bild: Chris Pizzello/Invision/AP/Invision
Warum tue ich mir das noch an? Das Geld brauche ich nicht, und ich muss nicht noch berühmter werden. Berühmtheit ist ein zweischneidiges Schwert (lacht). Man kann auch zu viel davon haben. Nein, wir tun es, weil wir es lieben und es die Menschen glücklich macht.

Disclaimer: Falls der Artikel nicht ganz objektiv wirkt: Der Autor ist ein grosser Queen-Fan und von der Raumfahrt fasziniert, seit er als Primarschüler die letzten Mondlandungen am Fernsehen verfolgt hat, mit dem unvergessenen Begleitkommentar von Bruno Stanek.

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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Randalf
27.06.2019 19:32registriert Dezember 2018
Mein Vater hat mir ein Poster der Apollo 11 und eines des Mondes geschenkt.
Am Fernsehen war Bruno Stanek.

Immer wieder habe ich in den Nachthimmel geschaut, ein Teleskop bekommen und staune immer noch über die unendlichen Weiten des Universums.

Ah ja, hat nichts genützt und habe Koch gelernt.😉
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Amateurschreiber
27.06.2019 21:21registriert August 2018
Scheiss auf den Mond - baut eine Zeitmaschine! Ich will ein Queen - Konzert im Jahr 1985 oder 1986 erleben!
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Spooky
27.06.2019 19:33registriert November 2015
Zur Mondlandung 1969:
Ich war in der RS in Bremgarten. In einem Raum haben sie einen Fernseher aufgestellt. Von ungefähr 100 Rekruten haben sich ungefähr ein Dutzend in der Nacht die Landung angeschaut - ich auch (es war freiwillig). Jemand hat dann ein Foto von uns gemacht. Wir sassen alle mit den Köpfen auf den Tischen, weil wir während der Landung eingeschlafen sind. Schade habe ich das Foto nicht mehr.
😴💤🙈

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