Pestizide im Grundwasser – die wichtigsten Fragen und Antworten
Pestizide schützen Pflanzen vor Schädlingen, Pilzen und Unkraut. Doch sie bleiben oft nicht auf dem Acker: Viele Wirkstoffe gelangen in Schweizer Bäche, Flüsse und Seen. Ein Teil versickert im Boden und erreicht das Grundwasser, aus dem der grösste Teil unseres Trinkwassers stammt.
Daten der Messprogramme NAQUA (Grundwasser) und NAWA (Oberflächengewässer) des Bundesamts für Umwelt (Bafu) zeigen: Abbauprodukte von Pestiziden beeinträchtigen das Grundwasser im Schweizer Mittelland «erheblich».
Die Messstellen untersuchen zwar unterschiedliche Stoffe in unterschiedlichen Abständen, was den Vergleich erschwert, dennoch ist erkennbar: In Ackerbaugebieten im Mittelland sind die Werte besonders hoch. Schweizweit setzt die Landwirtschaft jährlich über 2000 Tonnen Pestizide ein.
Was sind Abbauprodukte?
Unterwegs vom Sprühgerät über den Boden bis zum Grundwasser zerfallen die Wirkstoffe. Mikroorganismen im Boden, Licht und Wasser spalten sie auf. Dabei entstehen neue chemische Verbindungen: die Abbauprodukte, auch Metaboliten genannt.
Manche wirken ähnlich wie das ursprüngliche Pestizid, andere nicht. Viele von ihnen sind jedoch langlebiger und beweglicher als die Muttersubstanz. Sie sickern deshalb leichter ins Grundwasser und sind dort oft noch Jahre später zu finden.
Besonders weit verbreitet sind Metaboliten des Fungizids Chlorothalonil. Sie treten an 48 Prozent aller Messstellen auf. Das Fungizid ist in der Schweiz seit 2020 verboten.
Verboten, aber trotzdem noch da?
Ein Verbot lässt Pestizide jeoch nicht verschwinden. Laut WWF zerfallen manche Wirkstoffe und ihre Metaboliten in der Umwelt nur sehr langsam. Sie sickern über Jahre durch den Boden ins Grundwasser. Und weil sich dieses oft nur langsam erneuert, bleiben die Stoffe dort lange zurück.
Hinzu kommt: Zieht der Bund eine Zulassung zurück, dürfen Bäuerinnen und Bauern bereits gekaufte Produkte oft noch während einer Aufbrauchsfrist verwenden. Was heute auf dem Feld landet, belastet unsere Gewässer also womöglich noch jahrzehntelang.
Was heisst das für unser Trinkwasser?
Die Daten sagen nichts über die Qualität des Trinkwassers aus dem Wasserhahn aus. «Trinkwasser ist nach wie vor sicher und kann bedenkenlos konsumiert werden», sagt Christos Bräunle, Mediensprecher des Fachverbands für Wasser, Gas und Wärme (SVGW), im «Tages-Anzeiger».
Dennoch ist für den WWF klar: Je stärker Pestizide die Wasserressourcen belasten, desto aufwendiger ist es für Wasserversorger, dauerhaft einwandfreies Trinkwasser bereitzustellen. Chemische Verunreinigungen aus dem Wasser zu entfernen ist nämlich «komplex und teuer», sagt auch Bräunle.
«Es ist daher wichtig, dass Grundwasser, das für die Trinkwassergewinnung genutzt wird, besser vor chemischen Verunreinigungen geschützt wird», ergänzt Bräunle.
Was passiert mit den Gewässern?
Überschreiten Pestizide in Bächen, Flüssen und Seen die ökotoxikologischen Grenzwerte, schädigen sie die Wasserlebewesen. Am empfindlichsten reagieren Organismen am Anfang der Nahrungskette, etwa Wasserinsekten und Kleinkrebse. Die Stoffe stören das Wachstum, die Entwicklung und die Fortpflanzung.
Schrumpfen diese Bestände, fehlt Fischen, Amphibien und anderen Arten eine wichtige Nahrungsquelle, und das ökologische Gleichgewicht des Gewässers gerät ins Wanken. Für Menschen und Haustiere heisst eine Überschreitung hingegen nicht automatisch, dass Baden oder der Kontakt mit dem Wasser gefährlich ist.
Wie weiter?
Überschreitet ein Pestizid die Grenzwerte, muss zuerst der Kanton die Belastung senken. Tritt das Problem wiederholt und in vielen Gewässern auf, prüft der Bund die Zulassung des Mittels.
Das gilt auch, wenn ein Stoff über längere Zeit das Grundwasser belastet, das als Trinkwasser dient. Ein Verbot folgt allerdings nicht automatisch. Gefährdet es den Anbau wichtiger Kulturen, kann der Bundesrat vorübergehend darauf verzichten.
Für den WWF reicht das nicht. Er fordert, dass der Bund alle wissenschaftlichen Grenzwerte zum Schutz der Wasserlebewesen gesetzlich verankert und die Landwirtschaft deutlich weniger Pestizide einsetzt.
Zudem verlangt die Umweltschutzorganisation Transparenz darüber, welche Pestizide wo zum Einsatz kommen. Genau diese Daten sollte die Meldeplattform Digiflux liefern. Doch das Parlament will die Meldepflicht lockern – Bauernverband und Bürgerliche kritisieren sie als zu bürokratisch.
