Sie erforschte Giftgas und warnte davor – ihre Kollegen machten sie lächerlich
Ihr Spitzname verrät schon vieles über die öffentliche Wahrnehmung von Gertrud Woker (1878–1968). Sie war die erste Privatdozentin für Chemie an einer Schweizer Hochschule, visionäre Pionierin der Biochemie, Leiterin des Berner Instituts für physikalisch-chemische Biologie. In der deutschen Literaturzeitung wurde ihre Abhandlung zur katalytischen Forschung vom Wissenschaftshistoriker Franz Strunz gelobt. Doch in der Schweiz wurde sie als «Gas-Trudi» zur Verrückten erklärt und von ihren Kollegen öffentlich lächerlich gemacht. Heute gilt sie als «vergessene Heldin».
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Eine Kindheit gegen den Strom
Gertrud Woker wird am 16. Dezember 1878 in Bern geboren, als Tochter eines Professors für Kirchengeschichte und einer Schwester des Bundesrates Eduard Müller. In ihrer Mutter und in ihrer Tante Emma Müller-Vogt findet sie prägende Vorbilder für ihren späteren Kampf für Frauenrechte. Obwohl ihr Vater sich für das Recht der Frauen auf Bildung einsetzt, will er seine eigene Tochter nicht auf das neu eröffnete Mädchengymnasium schicken. Stattdessen wird sie im Haushalten unterrichtet. Aber Gertrud lernt heimlich, jede Nacht bis drei Uhr, dies verraten ihre damaligen Tagebucheinträge.
Schliesslich schafft sie die Matura in allen Fächern mit Bestnoten und schreibt sich an der Universität Bern ein. 1903 schliesst sie ihr Chemiestudium mit summa cum laude als erste Schweizerin mit einem Doktortitel in Chemie ab und erwirbt zusätzlich das Diplom für das höhere Lehramt. 1907 wird sie Privatdozentin für Chemie – die erste an einer Schweizer Hochschule. Es ist ein Meilenstein, aber kein Freifahrtschein: Ihr Labor bleibt winzig, ihr Lohn ein Bruchteil dessen ihrer männlichen Kollegen.
Das Gas aus den Schützengräben
Wokers Welt verändert sich schlagartig, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Aus den Schützengräben Belgiens kommen Berichte, die auch die wissenschaftliche Gemeinschaft aufwühlen: Im April 1915 setzen die Deutschen im belgischen Ypern erstmals in grossem Massstab Chlorgas ein. Über 1500 Menschen ersticken, Zehntausende erleiden schwere Verätzungen der Lunge. Entwickelt hatte dieses Gas kein Unbekannter, sondern Fritz Haber, ein angesehener Berliner Chemiker, der seine Forschung in den Dienst des Krieges gestellt hatte. Seine Frau, die Chemikerin Clara Immerwahr, soll sich unter anderem aufgrund des Gaskriegs-Engagements ihres Ehemannes mit dessen Dienstwaffe erschossen haben.
Während ihre Kollegen den Einsatz von Giftgas als Wendepunkt in der Militärgeschichte feiern, zieht Woker andere Schlüsse, und das nicht kleinlich. Sie beginnt, darüber zu schreiben und zu sprechen, was diese Gase im menschlichen Körper anrichten: «Die entsetzlichen Wirkungen der chemischen Kriegsführung müssen der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden», formuliert sie ihr Credo. 1925 erscheint ihr Buch «Der kommende Giftgaskrieg», 1932 folgt eine erweiterte Fassung. Beides sind keine trockenen Abhandlungen, sondern engagierte Warnungen an eine Gesellschaft, die nicht bereit ist, hinzuhören.
«Landesverräterin» im eigenen Land
«Hätte ich lieber schweigen sollen?», schreibt Woker später. Anstatt ihre Warnungen ernst zu nehmen, wird sie von Forschung und der Öffentlichkeit angegriffen. Kollegen versuchen, sie zu diskreditieren. Die Schweizer Armee fordert ihre Absetzung und stuft sie als Landesverräterin ein. Bei der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) findet sie Gehör und auch im Völkerbund, der Vorgängerorganisation der UNO, wird sie ernst genommen. Auf einer grossen Vortragsreise durch die USA mit der IFFF nennen ihre Kollegen sie eine deutsche Spionin und eine «Geisteskranke». Weil der Ku-Klux-Klan einen Anschlag auf die Gruppe der reisenden Pazifistinnen plant, ziehen die Sponsoren ihr Geld zurück und die Tournee muss abgebrochen werden.
Wokers pazifistischer Aktivismus ist ihren Kollegen ein Dorn im Auge. Die ausserordentliche Professur, die ihr längst zugestanden hätte, bekommt sie erst, als der Berliner Professor Isidor Traube öffentlich fragt, warum eine so brillante Wissenschaftlerin in Bern noch keine Professur habe. Er äussert offen seinen Verdacht: Wokers pazifistisches Engagement sei ein bewusster Karriereverhinderungsgrund. Der Vorwurf wirkt. Mit 55 Jahren wird Gertrud Woker endlich ausserordentliche Professorin – Jahrzehnte später als das, was ihr zugestanden wäre.
Wissenschaft mit Haltung hat ihren Preis
Hätte Woker schweigen sollen? Es ist eine bittere Ironie, die schon Wokers Zeitgenossen nicht entging: Hätte sie über die Gefahren des Giftgases geschwiegen und ihr Wissen wie Fritz Haber für Kriegszwecke eingesetzt, wäre ihr die wissenschaftliche Anerkennung wohl kaum verwehrt geblieben. Der Lohn des Schweigens wäre eine glänzende Karriere gewesen. Den Preis des Redens bezahlte sie ihr Leben lang.
Was erwarten wir eigentlich von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wenn ihre Forschung für Krieg und Zerstörung eingesetzt werden kann? Gertrud Wokers Geschichte zeigt das Dilemma in seiner schärfsten Form. Sie verstand die Gefahr von Giftgasen. Sie hatte die moralische Überzeugung, dass dieses Wissen nicht für militärische Zwecke eingesetzt werden darf. Und sie bezahlte einen hohen Preis dafür. Nicht weil sie einfach schwieg, sondern weil sie es wagte, sich gemäss ihren Überzeugungen zu äussern.
Die letzten Jahre
Ihre Bücher werden von den Nationalsozialisten verbrannt. Aber Gertrud Woker schreibt weiter. Sie warnt vor Atomwaffen, noch bevor die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki fallen. Sie mahnt vor dem Einsatz von Chemikalien in Vietnam, Jahre bevor die Welt begreift, was Agent Orange anrichtet. Vor der UNO wird sie als «führende Frau Europas» gelobt. Zu Hause, in der Schweiz, wird sie als Wissenschaftlerin nie die Wertschätzung erfahren, die ihr zugestanden hätte.
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Ihre letzten beiden Lebensjahre verbringt Woker in einer psychiatrischen Klinik am Neuenburgersee. Die Akten sind unter Verschluss. Was genau dort geschah, ist bis heute unklar. Ihr Grossneffe Martin Woker hat Tante Trudi nie kennengelernt; das Einzige, was er über sie wusste, war, dass man sie für «nicht ganz klar im Kopf» gehalten hatte.
Als Gertrud Woker 1968 im Alter von 89 Jahren stirbt, wird an der Universität Bern der erste Lehrstuhl für Biochemie eingerichtet – jenes Gebiet, das sie selbst mit aufgebaut hatte. Heute trägt eine kleine Strasse in der Berner Länggasse ihren Namen. Sie führt entlang des Departements für Chemie und Biochemie. Schritt für Schritt beginnt die Schweiz, eine ihrer Grossen zu würdigen. Zu spät für Gertrud Woker selbst – aber nicht zu spät für die Fragen, die ihr Leben aufwirft.
Landesmuseum Zürich
Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis heute politische Strukturen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ordnungen in der Schweiz beeinflusst haben, und lädt dazu ein, verbreitete Vorstellungen vom Verhältnis der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen – einem Krieg, der oft als fern gilt, aber tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist.
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