Riesige Waldbrände in Europa, aber nicht in der Schweiz: Das sind die Gründe dafür
Ob Griechenland, Frankreich oder Spanien, auch in diesem Sommer brennen und brannten in zahlreichen europäischen Ländern die Wälder lichterloh. Gemäss Daten des Joint Research Centers der Europäischen Kommission wurden in diesem Jahr bereits 1780 Wildfeuer gemeldet, die zusammen über 623'000 Hektar Wald vernichteten. Dies entspricht rund 15 Prozent der Fläche der Schweiz.
Auch die Schweizer Wälder waren von den extremen Hitze- und Trockenperioden in diesem Sommer stark betroffen und sind es noch immer. In der Mehrzahl aller Kantone wurde im Laufe des Sommers die höchste Waldbrandgefahrenstufe verhängt, in einer Mehrheit aller Kantone herrschte, oder herrscht noch immer ein absolutes Feuerverbot.
Eine Studie der European Geosciences Union zeigt, dass der Klimawandel und die zunehmenden Trockenperioden die Waldbrandgefahr in Europa verschärfen – auch in der Schweiz. Dennoch fällt die hierzulande jährlich durch Waldbrände zerstörte Fläche mit durchschnittlich rund 150 Hektaren im europäischen Vergleich gering aus. Boris Pezzatti, Leiter des Standorts Cadenazzo der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), ordnet die Gründe dafür ein.
Die Topografie der Schweiz
Ein wesentlicher Unterschied der Schweiz im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, die stark von Waldbränden betroffen sind, ist die ausgeprägte Topografie im Alpenraum. Denn: Die grössten zusammenhängenden Waldflächen befinden sich in den Alpen und nicht im Flachland. Dies sei Fluch und Segen zugleich, sagt Boris Pezzatti: «Die Thermik sorgt in steilerem Gelände dafür, dass sich das Feuer schneller auf den Bergflanken ausbreitet, beschleunigt von seiner eigenen Thermik. Das sorgt jedoch auch dafür, dass die Brände sich normalerweise von Siedlungen im Talboden weg nach oben bewegen.»
Bilder wie jüngst aus der Gironde-Region bei Bordeaux, in denen die Flammen drohen, sich in bewohnte Gebiete auszuweiten, seien daher in der Schweiz nicht komplett auszuschliessen, jedoch bisher sehr selten, so der Forscher der WSL.
Steige ein Waldbrand einen bewaldeten Berghang hinauf, treffe er in höheren Lagen häufig auf offene Alpweiden oder flacheres Gelände, erklärt Pezzatti weiter: «Die sogenannten Sömmerungsflächen unterbrechen die zusammenhängende Vegetation und können das Feuer abbremsen oder Angriffspunkte für die Löschkräfte anbieten. Dadurch ist es in der Schweiz vergleichsweise selten, dass sich ein Waldbrand über einen Bergkamm hinweg von einem Tal ins nächste ausbreitet, auch bei tieferliegenden Bergen oder Hügeln, in welchen die Wälder bis zum Gipfel reichen.»
Landwirtschaftsflächen
Dabei helfen auch weitere Landschaftselemente, Waldflächen abzugrenzen. Zwischen den Waldflächen liegen Wiesen, Felsen, Täler und Siedlungen – natürliche Barrieren, die verhindern können, dass sich ein Feuer über grosse Distanzen ausbreitet.
Ein wichtiger Bestandteil davon seien auch landwirtschaftliche Flächen, wie der Forscher erklärt: «Auch wenn Bergdörfer oft entlang bewaldeter Hänge liegen, befinden sich meist noch Landwirtschaftsflächen zwischen Siedlung und Wald. Diese fungieren als Brandschneisen und können ein Bekämpfen und Eingrenzen der Flammen begünstigen.»
Pezzatti blickt als Beispiel dafür, wie relevant diese Landwirtschaftsflächen seien, zurück in die jüngere Geschichte des Kantons Tessin. Im Zuge des ökonomischen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg seien im südlichsten Kanton der Schweiz viele landwirtschaftliche Flächen, insbesondere an steilen Berghängen, aufgegeben und nicht mehr bewirtschaftet worden. In der Folge habe sich das Waldbrandgeschehen im Kanton in den 50er- und 60er-Jahren verdreifacht.
Die Zusammensetzung der Wälder
Was ebenfalls helfe, sei eine vorausschauende Anpassung der Wälder hinsichtlich des Klimawandels und der damit einhergehenden veränderten klimatischen Bedingungen. Eine Erhöhung des Laubholzanteils auch in tiefer gelegenen Wäldern sowie die Förderung von Mischwäldern helfe auch hinsichtlich der Waldbrandproblematik, sagt der Forscher der WSL.
Durch den häufig höheren Wassergehalt in den Blättern der Laubbäume sowie dem Umstand, dass diese weniger ätherische Öle beinhalten, sind diese weniger kronenbrandanfällig. Als Kronenbrand wird ein Waldbrand bezeichnet, bei dem das Feuer nicht nur am Boden brennt, sondern sich von Baumkrone zu Baumkrone ausbreitet. Gerieten reine Nadelwälder in Brand, sei es enorm schwierig, diese Brände unter Kontrolle zu bringen, sagt Pezzatti:
Im Mittelmeerraum sei die Vegetation bereits stark an die Trockenheit angepasst. Sobald viel Wasser in Form von Regen in diesen Gebieten falle, wachse die Vegetation besonders üppig, was paradoxerweise in den darauffolgenden Sommern zu einer erhöhten Waldbrandgefahr führe, wie der Forscher erklärt.
Prävention
Während die Bergkantone Wallis, Graubünden und das Tessin bereits seit längerem über ein ausgebautes Waldbrandmanagement verfügen, habe sich in den vergangenen Jahren auch in den Kantonen nördlich der Alpen ein immer grösseres Verständnis für die Wichtigkeit der Präventionsarbeit durchgesetzt, sagt Pezzatti.
Im Rahmen des 2019 eingereichten Postulats «Zeitgemässe, effiziente Waldbrandprävention und -bekämpfung» seien auch auf Bundesebene verschiedene Verbesserungsmassnahmen ausgearbeitet worden. Das BAFU setze diese gemeinsam mit den Kantonen und weiteren Akteuren schrittweise um – mit dem Ziel, die Waldbrandprävention und -bekämpfung schweizweit besser zu koordinieren und über die Kantonsgrenzen hinweg ganzheitlich zu denken.
Dabei gehe es nicht nur um kurzfristige Massnahmen. Eine mittelfristige Massnahme sei beispielsweise der Ausbau von Wasserbecken, aus denen Löschhelikopter bei einem Brand Wasser beziehen können, ohne dafür zurück ins Tal fliegen zu müssen. Auch das Sicherstellen der Zugänglichkeit der Wälder für die Löschfahrzeuge über die Zufahrtsstrassen gehöre dazu. Denn eine gut ausgebaute Löschinfrastruktur sei eine wichtige Voraussetzung für eine effiziente und rasche Brandbekämpfung, so Boris Pezzatti.
Auch die Kommunikation der Waldbrandgefahrenstufen und der Massnahmen über die gemeinsame Plattform des Bundes habe in diesem Sommer zu einer gut funktionierenden Prävention beigetragen. «Die Leute waren sich grösstenteils des Ernstes der Situation bewusst. Dazu haben möglicherweise auch die Brände im Ausland beigetragen.»
Doch auch in der Schweiz kam es in diesem Sommer zu einer Vielzahl von Bränden. Diese konnten jedoch jeweils rasch unter Kontrolle gebracht werden. Angesichts der zunehmenden Waldbrandgefahr durch Häufung von Trocken- und Hitzeperioden verursacht durch den Klimawandel sei es entscheidend, dass Behörden, Kantone, Forststellen und Feuerwehren weiterhin an zukunftsorientierten Löschstrategien und -taktiken arbeiteten, sagt der Leiter des WSL-Standort in Cadenazzo abschliessend. Nur wenn sich die Schweiz laufend auf die veränderten Bedingungen einstelle, könne sie auch künftig rasch und wirksam auf Waldbrände reagieren.
