Feuer, Bomben, Lochkarten – was das Mobiliar-Archiv über die Geschichte der Schweiz verrät
Die Schweiz ist ein Land der Versicherungen. Beinahe 200 private Gesellschaften teilen sich den Markt; fast 150 Milliarden Franken Prämien fielen 2024 an. Das erste dieser Unternehmen wurde 1826 in Bern gegründet. Die «Schweizerische Gesellschaft zur gegenseitigen Versicherung des Mobiliars gegen Brandschaden», heute kurz «Die Mobiliar», versicherte als erste Privatversicherung der Schweiz bewegliches Hab und Gut (Fahrhabe) und schloss damit die Lücke, die kantonale Gebäudeversicherungen offen liessen. Fast hundert Jahre lang, bis 1915, blieb die Mobiliar eine reine Feuerversicherung, danach entwickelte sie sich zur Allbranchenversicherung.
Vorformen von Versicherungen gab es allerdings bereits in der Antike. Sie entstanden aus dem Bedürfnis, Risiken auf ein Kollektiv zu verteilen, um so Individuen vor existenziellen Verlusten zu schützen. Ein Beispiel ist etwa das altrömische Seedarlehen (faenus nauticum): Ging ein Schiff durch Sturm verloren, wurde der Besitzer entschädigt; kamen Schiff und Ware wohlbehalten an, hatte er hohe Zinsen an den Versicherungsgeber zu bezahlen. Ebenfalls im alten Rom gab es Sterbekassen – collegiae funeraticae. Sie boten mittellosen Leuten die Möglichkeit, die Kosten für die aufwändigen Bestattungen gemeinsam zu tragen.
Im Mittelalter entstanden Zusammenschlüsse von Kaufleuten (Gilden) und Handwerkern (Zünfte) zum Schutz und zur Förderung gemeinsamer Interessen. Sie erfüllten auch soziale Aufgaben, etwa die gegenseitige Unterstützung in Unglücksfällen. Gleichwohl waren Leute, die bei einem Brand ihre Habe verloren hatten, auf freiwillige und private Hilfe angewiesen. Dies blieb auch in der frühen Neuzeit so. Die Behörden unterstützten Geschädigte allenfalls mit Steuererleichterungen und sogenannten Brandbriefen, die ihnen das Betteln erlaubten.
Freiwillige Solidarität reichte jedoch nicht, um bei grösseren Bränden eine genügend grosse und gerechte Schadendeckung zu erreichen. Eine erste öffentliche Institution, die Garantien übernahm, wurde 1666 in London geschaffen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gründeten dann auch mehrere Schweizer Kantone staatliche Feuerversicherungsanstalten für Gebäude. Diese versicherten jedoch kein Mobiliar – dies blieb privaten Institutionen vorbehalten, von denen die erste eben die Mobiliar war.
In der Geschichte dieser ersten schweizerischen Versicherung spiegelt sich auch die Geschichte der Schweiz. Wir präsentieren einige Beispiele aus dem Firmenarchiv, das sich im labyrinthischen Kellergeschoss des Hauptsitzes in Bern befindet:
Die selbsterklärende Police
Dem Stil der Zeit entsprechend ist die erste Police der Mobiliar reich verziert: Kantonswappen säumen links und rechts den Text. Darüber thront ein opulent ausgestalteter Kopfbogen, der von einem Gemälde des französischen Malers Pierre-Nicolas Legrand de Lérant stammt. Die Szenerie darauf schildert den Zweck der Versicherung: Rechts sieht man den Brand und die hilfesuchenden Geschädigten, in der Mitte eine allegorische Frauenfigur: die Helvetia, die personifizierte Eidgenossenschaft. Sie verteilt das von den Versicherten am linken Bildrand – sie wurden damals noch als «Mitglieder» der Genossenschaft bezeichnet – eingesammelte Geld aus der «Brand-Cassa» an die Notleidenden.
Dass die Police in ihrer Bildsprache ihren eigenen Zweck erklärt, ist kein Luxus. Ähnlich wie etwa Glasfenster in mittelalterlichen Kirchen den leseunkundigen Schäfchen die biblischen Geschichten näherbringen sollten, sorgt der Kopf der Police dafür, dass auch Analphabeten erkennen können, worum es auf diesem Dokument geht.
Und Analphabeten gibt es 1828 – aus diesem Jahr stammt die Police – noch viele: Von den damals weniger als 2 Millionen Einwohnern der Schweiz kann nur ein Drittel lesen und schreiben. Auch nach der Gründung des Bundesstaats 1848 unterzeichnen zwischen 1855 und 1865 etwa im Kanton Tessin immer noch 10 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen die Heiratsurkunde mit einem Kreuz. Gleichwohl macht die Alphabetisierung zwischen 1830 und 1890 dank des Ausbaus der Volksschule gewaltige Fortschritte; gegen Ende des Jahrhunderts ist nahezu die gesamte Schweizer Bevölkerung lese- und schreibkundig.
Der Brand von Glarus
Nach halb zehn Uhr abends bricht am 10. Mai 1861 in einer Scheune nahe beim Glarner Landsgemeindeplatz ein Feuer aus. Angefacht vom Föhn greift der Brand schnell auf weitere Gebäude über. Die schmalen Strassen und die dicht aneinander gebauten Holzhäuser begünstigen die Ausbreitung des Feuers. In wenigen Stunden gehen rund 600 Gebäude in Flammen auf – zwei Drittel des Kantonshauptorts sind zerstört, knapp die Hälfte der 5000 Einwohner obdachlos. Weil die meisten Leute bei Brandausbruch noch nicht schlafen, sind relativ wenig Todesopfer zu beklagen. Acht bis zehn Menschen kommen in der Brandnacht ums Leben, einige sterben später noch an Rauchvergiftung.
Die Katastrophe löst eine starke Solidaritätswelle aus; tausende von Privaten und Vereinen nehmen an der Spendenaktion teil und sammeln insgesamt 2,7 Millionen Franken für die Geschädigten. Doch selbst diese Rekordsumme kann die Gesamtschadensumme – 8,7 Millionen Franken an Gebäudeschäden und verbrannter Fahrhabe – nicht decken. Die Mobiliar zahlt mehr als eine Million Franken an ihre 116 Versicherten aus und gerät damit an den Rand des Ruins. Nur diverse Darlehen – darunter als grösstes 300'000 Franken des Kantons Bern – retten sie vor dem Konkurs. Die darauf angestrebte Gründung eines kantonalen Rückversicherungsverbandes misslingt, doch 1863 gründen die Helvetia, die Basler Handelsbank und die Schweizerische Kreditanstalt die Schweizer Rück.
Die «Titanic vom Bodensee»
1823 befährt mit der «Guillaume Tell» auf dem Genfersee das erste Dampfschiff ein Gewässer in der heutigen Schweiz. Bis Mitte des Jahrhunderts hat sich die Dampfschifffahrt auf allen grossen Seen durchgesetzt, auch auf dem Bodensee. Dort, auf dem Untersee und Hochrhein, versieht seit 1865 der von der Firma Escher Wyss & Cie. erbaute Raddampfer «Rheinfall» seinen Dienst. Das 41 Meter lange und 8 Meter breite Schiff, das 250 Personen befördern kann, verkehrt zwischen Konstanz und Schaffhausen.
Bis zum 20. Dezember 1869. Da explodiert am Nachmittag um 14 Uhr bei der Abfahrt von Berlingen der Kessel des Glattdeck-Dampfers. Das Vorderdeck wird in die Luft geschleudert, im hinteren Teil des Rumpfs strömt sofort viel Wasser ein und die «Rheinfall» beginnt achtern schnell zu sinken. Vier Fahrgäste und der Steuermann kommen beim Untergang der «Titanic vom Bodensee» ums Leben, 22 Passagiere und der Rest der Crew werden aus dem eiskalten Wasser geborgen.
Die Ursache des Unglücks kann nicht genau geklärt werden. Möglich ist, dass sich zu wenig Wasser im Kessel befunden hat und dann eine schnelle Zufuhr von Speisewasser die Explosion verursacht hat. Die Mobiliar, die seit 1866 neu auch für Explosionsschäden von Gas- und Dampfkesseln haftet, vermutet Fahrlässigkeit oder gar Grobfahrlässigkeit und lässt Taucher das Wrack untersuchen. Doch die «Rheinfall» gibt ihr Geheimnis nicht preis und kann nicht gehoben werden. Die Mobiliar zahlt die Schadensumme von 78'000 Franken – der teuerste Schadenfall in diesem Jahr – und die Kosten für die Bergungsversuche. Danach versichert die Gesellschaft lange Zeit keine Dampfschiffe mehr.
Ein Jahr später wird mit der «Hohenklingen» ein Ersatzschiff eingesetzt. Die «Rheinfall» kann 1871 dann doch gehoben und unter dem neuen Namen «Neptun» wieder in Dienst gestellt werden. Doch das Unglück bleibt dem Schiff treu: 1922 sinkt die «Neptun» bei Reparaturarbeiten in der Werft. Nachdem sie erneut gehoben wird, bleibt sie noch bis 1939 in Dienst und wird dann verschrottet. Der Kessel der «Rheinfall» wird erst 1995 gehoben und ziert heute den Schiffssteg von Berlingen.
US-Bomben auf Schaffhausen
Im Frühjahr 1944 tobt in Europa seit viereinhalb Jahren der Zweite Weltkrieg. US-amerikanische und britische Bomberflotten legen eine deutsche Stadt nach der anderen in Schutt und Asche. Mitten in diesem Inferno liegt die Schweiz – eine friedliche, wenn auch auf allen Seiten vom Machtbereich des «Dritten Reichs» umgebene Insel. So sind viele Leute in Schaffhausen kaum beeindruckt, als am 1. April um 10.39 Uhr die Sirenen heulen – es ist schliesslich nicht das erste Mal. Einige stellen sich nach dem Fliegeralarm sogar ans Fenster oder gehen ins Freie, um den Überflug der Bomber zu beobachten.
Doch diesmal ist es tödlicher Ernst: Die Crews der 47 viermotorigen schweren Bomber des Typs Consolidated B-24 «Liberator», die sich der Stadt aus dem Raum Bodensee-Frauenfeld nähern, sind vom Kurs abgekommen und wollen nur noch ihre Ladung loswerden. Ihr eigentliches Ziel, Ludwigshafen am Rhein, liegt rund 200 Kilometer weiter nördlich. Einige der Flugzeuge werfen ihre Bombenlast über Schaffhausen ab, das sie für eine rechtsrheinische deutsche Stadt halten.
40 Sekunden lang regnen 378 Spreng- und Brandbomben auf Schaffhausen; 40 Menschen kommen in dem Inferno um, 271 werden verletzt. 66 Gebäude – darunter der Bahnhof, das naturhistorische Museum am Herrenacker und das Museum zu Allerheiligen – sind zerstört. Die Katastrophe macht über 460 Menschen obdachlos; 1000 Arbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. Es ist nur eine von 77 irrtümlichen Bombardierungen der Schweiz, jedoch die schwerste.
Der Bundesrat nimmt alle Schweizer Feuerversicherungsgesellschaften in die Pflicht – sie müssen sich à fonds perdu an der Deckung dieser sogenannten Neutralitätsverletzungsschäden beteiligen. Für die Mobiliar – insgesamt sind rund 500 ihrer Versicherten betroffen – ist das ein Betrag von mehreren Millionen Franken. Die USA zahlen zunächst 4 Millionen Dollar an Entschädigung und 1949 zusätzlich mehr als 62 Millionen Franken. Später kommt das Gerücht auf, die Amerikaner hätten Schaffhausen absichtlich bombardiert, als Bestrafung für Rüstungslieferungen an Nazi-Deutschland. Dies ist durch Akten – beispielsweise Logbücher – aus amerikanischen Archiven mittlerweile klar widerlegt.
Von der Lochkarte ...
Schon seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts werden erste Lochkartensysteme zur Automatisierung von Vorgängen verwendet. Frühe Beispiele dafür sind unter anderem lochkartengesteuerte Webstühle. Hingegen dauert es bis in die 1880er-Jahre, bis Lochkarten auch für die maschinelle Datenverarbeitung eingesetzt werden. Der amerikanische Ingenieur Herman Hollerith entwickelt für die US-Volkszählung von 1890 die nach ihm benannte Hollerith-Maschine, die Lochkarten elektromechanisch auswerten kann. Zu Beginn setzen nur Grossbetriebe diese Maschinen ein, so etwa 1928 die Rentenanstalt in Zürich, die mit Geräten des Norwegers Fredrik Rosing Bull für Versicherungsanwendungen eine Lochkartenabteilung einrichtet.
Auch die Mobiliar führt 1948 eine solche Abteilung ein, in der Datatypistinnen die Daten der Policen in Papiercodes übersetzen. 1967 fällt diese Abteilung bereits wieder dem Fortschritt zum Opfer: Die Mobiliar führt als eine der ersten Schweizer Firmen die elektronische Datenverarbeitung ein. Noch dienen Lochkarten, die sich längst als Medium zur Programmeingabe und Datenspeicherung etabliert haben, neben Magnetbändern, -streifen und -platten als Speichermedien für die neu in Betrieb genommene elektronische Datenverarbeitungsanlage IBM 360/40.
... zum PC
Die ersten kommerziell genutzten Computer, die ab Ende der 1950er-Jahre in der Schweiz auftauchen, sind Grossrechner, die in grossen Firmen – darunter Banken, Versicherungen, aber auch PTT und SBB – Verwendung finden. Ende der 1980er-Jahre sind in der Schweiz etwa 2700 dieser Systeme im Einsatz. Doch seit Mitte der 1970er-Jahre gelangen auch Kleinstcomputer für den Amateur- und Freizeitbereich auf den Markt, die sich ab 1981 – zu Personal Computern (PC) weiterentwickelt – in den Schweizer Haushalten verbreiten. Bekannte Beispiele sind der IBM-PC und ab 1984 der Apple Macintosh.
Von da an geht es schnell: Zwischen 1990 und 2014 steigt der Anteil der Schweizer Haushalte, in denen mindestens ein PC steht, um mehr als das Fünffache. 2015 beträgt der Anteil beinahe 90 Prozent. Auch am Arbeitsplatz lässt sich der Siegeszug der neuen Technik nicht aufhalten. Die Mobiliar beginnt 1984 mit der individuellen, dezentralen Datenverarbeitung. Eines der ersten Geräte, die in den Generalagenturen zum Einsatz kommen, ist der IBM PC-XT 5160 mit 5 ¼’’ Disketten-Laufwerk und 10 Megabyte Harddisk, der mehr als 12'000 Franken kostet.
Die neue Technik kommt nicht ohne Risiken: Hacker haben es auf sensible Daten abgesehen, Viren bedrohen die Datensicherheit. So warnt Markus Stucki, damals der einzige PC-Spezialist der Mobiliar, schon 1989 im Mitarbeitermagazin vor den digitalen Gefahren und mahnt die Einhaltung der Regeln an, die unter anderem Computerspiele und private Software auf dem Firmen-PC verbieten.
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