Wissen
Forschung

mRNA-Impfung von Merck und Moderna: Der Durchbruch?

Hautkrebs, Melanom (Symbolbild)
Der schwarze Hautkrebs, fachsprachlich malignes Melanom, zeigt sich typischerweise als Muttermal, das sich verändert.Bild: Shutterstock

mRNA-Impfung gegen schwarzen Hautkrebs – ist das der Durchbruch?

Ein therapeutischer Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs erregt weltweit Aufsehen. Was Patienten darüber wissen sollten, erfährst du hier.
21.08.2026, 19:0921.08.2026, 19:09
Lydia Klöckner / t-online
Ein Artikel von
t-online

Die Schlagzeilen klingen gewaltig: Von «Durchbruch», «Sensation» und «Meilenstein» ist die Rede. Der Anlass: Die US-Pharmakonzerne Merck und Moderna haben mitgeteilt, dass die letzte Phase der klinischen Studien zu einem therapeutischen Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs (Melanom) im fortgeschrittenen Stadium positive Ergebnisse gezeigt habe. «Dies ist die erste Bekanntgabe von positiven Phase-3-Ergebnissen für eine mRNA-basierte Krebstherapie», hiess es in der gemeinsamen Erklärung.

Eine Phase-3-Studie ist die letzte grosse Prüfung, die ein neues Medikament bestehen muss, bevor eine Zulassung möglich wird. Die nun bekannt gegebenen Ergebnisse stammen allerdings aus einer Zwischenanalyse – die Studie ist also noch nicht abgeschlossen. Dennoch wirft die Neuigkeit Fragen auf. Insbesondere: Lässt sich schwarzer Hautkrebs bald besser behandeln?

Das Melanom ist die gefährlichste Form von Hautkrebs. In den USA lebten 2023 nach Angaben des National Cancer Institute mehr als 1,5 Millionen Menschen mit einer entsprechenden Diagnose.

Impfung soll das Risiko für Rückfälle senken

Der neue Impfstoff dient nicht einer Impfung im klassischen Sinne, die darauf abzielt, einer Erkrankung vorzubeugen. Vielmehr ist er für Menschen gedacht, die bereits an einem Melanom, also schwarzem Hautkrebs, erkrankt waren. Wenngleich ihr Tumor entfernt wurde, besteht bei ihnen das Risiko, dass der Krebs zurückkommt. Der Grund ist, dass einzelne Krebszellen im Körper zurückbleiben. Aus ihnen kann später wieder ein Tumor entstehen.

Um das zu verhindern, erhalten die Patienten häufig das Medikament Pembrolizumab, bekannt unter dem Markennamen Keytruda. Es hilft dem eigenen Immunsystem dabei, Krebszellen anzugreifen.

Dabei soll die mRNA-Therapie helfen. Einfach formuliert soll sie dem Immunsystem zeigen, woran genau es die Krebszellen erkennen kann.

Was ist eine mRNA?
Eine mRNA ist eine Art kurzlebige Bauanleitung, mit der Zellen bestimmte Eiweisse herstellen können. Der Körper nutzt solche Bauanleitungen ständig, um Informationen aus dem Erbgut umzusetzen. Es gibt auch künstlich hergestellte mRNA-Medikamente. Diese werden dazu eingesetzt, um dem Immunsystem zu zeigen, wer der «Feind im Körper» ist, den es zu bekämpfen gilt. Das Prinzip ist vielen noch aus der Coronazeit bekannt. Die mRNA-Impfstoffe gegen Covid sollten den Körper auf einen späteren Kontakt mit einem Virus vorbereiten. Bei der Krebsimpfung geht es hingegen darum, nach einer bereits behandelten Krebserkrankung möglicherweise verbliebene Krebszellen aufzuspüren.

Therapie wird individuell auf Patienten zugeschnitten

Krebszellen tragen genetische Veränderungen in sich, die von Patient zu Patient unterschiedlich sind. Diese Besonderheiten können Forscher nutzen, um für jede erkrankte Person eine eigene mRNA-Therapie herzustellen.

Dazu wird nach der operativen Entfernung des Tumors untersucht, welche besonderen Veränderungen die Krebszellen des Betroffenen haben. Auf Grundlage dieser Information wird im Labor eine persönlich zugeschnittene mRNA hergestellt. Sie enthält gewissermassen eine Anleitung, die dem Immunsystem zeigt: So sehen die Krebszellen aus.

Ähnlich wie viele klassische Impfungen wird der mRNA-Impfstoff als Spritze in einen Muskel gegeben. Das Immunsystem des Behandelten soll dann mögliche Krebszellen, die trotz Operation noch im Körper geblieben sind, leichter erkennen und gezielter angreifen.

Was hat die aktuelle Studie gezeigt?

In der Phase-3-Studie soll geklärt werden, ob die neue personalisierte mRNA-Therapie die bisherige Behandlung nach einer Melanom-Operation verbessern kann.

In der Studie wurden 1'137 Patienten untersucht, deren Tumor zuvor vollständig operativ entfernt worden war. Die Forscher teilten sie zufällig in zwei Gruppen ein: Rund zwei Drittel erhielten zusätzlich zur Standardtherapie mit Pembrolizumab die neue mRNA-Behandlung, die übrigen nur Pembrolizumab.

Die Therapie lief bis zu einem Jahr. Die mRNA-Spritze wurde alle drei Wochen bis zu neunmal verabreicht, Pembrolizumab alle sechs Wochen ebenfalls bis zu neunmal. Wenn der Krebs vorher zurückkehrte oder die Behandlung nicht vertragen wurde, endete sie früher.

Die zentrale Fragestellung war dabei: Wie lange bleibt der Patient nach der Behandlung frei von einem Rückfall? Und wie lange entstehen keine neuen Tumore in weiter entfernten Organen?

Die Zwischenanalyse ergab: Mit der zusätzlichen mRNA-Therapie dauerte es länger, bis der Krebs zurückkehrte, und auch Fernmetastasen traten später auf als mit der Standardtherapie allein. Den Unterschied bezeichnen Merck und Moderna als «statistisch signifikant» und «medizinisch bedeutsam». Hinweise auf bislang unbekannte Nebenwirkungen habe es nicht gegeben.

Ist es wirklich ein Durchbruch?

Der vermeldete Erfolg macht Hoffnung. Für Euphorie ist es jedoch zu früh. Die Hersteller haben bislang keine genauen Zahlen veröffentlicht. Die vollständigen Ergebnisse sollen auf einem medizinischen Kongress vorgestellt werden.

Es ist daher noch nicht bekannt, wie viele Patienten in beiden Gruppen tatsächlich einen Rückfall erlitten. Wie gross der Vorteil der neuen Therapie ist, lässt sich noch nicht sicher beurteilen. Bisher ist ausserdem nicht klar, ob die Patienten durch die Behandlung am Ende auch länger leben.

Was bedeutet die Nachricht für Erkrankte?

Die Therapie ist noch nicht zugelassen. Und bevor sich ihr tatsächlicher Nutzen beurteilen lässt, müssen die vollständigen Daten publiziert und von unabhängigen Fachleuten geprüft werden.

Wann die Zulassung erfolgen könnte, ist ebenfalls ungewiss. Anfang des Jahres schrieb Moderna in einem Aktionärsbrief, man wolle bei positiven Studienergebnissen gemeinsam mit dem Partner Merck eine mögliche Markteinführung bereits für 2027 vorbereiten.

Klar ist: Die Behandlung wird viel Geld kosten. Schon im Juni hatte Carola Berking, Direktorin der Hautklinik am Universitätsklinikum Erlangen, gegenüber dem Science Media Center auf ein mögliches Problem bei einem späteren breiten Einsatz hingewiesen: die Kosten. «Für jeden Patienten müsste individuell Tumorgewebe gewonnen und versendet und der Impfstoff hergestellt werden. Die komplexe Logistik und die strengen Herstellungsrichtlinien machen die Therapie sehr teuer – es werden bereits sehr hohe Preise von über 300'000 Euro pro Patienten diskutiert. Aus gesundheitsökonomischer Sicht ist das daher kaum für die breite Masse vorstellbar.»

Wert der Moderna-Aktie verdoppelt sich
Die Studiendaten zu dem neuartigen Hautkrebs-Impfstoff haben den Aktien der US-Biotechfirma Moderna am Mittwoch kräftigen Aufwind beschert. Der Wert der Moderna-Papiere verdoppelte sich im vorbörslichen Handel an der Wall Street und lag zuletzt 103 Prozent im Plus. Die Aktien von Merck & Co legten um 7,5 Prozent zu. Im Sog von Moderna griffen Anleger auch bei anderen Biotechfirmen zu: Die in den USA gelisteten Papiere der Mainzer BioNTech stiegen um 17,4 Prozent, Novavax gewannen 5,9 Prozent.

Für Moderna ist der Erfolg ein wichtiger Schritt beim Aufbau eines Geschäfts jenseits des Corona-Impfstoffs. Das Unternehmen hatte zuletzt die US-Zulassung für einen Grippeimpfstoff erhalten und entwickelt derzeit unter anderem Vakzine gegen das Norovirus und Borreliose. Analysten der Bank Barclays schätzen, dass die Hautkrebstherapie bis 2035 einen Umsatz von rund drei Milliarden Dollar erzielen könnte.​
infobox image
Bild: www.imago-images.de

Verwendete Quellen:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Mit Protonentherapie Krebs besiegt
1 / 6
Mit Protonentherapie Krebs besiegt
Der fünfjährige britische Krebspatient Ashya King hat die Krankheit offenbar besiegt, meldet die Familie des Kindes.
quelle: epa/epa file / filip singer
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Prinzessin Kate spricht über ihre Krebsdiagnose
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Aliens kommen?! Selbstverbessernde KI und unsere womöglich letzte Chance
Eine KI, die sich selbst immer weiter verbessert, klingt nach Science-Fiction – laut dem Chefwissenschaftler von OpenAI ist sie es bald nicht mehr. Und dann drohen wir die Kontrolle über die KI-Entwicklung vollends zu verlieren.
Mehr und mehr prominente Stimmen fordern eine Verlangsamung oder gar einen Stopp der KI-Entwicklung. Die Begründungen lassen aufhorchen: Selbstverbesserung, Kontrollverlust, KI-Herrschaft. Erforschen wir, warum diese Argumente mit so grosser Dringlichkeit vorgebracht werden – und was sie mit Aliens zu tun haben.
Zur Story