Schweiz
Interview

Die Wasserknappheit in der Schweiz spitzt sich zu: Experte schlägt Alarm

Ein Frau geniesst die Sonne auf einer vertrockneten Wiese, am Mittwoch, 12. August 2026 in Kilchberg. (KEYSTONE/Andreas Becker)
Für alle sichtbar: Die Trockenheit hat die Schweiz fest im Griff. Bild: KEYSTONE
Interview

Hydrologe warnt: «Was wir hier machen, ist fahrlässig»

Extreme Trockenheit, tiefe Wasserpegel und sinkende Grundwasserspiegel machen der Schweiz zu schaffen. Was der Wasserschloss-Mythos damit zu tun hat und wo sich die Landwirtschaft verändern muss, sagt Wasserforscher Klaus Lanz im Interview.
14.08.2026, 06:1014.08.2026, 07:36

Herr Lanz, stellen wir uns die Wasserreserven der Schweiz einmal in einem Glas vor. Wie voll wäre es?
Klaus Lanz: Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder in Europa, die nicht erheben, wie viel Wasser sie verbrauchen und wie viel wir eigentlich nutzen können. Das heisst, wir kennen unsere eigene Belastungsgrenze nicht. Und das ist in der aktuellen Situation extrem gefährlich. Sicher ist nur, dass wir momentan auf Pump leben. Wir entnehmen viel mehr Wasser, als sich nachbildet.

Zur Person
Klaus Lanz ist Umwelt- und Wasserforscher. Er ist Gründer und Leiter des Forschungsinstituts international water affairs. Lanz befasst sich seit über 30 Jahren mit Wasserthemen und berät Schweizer Behörden und Umweltverbände.
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Bild: Silvia Rohrbach

Können wir dann von einer Wasserknappheit sprechen? Wenn wir doch nicht genau wissen, wie viel Wasser überhaupt da ist?
Dass es in der Landschaft ein Wasserdefizit gibt, kann jeder sehen. Dafür muss man ja nur nach draussen gehen. Die Landschaften sind gelb, die Wälder vertrocknen, die Pegel der Seen und Flüsse sind extrem tief. Gleichzeitig verbrauchen wir derzeit viel Wasser – in den Haushalten, für die Bewässerung in der Landwirtschaft, für Kühlung. Wir wissen, dass sich aktuell kein neues Grundwasser bildet, weil es nicht regnet. Das heisst, wir dezimieren unsere Vorräte. Und diese sind nicht unendlich. Wir senken sie wahrscheinlich ab wie nie zuvor.

«Wir senken unsere Vorräte wahrscheinlich so stark ab wie nie zuvor.»

Können sich Grundwasserreserven regenerieren?
Während sich Quellen relativ schnell regenerieren, wenn es regnet, dauert es beim Grundwasser länger. Nach dem Hitzesommer 2003 dauerte es zum Teil mehrere Jahre, bis die Grundwasserpegel wieder anstiegen.

Wie prekär ist die Lage?
Einige Gemeinden haben bereits jetzt eine Wasserknappheit, das heisst: Das Wasser reicht nicht mehr aus und bestimmte Nutzungen sind verboten. Nicht überall herrscht akute Knappheit. Aber wir haben gewaltige Wasserdefizite. Diese Wasserdefizite könnten wir wahrscheinlich beziffern. Das macht im Moment aber niemand. Klar kann man immer weiter pumpen, bis irgendwann kein Wasser mehr kommt. Es wäre aber schlauer, wir würden jetzt reagieren und den Verbrauch anpassen. Wir haben im Moment die Situation, dass Bauern ihre Felder mit Trinkwasser bewässern. Das heisst, wir entnehmen viel mehr Trinkwasserressourcen als sonst. Was das tatsächlich bedeutet und wie stark die Pegel im Grundwasser absinken, werden wir vielleicht irgendwann am Ende des Sommers halbwegs wissen, aber dann ist es möglicherweise schon zu spät. Was wir machen, ist fahrlässig.

Boote liegen auf dem Trockenen am Untersee, dem westlichen Teil des Bodensees, am Donnerstag, 23. Juli 2026, in Mannenbach-Salenstein. Der See weist fuer die Jahreszeit ein Rekordtief auf. (KEYSTONE/G ...
Am Untersee, dem westlichen Teil des Bodensees, liegen Boote auf dem Trockenen.Bild: KEYSTONE
«Wir denken, wir hätten Wasser im Überfluss. Das stimmt schon lange nicht mehr.»

Wir haben also einen hohen Wasserverbrauch, wissen aber nicht genau, wie voll unsere Reserven sind.
Genau. Die Schweiz trägt noch immer die Metapher des Wasserschlosses vor sich her. Wir denken, wir hätten Wasser im Überfluss. Das stimmt aber schon lange nicht mehr. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist es immer wieder zu Engpässen gekommen, etwa 2003, 2011, 2018 oder 2022. Aber richtig ernst genommen hat man es nie. Man hat immer gesagt: Das wird schon irgendwie gut gehen, wir haben ja noch die Seen, da ist so viel Wasser, was soll da schon passieren.

Und was ist mit den Seen? Könnten wir im Ernstfall auf sie als Reserven zurückgreifen?
Seen haben zwar ein riesiges Wasservolumen. Aber nur etwa zwei Prozent davon sind nutzbar. Ansonsten würde man die ökologischen Systeme und die Uferinfrastruktur zu stark schädigen.

«Viele ländliche Gemeinden geben im Moment einen Grossteil ihres Trinkwassers für die Bewässerung ab.»

Wofür braucht die Schweiz denn am meisten Wasser?
Im Moment vor allem für die Landwirtschaft. Wer aktuell über das Land fährt, sieht überall riesige Pumpen und Wasserwerfer, die nicht nur Gemüse, sondern auch beispielsweise Maisfelder bewässern. Dafür bedient sie sich zum Teil auch der öffentlichen Wasserversorgung. Diese ist aber eigentlich für die Trinkwasserversorgung der Haushalte und für das Kleingewerbe vorgesehen. Viele ländliche Gemeinden geben im Moment einen Grossteil ihres Trinkwassers für die Bewässerung ab. Das ist so nicht vorgesehen. Dem Kanton müssen sie das nicht melden. Also weiss niemand, nicht einmal die Kantone, wie viel Wasser dort tatsächlich eingesetzt wird. Dasselbe gilt für die Industrie.

Also kann ein Industrie- oder ein Landwirtschaftsbetrieb so viel Wasser beziehen, wie er will? Das klingt nach wildem Westen.
Ja, im Moment herrscht tatsächlich wilder Westen. Klar, der Kanton vergibt Konzessionen, in denen steht, wer wie viel Wasser entnehmen darf. Wie viel Wasser tatsächlich entnommen wird, wird aber nicht gemessen. Wenn also alle zur gleichen Zeit die maximale Menge an Wasser entnehmen, müssen wir davon ausgehen, dass es zu einer Übernutzung kommt. Das ist auf lange Sicht nicht nachhaltig.

«Jedes EU-Land hat ein solches System schon vor 25 Jahren aufgebaut.»

Was müsste sich ändern?
Im Moment haben die Kantone keine Möglichkeit, von der Landwirtschaft oder der Industrie einzufordern, dass sie ihren Wasserverbrauch melden. Das kann nicht sein. Jedes EU-Land hat ein solches System schon vor 25 Jahren aufgebaut. Technisch wäre das einfach umsetzbar. Es gibt kostengünstige Wasseruhren, die man an jede Wasserentnahmestelle hängen könnte. Es gibt sogar eine Software, die dem Kanton in Echtzeit Daten darüber liefern könnte, wie viel Wasser gerade entnommen wird.

Wenn es so einfach ist, warum wird es nicht gemacht?
Letztes Jahr habe ich an der Wasserstrategie des Kantons Bern mitgearbeitet. Ich habe dort selbst erlebt, wie die Bauernvertreter sich geweigert haben, Transparenz darüber zu schaffen, wie viel sie genau entnehmen. Und der Kanton konnte sie nicht dazu zwingen. Es braucht eine Rechtsgrundlage. Und zwar auf nationaler Ebene. Fachleute fordern das seit über zehn Jahren.

Une vue aerienne de deux terrains de football en synthetique lors d'une journee de secheresse le vendredi 31 juillet 2026 au Parc des Rives a Yverdonles-Bains. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
«Wir haben neu ein Klima wie Mittelitalien», sagt Klaus Lanz.Bild: KEYSTONE

Auch Sie fordern eine nationale Wasserstrategie. Was müsste diese beinhalten?
Die Kantone müssen die Möglichkeit haben, den Verbrauch zu messen. Dazu bräuchte es ein Gesetz auf nationaler Ebene, mit dem der Bund die Kantone dazu verpflichten kann, ihren Wasserverbrauch offenzulegen. Nur dann können die Kantone dies auch von ihren Nutzern wie der Landwirtschaft, Industriebetrieben oder Datenzentren einfordern.

Was noch?
Zweitens muss der Bund festlegen, welche Wassernutzung Priorität hat, wenn das Wasser knapp wird. Steht das Trinkwasser über der Bewässerung der Landwirtschaft? Oder geht die Ernährungssicherheit vor? Muss die Industrie gewisse Produktionszweige zurückfahren, wenn Wassermangel herrscht? Und welche Priorität hat die Kühlung von Datenzentren? Uns muss bewusst sein: Alle bedienen sich am selben Wasserhaushalt. Und das bringt mich zum dritten Punkt.

«Die Wassermanagement-Strategie des Bundes ist eine Alibi-Übung.»

Der wäre?
Unsere Trinkwasserversorgung hängt zu 80 Prozent vom Grundwasser ab. Grosse Teile des Grundwassers sind im Moment aber nicht nutzbar, weil sie zu stark verschmutzt sind. Hauptsächlich durch landwirtschaftliche Produkte wie Pestizide und Nitrat. Je knapper das Grundwasser ist, desto stärker wirkt sich diese Verschmutzung aus. Auf der einen Seite verlieren wir also Grundwasser durch die Trockenheit, auf der anderen Seite durch Verschmutzung. Darum muss auch der Schutz vor Verschmutzung Teil einer nationalen Wasserstrategie sein.

Wo steht der Bund aktuell mit seiner Wasserpolitik?
Der Bund hat im vergangenen Jahr eine sogenannte Wassermanagement-Strategie angestossen, vermutlich auch als Reaktion auf die Ernährungsinitiative, die ebenfalls eine Wasserstrategie fordert. Die angestossene Wassermanagement-Strategie des Bundes ist in meinen Augen aber eine Alibi-Übung. Dort wird lediglich zusammengetragen, was es schon gibt. Es ist keine einzige neue Rechtsgrundlage enthalten, keine verpflichtende Massnahme. Immerhin wird das Parlament nach dem Sommer über eine Wasserstrategie beraten, was auf einen Vorstoss der GLP zurückgeht. Ich weiss jedoch nicht, wie gross die Dringlichkeit empfunden wird, wenn es wieder regnet.

«Das Wasser aus der Schweiz wäre ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Andere Länder, etwa Italien oder Frankreich, leiden ebenfalls unter grosser Trockenheit und bitten uns darum, mehr Wasser zu erhalten. Wie soll die Schweiz mit solchen Forderungen umgehen?
Wenn die Schweiz Wasser an andere Länder abgeben soll, sollte sie darauf bestehen, dass dieses Wasser auch effizient genutzt wird. Italien hat eine sehr ineffiziente Bewässerung in der Landwirtschaft. Das Wasser aus der Schweiz wäre da ein Tropfen auf den heissen Stein. An der Grenze zu Frankreich stellen sich ähnliche Fragen. Sollten wir mehr Wasser in die Rhone lassen, damit Frankreich sein Atomkraftwerk in Bugey kühlen kann, während wir unsere eigenen Atomkraftwerke herunterfahren müssen? Es kann nicht sein, dass diese Länder an die Schweiz appellieren, mehr Wasser abzugeben, ohne über die eigene Wassernutzung flussabwärts nachzudenken.

Blick auf das ausgetrocknete Flussbett der Emme nahe Aefligen im Kanton Bern am Montag, 13. Juli 2026. Das anhaltende Ausbleiben von Niederschlaegen und die grosse Juli-Hitze haben im Berner Mittellan ...
Blick auf das ausgetrocknete Flussbett der Emme im Kanton Bern Mitte Juli. Bild: keystone

Blicken wir in die Zukunft. Wo erwarten Sie Wasserkonflikte?
Innerhalb der Schweiz wird der ganz grosse Wasserkonflikt die landwirtschaftliche Bewässerung betreffen. In der aktuellen Trockenheitsphase müssen Ackerflächen sehr stark bewässert werden. Das wird in künftigen Sommern immer wieder passieren. Die Wassermengen, die wir momentan auf den Feldern verwenden, werden in vielen Regionen nicht nachhaltig verfügbar sein. 2012 bis 2014 wurde ein grosses nationales Forschungsprogramm zur nachhaltigen Wassernutzung der Schweiz durchgeführt. Schon damals kam die Forschung zum Schluss: Die Landwirtschaft kann angesichts des Klimawandels nicht weitermachen wie bisher und einfach mehr Wasser auf die Felder schütten.

«Wir haben neu ein Klima wie in Mittelitalien. Wir können Landwirtschaft nicht einfach weiter betreiben wie in den 1960er-Jahren.»

Was schlagen Sie vor?
Wir müssen unsere landwirtschaftlichen Systeme umstellen. Wir befinden uns nun dauerhaft in einer anderen Klimazone. Wir haben neu ein Klima wie in Mittelitalien. Wir können Landwirtschaft nicht einfach weiter betreiben wie in den 1960er-Jahren.

Was heisst das konkret?
Einerseits müssen wir beim Anbau umdenken. Wir müssen andere Sorten anbauen, die weniger Bewässerung brauchen. Und wir brauchen Systeme, die mit Schatten der Verdunstung entgegenwirken, etwa durch Bäume. Wenn es doch Bewässerung braucht, sollte diese hocheffizient sein, etwa durch Tropfschläuche. Diese Vorschläge sind nicht neu. Mir ist bewusst, dass die Landwirtschaft vor einer kritischen Situation steht. Ich kann jeden Bauern verstehen, wenn er sagt, er wolle mehr Wasser haben. Aber man muss auch sehen, dass zehn Jahre lang nichts passiert ist. Das grosse Umdenken muss kommen, sonst stossen wir bei den Wasserressourcen schmerzhaft an Grenzen. Diese Veränderungen müssen auch durch die Subventionspolitik vorangetrieben werden.

Bringt es überhaupt etwas, wenn ich als Einzelne Wasser spare? Oder ist das ein Tropfen auf den heissen Stein?
Jeder Liter Wasser, der nicht der Natur entnommen wird, ist gut. Auch wenn manche Wasserversorger meinen, Wassersparen sei nicht nötig. Ich denke, es ist auch psychologisch wichtig, sich in Trockenheitsphasen bewusst zu sein, dass das Wasser, das ich unter der Dusche verbrauche, dieser trockenen Natur da draussen entzogen wird.

«Spätestens nach diesem Sommer sollte jede Person, die ein Dach hat und nicht zur Miete lebt, eine Zisterne haben.»

Wo können Privatpersonen konkret Wasser einsparen?
Spätestens nach diesem Sommer sollte jede Person, die ein Dach hat und nicht zur Miete lebt, eine Zisterne haben, die das Regenwasser auffängt. Es sollte kein Regenwasser vom Dach ungenutzt in die Kanalisation fliessen. Mit diesem Wasser kann man etwa den Garten bewässern. Das ist manchmal ganz einfach: Wer jetzt etwa von der Ölheizung auf eine Wärmepumpe umstellt, hat zuhause bereits einen grossen Tank, den er oder sie reinigen und als Regenwassertank nutzen kann. Die Verantwortung liegt aber klar bei der Politik. Es wäre das falsche Signal, zu sagen, die Leute sollen zu Hause Wasser sparen und alles andere können wir lassen.

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523 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Garp
14.08.2026 06:39registriert August 2018
Danke für das Interview. Viele sind sich nicht bewusst, wie kostbar auch bei uns die Ressource Wasser ist.
Rösti wird nichts Nützliches tun, wenn ihm das Parlament nicht Beine macht.
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Seth
14.08.2026 06:38registriert November 2018
Was lesen meine müden Augen? Wieso zum Henker wissen wir solche Sachen nicht??? Das muss sich aber rasch ändern! Mann o mann, unsere Politiker wieder mal im Blindflug! Mann muss doch wissen, wieviel man hat und verbrauchen kann. Von allem möglichen wissen wir das und haben nationale Notvorräte etc, das kann doch nicht einfach beim Wasser ignorieren?
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Davoser86
14.08.2026 06:50registriert Mai 2020
Tolles Interview und sehr ehrlich. Ein schonungsloser Spiegel unserer gesellschaftlichen Wohlstandsverwahrlosung 🫣
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